Panorama
Eine Biologin bereitet Gurkenproben für die Untersuchung auf verotoxinbildende E. coli-Bakterien vor, zu denen der lebensbedrohlichen Darmkeim EHEC gehört.
Eine Biologin bereitet Gurkenproben für die Untersuchung auf verotoxinbildende E. coli-Bakterien vor, zu denen der lebensbedrohlichen Darmkeim EHEC gehört.(Foto: dpa)

"Es geht weiter": EHEC-Krisenstab warnt

Das Spitzentreffen von zuständigen Ministerien und Gesundheitsexperten zur EHEC-Welle bringt alles andere als gute Neuigkeiten. Es sei mit steigenden Fallzahlen zu rechnen, erklärt Gesundheitsminister Bahr und ruft die Verbraucher zur Vorsicht auf. Bislang fordert die Darmkrankheit in Deutschland 14 Todesopfer.

Keine Klarheit über die EHEC-Quelle, wahrscheinlich weitere Tote, erneuerte Warnung vor Gemüse: Nach einem Spitzentreffen haben Bund, Länder und Behörden die Bevölkerung auf eine weitere Ausbreitung der Infektionswelle eingestimmt. "Eine Reihe von Patienten ist deutlich gefährdet. Es sind auch keine weiteren Todesfälle auszuschließen, sondern eher wahrscheinlich", erklärte der Präsident des Robert Koch-Instituts, Reinhard Burger. Ein Abschwächen der Welle erwarte er nicht. "Es geht weiter."

Eine zweite Studie habe erneut gezeigt, dass der Verzehr von rohem Gemüse in Norddeutschland ein erhöhtes Risiko berge, teilte der RKI-Chef mit. Entsprechende Warnungen würden weiter bestehen. "In dieser Woche werde sich zeigen, ob die Verzehrwarnung hilfreich war oder nicht." Grund sei die lange Zeit zwischen Infektion und Krankheitsausbruch.

Bahr optimistisch

Gesundheitsminister Bahrl, Verbraucherschutzministerin Aigner und der Präsident des RKI, Burger, vor dem Krisentreffen.
Gesundheitsminister Bahrl, Verbraucherschutzministerin Aigner und der Präsident des RKI, Burger, vor dem Krisentreffen.(Foto: dpa)

Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) fasste das Treffen zusammen: "Ergebnis ist, dass leider weiter mit einer steigenden Fallzahl zu rechnen ist." Es gebe Anzeichen, dass die Infektionsquelle weiter aktiv sei. "Wir haben eine angespannte Situation, aber sie ist zu bewältigen", meinte Bahr mit Blick auf die EHEC-Patientenversorgung. Die Bürger seien zu vorsichtigem Verhalten aufgefordert.

Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) wies auf die geographische Ausweitung hin: "EHEC hat längst eine europäische Dimension." Sie betonte: "Wir stehen gemeinsam vor einer großen Herausforderung." Zum Schutz der Verbraucher sei es richtig gewesen, frühzeitig Verzehrhinweise zu geben. Der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), Andreas Hensel, sagte, es sei der größte bisher bekannte EHEC-Ausbruch in Deutschland. Und: "Wir können bis zum heutigen Tage nicht sicher eine Infektionsquelle benennen."

Neue Meldungen über Todesopfer

MHH-Klinikdirektor Haller erklärt die neue Behandlungsmethode.
MHH-Klinikdirektor Haller erklärt die neue Behandlungsmethode.(Foto: dpa)

Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit dem EHEC-Darmkeim steigt unterdessen weiter. In Schleswig-Holstein ist am Wochenende ein 75-jähriger Mann an den Folgen der EHEC-Infektion gestorben. Damit steigt die Zahl der EHEC-Toten in Deustschland auf vierzehn. Der Mann war Patient im Rendsburger Krankenhaus, wie das Kieler Gesundheitsministerium mitteilte. Er ist das fünfte Todesopfer des aktuellen Ausbruchs in Schleswig-Holstein und bundesweit der zweite Mann, der an dem gefährlichen Darmkeim gestorben ist.

In Mecklenburg-Vorpommern starb eine 87-Jährige Frau in einem Krankenhaus in Parchim, wie das Landesamt für Gesundheit und Soziales berichtete. Die Frau habe die typischen Krankheitssymptome inklusive denen der lebensgefährlichen Komplikation HUS entwickelt.

