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Der 72 Jahre alte Harald Orschel (r) lebt nach seinem Schlaganfall in der Einliegerwohnung von Jutta (l) und Manfred Meyer in Stendal (Sachsen-Anhalt).
Der 72 Jahre alte Harald Orschel (r) lebt nach seinem Schlaganfall in der Einliegerwohnung von Jutta (l) und Manfred Meyer in Stendal (Sachsen-Anhalt).(Foto: picture alliance / dpa)

Familienanschluss statt Heim: Einfache Idee hat große Wirkung

Wegzug und Leerstand: Der demografische Wandel ist im Norden Sachsen-Anhalts besonders deutlich zu spüren. Vor allem alte Menschen bleiben zurück - es sei denn, sie finden jemanden, der sie "adoptiert". Das Projekt "Leben mit Familienanschluss" macht Mut.

Harald Orschel hat noch mal richtig gefeiert an Silvester. Auf den Rollator gestützt stieß der 72-Jährige mit Sekt an, um den Hals trug er eine große goldene Fliege. Dabei sah es vor einem Jahr noch so aus, als würde der Schlaganfallpatient nie wieder laufen können, geschweige denn feiern. Der feingliedrige Mann lebte im Altersheim in einer der einsamsten Gegenden Deutschlands: in der Altmark, im Norden von Sachsen-Anhalt. Gerade als er dachte, er halte es nicht mehr aus, wurde Orschel "adoptiert" - von Jutta und Manfred Meyer, beide selbst über 70.

Die Meyers machen mit bei dem vom Land geförderten Projekt "Leben mit Familienanschluss". Das Konzept: Familien bekommen einen Grundkurs in Sachen Altenpflege, nehmen pflegebedürftige Senioren auf, kochen für sie und integrieren sie in den Alltag. Im Gegenzug bekommen sie einen Teil der Rente des neuen Familienmitglieds und Pflegegeld von der Krankenkasse. Wenn nötig, kommt ein Pflegedienst vorbei. Dafür gab es schon den Demografiepreis des Landes.

Echte Win-win-Situation

"Ich habe mit Halbwilden zusammengewohnt", sagt Orschel mit Blick auf seine Zeit im Altersheim. Die Zimmernachbarn waren dement, die wenigen Familienangehörigen kamen nicht zu Besuch. Unterdessen stand bei den Meyers die Einliegerwohnung schon lange leer. Mit Herrn Orschel habe sich das dann so ergeben, sagt Jutta Meyer. "Ich brauche die Verantwortung." Und sie glaube daran, dass ihre 21 Hunde auch dem Schlaganfallpatienten helfen können. Sie selbst sei vor 30 Jahren durch ihre Terrier nach schwerer Krankheit wieder auf die Beine gekommen.

Bisher scheint das zu funktionieren. "Harald geht jetzt auch mal allein los", sagt Jutta Meyer über ihren neuen Mitbewohner. Wenn es sein muss, macht er sich schick, wie an Silvester mit der Gold-Fliege. Und sogar zur Wahl ist er gegangen - zum ersten Mal seit der Wende. Am liebsten wälzt Orschel aber seine Osteuropa-Karten und beobachtet die Norwich-Terrier im Garten. "Die freuen mich immer, wenn die vorbeilaufen", sagt er auf seinem Stammplatz auf der Eckbank.

Marion Zosel-Mohr hat dafür gesorgt, dass Orschel bei den Meyers unterkommt. Die 59-Jährige mit der schwarzen Kurzhaarfrisur koordiniert das Projekt "Leben mit Familienanschluss" und ist im Landkreis Stendal eine Art Partnervermittlerin für Alte. Vier Senioren hat sie bisher aus der Einsamkeit geholt. "Das funktioniert am besten auf dem platten Land", sagt Zosel-Mohr auf der Autofahrt von den Meyers zur Freiwilligenagentur Stendal, wo sie ihr Büro hat. "Wir haben so viel Platz und so viele schöne Ecken." Sie hofft, dass es mit dem Projekt weitergeht. Gerade läuft ihre Bewerbung um neues Fördergeld - diesmal vom Bundesministerium für Landwirtschaft.

Verwaiste Orte, sterbende Infrastruktur

Mehr als jeder vierte Bewohner des Landkreises Stendal ist zwischen 1991 und 2014 weggezogen. Zurück blieben die Alten - in halbverwaisten Dörfern und einer immer weiter schrumpfenden Infrastruktur. Nur drei Gegenden in Deutschland haben mit noch größeren demografischen Problemen zu kämpfen: Mansfeld-Südharz, ebenfalls in Sachsen-Anhalt, die Mecklenburgische Seenplatte und die Uckermark in Brandenburg. Das hat das Thünen-Institut für Ländliche Räume ausgerechnet.

Eike Trumpf kennt die Probleme aus dem Alltag. Er ist Bürgermeister der Verbandsgemeinde Arneburg-Goldbeck etwa 20 Kilometer nördlich von Stendal. "Demnächst schließen in meiner Verbandsgemeinde allein vier Bankfilialen", sagt Trumpf. Denkt er an die Zukunft, wird ihm angst und bange: "In 20 Jahren werden in manchen kleinen Dörfern 80 Prozent der Häuser leer stehen." Deshalb wirbt Trumpf in Großstädten um Zuzügler - und bei Bürgermeisterkollegen für das Projekt "Leben mit Familienanschluss". Er selbst hat eine weit entfernte Verwandte aus dem Sauerland zu sich in die Altmark geholt. "Das ist ein Modell für die ganze Region", sagt Trumpf. Familien mit viel Platz zuhause gibt es in jedem Fall genug in der Altmark. Einsame Alte auch.

Quelle: n-tv.de

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