Dienstag, 22. September 2009
Psychotherapie mit Drogen: Ein Patient weiter im Koma
Die Berliner Polizei ermittelt wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge.
(Foto: dpa)
Auch drei Tage nach einer Therapiesitzung in Berlin-Hermsdorf liegt ein dritter Patient noch im Koma. Zwei Menschen waren nach der Einnahme von Drogen gestorben. Der 55-Jährige befinde sich in unverändert kritischem Zustand, sagte ein Polizeisprecher.
Am Sonntagabend war Haftbefehl gegen den 50 Jahre alten Therapeuten ergangen, der zugegeben hatte, den Teilnehmern einen Drogen-Cocktail verabreicht zu haben. Ihm wird in zwei Fällen gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge sowie in sechs Fällen gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Bei den Todesopfern handelt es sich um zwei Männer im Alter von 59 und 28 Jahren.
Berufsverbände sprachen von einem Fall von "Scharlatanerie" in der Praxis des 50-Jährigen, der in Verbindung mit einer sektenähnlichen Gemeinschaft steht.
"Grauer Markt" für alternative Therapien
Bewusstseinsverändernde Drogen hätten in der Psychotherapie nichts verloren, hieß es. Mit dem Fall rücken Angebote an der Grenze zwischen Therapie und Spiritualität in den Blickpunkt, die nach Expertenaussagen seit Jahren zunehmen. Der Präsident der Ärztekammer Berlin, Günther Jonitz, kritisierte den "grauen Markt" für alternative Therapien. "Wir haben in Deutschland eine ganz besonders hohe Nachfrage nach solchen alternativen Heilverfahren, bei denen bis zum heutigen Tag aber jeder konkrete Nachweis eines konkreten Nutzens fehlt", sagte er dem Radiosender MDR Info.
Haftbefehl erlassen
Das Haus, in dem sich die Praxis des Angeklagten befindet.
(Foto: dpa)
Gegen den verantwortlichen Arzt war am Sonntagabend Haftbefehl ergangen. Ihm wird in zwei Fällen gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen sowie in sechs Fällen gefährliche Körperverletzung.
Die Ermittler suchen noch immer die genaue Zusammensetzung des Drogencocktails, die der Mediziner den insgesamt zwölf Teilnehmern in seiner Praxis im Berliner Norden verabreicht hatte. Der Verdächtige habe dazu zwar Angaben gemacht, sagte ein Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft. Die Anklagebehörde wolle diese aber nicht öffentlich machen, bevor das Ergebnis der toxikologischen Untersuchung vorliege, die einige Tage in Anspruch nehme.
Vereinigung distanziert sich
Die Drogen sollten bei dem Treffen mit zwölf Teilnehmern eine Art Bewusstseinserweiterung bewirken. Zwei Männer im Alter von 59 und 28 Jahren erlagen der Vergiftung.
Die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung distanzierte sich von dem Arzt. Eine solche Behandlung habe mit Psychotherapie nichts zu tun, erklärte der Vorsitzende Dieter Best. "Unser Mitgefühl gilt den Angehörigen der Opfer. Wir sind erschüttert, dass so etwas möglich ist, verwahren uns aber dagegen, dass Scharlatanerie, wie sie hier betrieben wurde, mit Psychotherapie in Verbindung gebracht wird."
Ehefrau auf freiem Fuß
Die Frau des Berliner Arztes, die gemeinsam mit ihm als Psychotherapeutin die Praxis führt, ist den Angaben zufolge auf freiem Fuß. Derzeit sei ihr Mann der einzige Tatverdächtige, hieß es. Beide boten in ihrer Praxis die psycholytische Therapie an. Dabei werden bewusstseinsverändernde Substanzen verwendet, etwa auch Rauschgifte wie LSD und bestimmte Pilze. Das Haus des Arztes im beschaulichen Stadtteil Hermsdorf ist versiegelt.
"Gemeinschaft Kirschblüte"
Der Schweizer Mentor des Therapeuten, Samuel Widmer, äußerte sich betroffen von den Vorfällen. Der Berliner sei vor 15 Jahren bei ihm in der Ausbildung gewesen, sagte Widmer. Er selbst arbeite nur mit genehmigten Substanzen. "Ich muss also annehmen, dass er etwas anderes genommen hat, denn meine Substanzen sind ungefährlich." Widmer sagte, er wisse, dass sich diese Therapien, weil sie verboten seien, "massiv im Untergrund ausbreiten".
Widmer leitete in der Schweiz eine "Gemeinschaft Kirschblüte", die die Zentralstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche als Sekte einstuft. "Es ist nicht auszuschließen, dass das in Berlin ein Biotop ist, das in diese Richtung gehen sollte", sagte der Experte der Zentralstelle, Michael Utsch, und verwies auf eine wachsende Zahl unseriöser Angebote in der Psychotherapie. Gesicherte Erkenntnisse über die Teilnehmer der Hermsdorfer Sitzung gibt es allerdings noch nicht.
Schweizer Mentor gegen Inzesttabu
Der Berliner Therapeut und seine Frau waren als Referenten eines Seminarprogramms Widmers eingeplant, das unter dem Titel "Therapeutisch-Tantrisch-Spirituelle Universität" firmiert und sich auf psycholytisches Arbeiten spezialisiert hat. Widmer lebt im schweizerischen Lüsslingen mit zwei Frauen und hat mit ihnen insgesamt elf Kinder. Er kritisiert in einem Interview auf seiner Website unter anderem das Inzesttabu.
dpa