Zuvor war bekannt geworden, dass erstmals in der aktuellen Erkrankungswelle auch Menschen außerhalb Norddeutschlands getötet wurden. In Nordrhein-Westfalen starben eine 40- bis 50-jährige Frau und eine 91-Jährige an den Folgen der gefährlichen Durchfallinfektion. Nach offiziellen Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) sind bisher 329 Menschen als Folge einer EHEC-Infektion am hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) erkrankt, das sich unter anderem durch Nierenversagen äußern kann.

Neuinfektionen im Norden rückläufig

Umfrage

Ungeachtet der offenbar weiter aktiven Erregerquelle scheint der Anstieg der Neuerkrankungen zumindest in Norddeutschland offenbar gestoppt. Die Zahl der Neuinfektionen sei "deutlich rückläufig", erklärte Jörg Debatin, Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Dies sei auch an anderen Kliniken zu beobachten. Auch die Zahl der HUS-Fälle scheine stabil zu sein. Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) sieht dies als mögliches Indiz dafür, "dass der Höhepunkt der Erkrankungswelle überschritten ist".

Hoffnungen setzen die Ärzte in ein neues Medikament, mit dem jeweils rund ein Dutzend schwerkranke EHEC-Patienten an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und am Hamburger Uniklinikum derzeit behandelt werden. Der Antikörper mit der Bezeichnung Eculizumab war im vergangenen Jahr erfolgreich bei drei Kleinkindern eingesetzt worden, die nach einer EHEC-Infektion schwer erkrankt waren. Die neuartige Therapie scheine auch bei den erwachsenen Patienten nach ersten Einschätzungen erfolgreich zu sein, sagte ein MHH-Sprecher am Montag. Der UKE-Nierenspezialist Rolf Stahl sagte, verlässliche Aussagen seien aber erst in drei bis vier Wochen möglich.

Russland verhängt Import-Stopp

Unterdessen hat die EHEC-Seuche die Landwirtschaft empfindlich getroffen und einen Millionenschaden angerichtet. Sowohl in Deutschland als auch im europäischen Ausland bleiben Bauern auf ihrer Ware sitzen und klagen über kräftige Einnahmeausfälle. Wegen fehlender deutscher Nachfrage ist der Gemüse-Export aus den Niederlanden ins Nachbarland fast zum Erliegen gekommen. Spanien prüft sogar Schadensersatzforderungen gegen Deutschland.

Russland hat ein Einfuhr-Verbot für Gemüse aus Deutschland und Spanien verhängt. Sollte sich die Lage nicht ändern, werde Russland keinerlei europäische Gemüseprodukte mehr importieren, kündigte der Chef der russischen Verbraucherschutzbehörde, Gennadi Onischtschenko, an. Er rief die russische Bevölkerung auf, kein Gemüse aus Deutschland und Spanien zu kaufen. "Sie sollten heimische Produkte kaufen." Die Zollbehörden in Russland hatten bereits Ende vergangener Woche die Anweisung erhalten, deutsche Produkte bei der Einfuhr genauer zu prüfen.

EHEC breitet sich aus

Der gefährliche EHEC-Keim breitet sich auch außerhalb Deutschlands und sogar außerhalb Europas weiter aus. Mindestens drei Amerikaner, die zuvor in Deutschland waren, seien erkrankt. In Schweden hat es nach Angaben der EU-Kommission bisher 30 nachgewiesene EHEC-Fälle gegeben, bei 13 davon handele es sich um schwererkrankte HUS-Patienten. In Dänemark gebe es elf EHEC-Erkrankungen, daraus fünf HUS-Fälle, in Großbritannien drei EHEC- und zwei HUS-Fälle, in Österreich zwei EHEC-Patienten und in den Niederlanden einen HUS-Fall.

Eine Lieferung spanischer Gurken, die mit dem riskanten EHEC-Erreger befallen sein könnte, war nach Angaben der EU-Kommission in den vergangenen Tagen aus Deutschland nach Dänemark gegangen. Dänemark habe die Gurken vom Markt genommen, hieß es. Auch in Ungarn, Österreich, Frankreich, Luxemburg, Tschechien und den Niederlanden seien verdächtige spanische Gurken angekommen. Noch sei aber nicht nachgewiesen, ob sie tatsächlich mit dem EHEC-Keim befallen sind. Dem werde nachgegangen, hieß es.

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Quelle: n-tv.de

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