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Es gibt Hoffnung, dass Frauen eines Tages so viel Verantwortung tragen, wie es ihrer Ausbildung entspricht.
Es gibt Hoffnung, dass Frauen eines Tages so viel Verantwortung tragen, wie es ihrer Ausbildung entspricht.(Foto: imago/Westend61)
Samstag, 14. Oktober 2017

"Historische Situation": Frauen an die Macht

Frauen und Karriere, das passte lange nicht zusammen. Die Frau gehörte nach Hause, nicht an den Schreibtisch. Und schon gar nicht in eine Führungsposition. Doch die Zeiten ändern sich. Die Arbeitswelt der Zukunft ist weiblich, behauptet Geschlechterforscherin Christiane Funken. Die bekannte Soziologin leitet das Fachgebiet für Kommunikations- und Medienforschung sowie Geschlechtersoziologie an der Technischen Universität Berlin. Im Interview erklärt sie, warum alte Rollenbilder und der Müttermythos Frauen lange Zeit im Weg standen und warum wir erstmalig eine historische Situation haben, die den Frauen eine reale Chance gibt, sich gegen die Dominanz der Männer zu behaupten.

n-tv.de: Eine Frau an der Spitze eines Technologiekonzerns? Ein Mann als Empfangsherr? Eine Blondine pfeift ein Bundesligaspiel? Warum irritieren diese Bilder?

Christiane Funken: Weil die traditionellen Rollenvorstellungen gesellschaftlich noch sehr stark verankert sind - gerade im Bereich der Führungsfunktionen. Man geht immer noch davon aus, dass Frauen weniger produktivitätsstark sind als Männer. Frauen - so der Verdacht - haben eine höhere Fluktuationsrate, weil sie schwanger werden können oder weil sie Fürsorgepflichten zu Hause haben. Auch seien Frauen sanft und deshalb nicht energisch genug. Eigenschaften, die üblicherweise in der Wirtschaft und den Führungsetagen erwartet werden, nämlich Durchsetzungsstärke, Ellbogen zeigen, Machtorientierung werden hingegen mit einem Mann assoziiert. Und tatsächlich ist es so, dass viele Frauen diese Art von Machtkampf ablehnen, aber dennoch durchaus erfolgreich sind.

Der zweite Punkt ist der herrschende Müttermythos, der besagt, dass eine Frau nur dann eine gute und liebende Mutter ist, wenn sie nicht arbeitet. Die Schlussfolgerung: Frauen, die in Teilzeit gehen, sind an Karriere nicht interessiert, weil Muttersein für sie sehr viel wichtiger ist. Eine Frau wiederum, die Karriere macht, wird als Rabenmutter abgestempelt. Diese Vorstellungen haben sich über Jahrhunderte hinweg festgesetzt - in den Köpfen, Gefühlen und Wahrnehmungen der Menschen.

Und deshalb kommen Frauen so selten an die Spitze?

Christiane Funken ist eine bekannte Geschlechterforscherin und Professorin für Medien- und Geschlechtersoziologie an der Technische Universität Berlin.
Christiane Funken ist eine bekannte Geschlechterforscherin und Professorin für Medien- und Geschlechtersoziologie an der Technische Universität Berlin.

Tatsächlich wirken der Müttermythos und die traditionellen Rollenbilder dann besonders stark, wenn es darum geht, kompetente Frauen an die Spitze zu lassen. Diese Widerstände schlagen sich in den Unternehmen kulturell und strukturell nieder, wenn zum Beispiel regelmäßig Sitzungen noch auf den späten Abend gelegt werden, wohlwissend, dass viele Frauen dann ihren Fürsorgepflichten nachkommen müssen. Ich muss nicht erwähnen, dass Hausarbeit und Versorgung der Eltern und Kinder immer noch überwiegend den Frauen überlassen wird. Dies ist selbst dann so, wie viele Studien zeigen, wenn beide berufstätig sind.  Aber es geht nicht nur um das berühmt-berüchtigte Vereinbarkeitsproblem. Frauen werden oft systematisch, mitunter durchaus unbewusst, aus den Entscheidungs- und Machtzentren der Unternehmen ferngehalten, selbst dann, wenn sie eine hohe Managementposition bekleiden und sehr erfolgreich sind. Es zeigt sich deutlich, dass der vielgepriesene rationale Kosmos der Unternehmen irrational durchtränkt ist und gesellschaftliche Einflüsse und lang gehegte Wertvorstellungen die Unternehmenskultur prägen.  

