Panorama

Nach dem Amoklauf in AnsbachEinblicke in ängstliche Seele

21.09.2009, 17:30 Uhr

Wenn Amokläufer andere mit in den Tod reißen, bleiben die genauen Motive meist im Dunkeln. Anders scheint dies bei bei der Tat in Ansbach zu sein: Wiederhergestellte Daten auf einer Computerfestplatte des 18-jährigen Schülers geben tiefe Einblicke in das Seelenleben des Täters.

Wo immer Amokläufer andere in den Tod rissen - die Motive blieben auch nach intensiven Kripo-Ermittlungen meist vage. Das scheint beim Fall des Ansbacher Amokläufers anders zu sein: Wiederhergestellte Daten auf einer gelöschten Laptop-Festplatte des 18 Jahre alten Abiturienten geben nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft überraschend tiefe Einblicke in das Seelenleben des Amokläufers - und bieten Pädagogen und Psychologen womöglich wichtige Anhaltspunkt für ihre Präventionsarbeit.

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Was treibt einen jungen Menschen zu einer derart sinnlosen Tat? Psychologen und Pädagogen suchen nun mit Hilfe der gefundenen Dokumente nach Antworten und Präventionsmöglichkeiten. (Foto: picture-alliance/ dpa)

Der 18-jährige Georg R., der nach schweren Schussverletzungen auch noch nicht vernehmungsfähig war, hatte in der Vorwoche bei einem Amoklauf im Ansbacher Gymnasium Carolinum einen Lehrer und neun Schüler mit Brandsätzen und einer Axt verletzt.

In einem rund 70-seitigen Laptop-Text hat Georg R. - wahrscheinlich mangels realen Gesprächspartners - über Monate hinweg einem fiktiven Mädchen seinen wachsenden Frust anvertraut. Von Hass gegen die gesamte Menschheit ist da die Rede. Vor allem die Schule hatte er offenbar gründlich satt. Dass er vor allem sie für seine verzweifelte Situation verantwortlich machte, darauf weist nach Ansicht von Oberstaatsanwältin Gudrun Lehnberger auch das T-Shirt hin, dass er bei seinem brutalen Überfall auf das Gymnasium Carolinum anhatte; es trug die Aufschrift "Made in School" - frei übersetzt: "Von der Schule geprägt".

Verzweiflung, Perspektivlosigkeit und Existenzängste

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Auf einer Pressekonferenz wenden sich die ermittelnden Berhörden an die Öffentlichkeit: Bei den Untersuchungen bekamen die Beamten erschreckende Einblicke in das Seelenleben des Täters. (Foto: dpa)

Der schriftliche Monolog, den er anscheinend kurz vor seiner Tat löschte, der aber von Kripo-Spezialisten wiederhergestellt wurde, offenbart ansonsten eine schwierige emotionale Gemenge-Lage aus Minderwertigkeitskomplexen, Ausgrenzungs- und Versagensängsten und Liebeskummer. So plagte ihn die Sorge, er könne das bevorstehende Abitur nicht bestehen und danach ohne berufliche Perspektive sein - eine Sorge, die nachträglich bei seinen Lehrern auf Unverständnis gestoßen sei, wie der Ansbacher Staatsanwalt Jürgen Krach berichtete. Das Abitur hätte er wohl problemlos bestanden. Auch für die Sorge des Amokläufers vor einer schweren Krankheit habe es keinen Anlass gegeben. Der 18-Jährige sei körperlich gesund gewesen.

Tief geprägt hat den Täter - geht man von seinen Laptop-Aufzeichnungen aus - anscheinend ein Erlebnis in der 6. Klasse. In seinem Monolog schildert er nach Angaben der Staatsanwaltschaft, wie er in einem Bus verprügelt worden sei; niemand habe ihm damals geholfen, um die Angreifer abzuwehren. Auf der Festplatte finden sich auch immer wieder Hinweise auf Georg R.'s Sehnsucht nach einer Beziehung zu einem Mädchen. "Er hätte gerne eine Freundin gehabt", berichtet Oberstaatsanwältin Lehnberger. Darauf weist wohl auch der Umstand hin, dass sich der Amokläufer in seinem Laptop-Monolog einem fiktiven Mädchen anvertraut hat.

Amoklauf minutiös geplant

Was allerdings die Ermittler erschüttert, ist die Kaltblütigkeit, mit der der Amokläufer seine Tat bereits ein halbes Jahr im voraus minutiös plante. Erstmals tauchten in den PC-Aufzeichnungen Mitte April Amokpläne auf. Schon kurz danach habe Georg R. erstmals den Begriff "Amok" verwendet. In Einträgen von Mitte Mai schildert er seiner erfundenen Zuhörerin erste konkrete Tatpläne, nennt die in die engere Wahl genommenen Waffen, den Tatzeitpunkt und den Tatort. "Dabei hat sich der Schüler schon früh für das dritte Stockwerk des Carolinums entschieden, weil es dort die meisten Klassen gab", berichtete Lehnberger. Tatsächlich hatte er am Tat-Tag genau dort Molotow-Cocktails in zwei Klassenzimmer geschleudert.

An anderen Amokläufen schien er sich hingegen kaum orientiert zu haben. Bis auf einen Action-Film habe man auch keine Gewaltvideos bei ihm gefunden, betonten die Ermittler.

Quelle: Klaus Tscharnke, dpa