Rolf Eden und G.I.-MusikGibt es Berliner Westalgie?

Rolf Eden auf der Berlinale. Der Kurfürstendamm feiert seinen 125. Geburtstag mit viel Tamtam. Das Europa-Center findet sich selbst "super cool". Westalgie, ick hör dir trapsen, würde der Berliner sagen. Gibt es in Berlin eine Gegenbewegung zur Ostalgie?
Bei der Werbung reibt sich mancher die Augen: "Mehr West-Berlin geht nicht". Und: "Super cool. Seit 1965". Mit solchen Slogans wirbt das Europa-Center für sich, das Einkaufszentrum mit dem Mercedes-Stern an der Gedächtniskirche. Bei der Berlinale läuft eine Doku über den einstigen Discokönig und heutigen Playboy-Darsteller Rolf Eden. Der Kurfürstendamm feiert mit viel Brimborium seinen 125. Geburtstag. Und in Clubs läuft bei der "G.I. Disco" wieder Funk und Soul wie zur Zeit der Alliierten.
Auch wenn wohl kaum jemand ernsthaft die Mauer wieder haben will: Durch Berlin weht mehr als 20 Jahre nach der Wiedervereinigung ein Hauch von Westalgie. Vergleichbar mit der Ostalgie samt FDJ-Hemden, Spreewaldgurken und Mottopartys ist sie nicht. Wohl aber herrscht vielleicht ein "leises Heimweh nach der Insel", wie die "taz" titelte. Politikwissenschaftler sprechen von "Westalgie", wenn sie ausdrücken wollen, dass Westdeutsche die Zeit vor 1990 schöner empfanden.
Blick auf eine verschwundene Welt
West-Berlin, das war nicht nur die Stadt von Harald Juhnke und Eberhard Diepgen, sondern auch von David Bowie und dem Künstler Martin Kippenberger. Wer das wilde Leben suchte, zog in den 70er Jahren aus West-Deutschland nach Kreuzberg. Künstler betranken sich am Savignyplatz. Bernd Eichinger machte aus "Christiane F." und den Drogen-Kindern vom Bahnhof Zoo Kinogeschichte.
Und es war die große Zeit von Rolf Eden. Heerscharen von Klassenfahrten pilgerten vor dem Mauerfall in seine Kellerdisco am Ku'damm. Im Film "The Big Eden" von Peter Dörfler ("Achterbahn") geht es nicht nur um den blonden Playboy und seine Frauengeschichten. Es ist auch der Blick auf eine verschwundene Welt - als der Ku'damm noch eine Amüsiermeile war und als in Edens Clubs Frauen oben ohne am Plattenteller standen.
Niedergang in den 80ern
Der Niedergang des Boulevards setzte in den 80er Jahren ein. Nach dem Mauerfall schaute alles Richtung Mitte und Prenzlauer Berg. Jahrelang war der Ku'damm totgesagt. Heute hat sich die Einkaufsstraße berappelt. Es wird viel gebaut. Die Boheme entdeckt 50er-Jahre-Vorzeigesiedlungen wie das Hansaviertel im Tiergarten für sich.
Die Senatsbaudirektorin (und bekennende Wilmersdorferin) Regula Lüscher sagt augenzwinkernd, es sei wieder salonfähig, im Westen zu wohnen. Sie weiß, dass noch nicht alle Berliner für die "schlichte Eleganz" der Bauten aus der Nachkriegszeit zu haben sind, die die City prägen.
Der Schweizer Architektin fallen sofort Gebäude ein, die sie aus dieser Zeit besonders mag: das Schillertheater (derzeit Ausweichquartier der Staatsoper Unter den Linden), das Kiepert-Haus, die Deutsche Oper und der Eiermann-Bau, der zur Gedächtniskirche gehört. Alles Häuser, die man sich gut in einem Film mit Hildegard Knef vorstellen kann.
Lust auf Disco?
Berlins Regierungschef Klaus Wowereit ist staatsmännisch und legt Wert darauf, die Stadt als Ganzes zu betrachten. "Ich glaube nicht, dass es eine Westalgie-Welle gibt", sagt er. Es sei wunderbar, dass kräftig investiert werde, wie beim Neubau des Hotels Waldorf-Astoria oder beim Haus Cumberland (beides nahe Bahnhof Zoo). Genauso viele Investitionen flössen aber in den Osten der Stadt. Also: Keine Präferenzen nach geografischer Lage, sagt Wowereit.
Vielleicht steckt hinter westalgischen Gefühlen eher das 80er-Jahre-Revival und die Lust auf Disco? Das ist zumindest in der Clubszene so. Die DJs Kalle Kuts alias Karsten Grossmann und Daniel W. Best sind mit dem Sampler "G.I. Disco" erfolgreich, Musik wie aus den Soldatenclubs im alten Westdeutschland. Den Gästen geht es um die funkige Musik, nicht um Nostalgie - getanzt wird eher miteinander als nebeneinander wie beim Techno. Zugleich kann man die CD nicht nur als ein Geschichtsdokument sehen, sondern, so Grossmann, auch als "eine Art westalgische Devotionalie".