Die Verhaltensökonomin Iris Bohnet behauptet, gegen die Dominanz der Vorurteile können Frauen nicht gewinnen. Sie haben ein Buch geschrieben "Sheconomy - warum die Zukunft der Arbeit weiblich ist". Was stimmt denn nun?

Wir haben bislang tatsächlich die Erfahrung gemacht, dass die Dominanz derjenigen, die die Macht haben (und das sind ja die Männer) nicht aufgehoben werden konnte. Aber ich habe die These, dass wir erstmalig eine historische Situation haben, die den Frauen eine reale Chance gibt - und zwar aufgrund von drei wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Prozessen, die parallel laufen:

Zum einen erleben wir aktuell einen radikalen Wandel der Arbeitswelt - durch die Digitalisierung und Globalisierung. Das heißt unter anderem, dass zunehmend in Projekten gearbeitet wird, um zeitnah, kundenspezifisch und kostengünstig innovative Lösungen zu entwickeln. In diesen interdisziplinären Teams gilt es, fremde Fachsprachen und Arbeitskulturen zu verstehen, emphatisch zu sein und über den Tellerrand zu gucken, integrierend zu kooperieren und psychologisches Gespür zu entwickeln. Und weil man permanent in anderen Projekten, mit anderen Themen, an anderen Orten, mit anderen Kollegen, für andere Kunden Probleme löst, ist ein hohes Maß an Flexibilität notwendig. Diese Kompetenzen haben Frauen ein Leben lang qua Erziehung entwickelt. Außerdem müssen Frauen im Alltag aufgrund ihrer Lebenssituation - entschieden mehr als Männer - flexibel sein. Zum Beispiel, wenn das Kind plötzlich fiebert, man aber einen wichtigen Interviewtermin hat. Dann muss schnell eine Lösung gefunden werden, die für alle Beteiligten sinnvoll und gut ist.

Der zweite Punkt ist die Erwerbsorientierung beider Geschlechter, die sich seit der Akademisierung der Beschäftigten sukzessive geändert hat. Menschen wollen heutzutage sinnvoll arbeiten, zufrieden im Beruf sein, Arbeit und Privates miteinander verbinden; und sie stellen Ansprüche an die Unternehmen. Das ist heute anders als in der Nachkriegszeit oder noch vor 20 Jahren, als die reine Leistungsorientierung der Babyboomer-Generation vorherrschte.

Der dritte Punkt ist: Die Lebensentwürfe von Männern und Frauen sind mittlerweile stark angeglichen. Wir haben kaum noch Geschlechterdifferenzen, sondern Bildungsunterschiede. Zwar arbeiten immer noch die meisten Männer in Vollzeit und die meisten Frauen in Teilzeit. Aber dies tun sie aus rein ökonomischen Gründen - und sind höchst unzufrieden damit. Zahlreiche Studien belegen: Frauen wollen mehr arbeiten und Männer wollen weniger arbeiten, und sie wollen sich gemeinsam um die Kinder kümmern.

Zahlreiche Studien zeigen, dass sich Frauen zwischen Kompetenz und Beliebtheit entscheiden müssen. Warum kann eine Frau nicht klug und beliebt sein?

Das können sie durchaus. Aber wenn Frauen versuchen, wie Männer zu sein, also deren Machtstrategien kopieren, Ellbogen zeigen oder aggressive Verhandlungstechniken einsetzen, dann gelten sie zumeist als unsympathisch. Deshalb plädiere ich dafür, die eigenen Stärken und Schwächen zu analysieren und die persönlichen Kompetenzen in einer sich wandelnden Arbeitswelt als Marktwert zu erkennen. Denn wenn Unternehmen sich für den digitalisierten und globalen Wettbewerb umstrukturieren, das heißt Wertschöpfungsketten flexibel gestalten, Hierarchien abbauen und neue Machtstrategien entwickeln müssen, dann werden zwingend auch Kompetenzen wie Integrationskraft, gute Vernetzung, psychologisches Gespür und Flexibilität benötigt. Deshalb sollten Frauen diesen Wandel aktiv mitgestalten - denn sie bringen genau die Kompetenzen und Einstellungen mit, die in der Arbeitswelt der Zukunft gebraucht werden.

Mit Christiane Funken sprach Von Diana Sierpinski.

Quelle: n-tv.de

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