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Manchmal gibt es keine eindeutige Antwort.
Manchmal gibt es keine eindeutige Antwort.(Foto: imago/Sven Simon)
Freitag, 06. Oktober 2017

Hauptmotiv für Amoklauf?: Gutachter kommen David S. kaum näher

Warum wurde David S. in München zum Amokläufer? Auch ein Jahr nach der Tat liefert ein weiteres Gutachten darauf keine abschließende Antwort. Einigkeit herrscht jedoch bei der Einschätzung, dass es sich um ein politisches Verbrechen handelt.

Bisher gilt der Amoklauf von David S. am Münchener Olympia-Einkaufszentrum vor allem als Racheakt für Mobbing, dem S. in der Schule ausgesetzt war. Ein Gutachten, das die Stadt München angefordert hatte, kommt zu dem Schluss, dass die Tat als politisches Verbrechen bewertet werden müsse. Bei der Motivlage gehen die Meinungen der Sozialwissenschaftler Christoph Kopke, Matthias Quent und Florian Hartleb allerdings auseinander. Sie hatten für ihre Stellungnahme Ermittlungsakten und persönliche Unterlagen von S. untersucht.

David S. sei ein sogenannter "einsamer Wolf" gewesen, der einen Terroranschlag verübt habe, sagte der Politikwissenschaftler Hartleb bei der Vorstellung der Untersuchungsergebnisse in München. Dass sich S. vorrangig für Mobbing in der Schule habe rächen wollen, reiche als Erklärung nicht aus. Für ihn ist die Tat ein rechtsextremes Hassverbrechen.

Als Gründe für diese Einschätzung nennt er vor allem die Auswahl der Opfer. S. tötete neun Menschen, die allesamt aus Einwandererfamilien stammten. Der junge Mann kannte keinen persönlich, habe aber gewusst, dass in der Nähe des Einkaufszentrums viele Menschen mit Migrationshintergrund leben. Die Tatsache, dass S. selbst das Kind iranischer Eltern war, stehe dazu nicht im Widerspruch. Der Täter habe sich durch die Abwertung von Migranten "als echter Deutscher" beweisen wollen. Außerdem haben Iraner und Deutsche nach seiner Auffassung "den gleichen arischen Ursprung".

Ging es um eine politische Aussage?

Während der Tat hatte S. Zeugen zufolge gerufen: "Ich bin kein Kanake, ich bin Deutscher." Bei den Untersuchungen nach dem Amoklauf waren die Ermittler zudem auf ein Manifest gestoßen, das S. ein Jahr vor der Tat verfasst hatte. Darin sprach er von "ausländischen Untermenschen" mit zumeist "türkisch-balkanischen Wurzeln". Das rechtsextreme Weltbild von S. habe sich zudem darin gezeigt, dass er stolz gewesen sei, am gleichen Tag wie Adolf Hitler Geburtstag zu haben. Während eines Klinikaufenthalts habe er außerdem Hakenkreuze gezeichnet und den Hitlergruß gezeigt.

Das Geschehen könne "als Akt eines allein handelnden Terroristen" bezeichnet werden, heißt es im Gutachten des Direktors des Jenaer Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft, Matthias Quent. Dabei seien allerdings persönliche und politische Faktoren "untrennbar miteinander verschmolzen". Im Ergebnis müsse die Tat zwingend als "politisch motivierte Kriminalität" eingeordnet werden.

Der Berliner Professor für Politikwissenschaft und Soziologie Christoph Kopke, sieht dennoch die psychischen Erkrankungen von David S. als Hauptmotiv. Sie seien "der eigentliche Antrieb" für die Tat gewesen. Es sei dem Täter "nicht darum gegangen, eine politische Aussage zu treffen".

Mehrere Faktoren

Diese Einschätzung stützt das Ergebnis der Münchner Staatsanwaltschaft. "Wir sehen nach wie vor das vom Täter erlittene Mobbing im Vordergrund", sagte Oberstaatsanwältin Gabriele Tilmann. Der Täter sei rechtsextrem gewesen, doch seien die Kränkungen "tatauslösend" gewesen. Dass er Menschen mit Migrationshintergrund ausgesucht habe, sei seinem persönlichen Feindbild geschuldet gewesen.

Bereits am Donnerstag hatte Münchens Leitender Oberstaatsanwalt Hans Kornprobst davor gewarnt, die Tat ausschließlich als rechtsextrem motiviert abzustempeln. "Ich glaube, das würde der Tat nicht gerecht werden", sagte Kornprobst. Man habe nie behauptet, das es nur eine Ursache für den Amoklauf gebe, sondern immer auf die Mischung aus psychischen Erkrankungen, Mobbing und eben auch rechtsradikalen Ansichten verwiesen. Auch die Münchner Staatsanwaltschaft hatte bereits forensische Gutachter beauftragt, die sich mit den Motiven befasst hatten.

Der 18-jährige David S. hatte am 22. Juli 2016 neun Menschen erschossen, die meisten waren Jugendliche mit südosteuropäischen Wurzeln. Vor einem Zugriff der Polizei tötete S. sich selbst.

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Quelle: n-tv.de

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