Panorama

Leichenfelder im "Kleinen Nichts"Haiti lädt seine Toten ab

06.05.2010, 09:30 Uhr

Er gehört zu den düsteren Seiten des Umgangs der Haitianer mit der Katastrophe, die sie vor fast vier Monaten ereilte - der Umgang mit den Toten. Und er zeigt auch: Haiti ist tief gespalten.

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An der Straße nach Cabaret, in der Nähe von Port-Au-Prince, liegt das größte Massengrab mit Erdbebenopfern, mit über 70.000 Leichen. Es ist inzwischen planiert. (Foto: dpa)

Die Nationalstraße 1 führt entlang der Küste geradewegs nach Norden. Nach Westen fällt das Gelände seicht ab. Über das Grün der Bananenplantagen und das blaue Wasser des Meeres schweift der Blick auf die ferne, in Dunst und Staub gehüllte Hauptstdt Port-au-Prince. Das Gebiet heißt "Ti Anyen", was "Das Kleine Nichts" bedeutet. Auf der östlichen Seite leicht erhöht sind die Folgen des jüngsten Erdbebens zu sehen.

Auf den Hügelrücken verteilen sich Hunderte, wenn nicht Tausende von blauen, gelben, weißen und grauen Zelten und Planen der Notbehausungen. An einer Stelle ist eine Art Lagerzentrum mit einer geordneten Zeltstadt entstanden, mit einem freien Platz in der Mitte, einem Mast mit Kommunikationsantennen und einer Polizeistation, in der Polizisten Haitis und der Vereinten Nationen untergebracht sind.

Leichen werden nicht identifiziert

Nur wenige Kilometer von hier sind die traurigsten Lasten der Katastrophe hingeschafft worden worden, die Haiti regelrecht niedergeschmettert haben. Es sind Abertausende von Leichen. Sie wurden Tag und Nacht seit dem 12. Januar mit Lastwagen und allem, was transportieren konnte, aus den Trümmern der zerstörten Hauptstadt hierher gefahren. Die haitianische Regierung schätzt, dass mehr als 222.000 Menschen ihr Leben verloren.

Viele Lastwagenfahrer fanden in den dunklen Nächten die Zufahrt zu dem großen Massengrab nicht, fuhren in kleine trockene Flussläufe und kippten die Leichen hinter dem nächsten Hügel in die Landschaft; später wurden die Leichenberge einfach mit dem Schutt aus der Trümmerstadt zugeschüttet.

Der Umgang mit den Toten: Er gehört zu den düsteren Seiten des Umgangs der Haitianer mit der Katastrophe, die sie vor fast vier Monaten ereilte. "Das ist unfassbar, es gibt nicht einmal den Versuch, die Leichen zu identifizieren", sagte ein Deutscher Helfer stellvertretend für viele, die nach dem Beben nach Haiti kamen. "Ich war mit den Führern der anderen Religionen bei Präsident (René) Préval und wir haben gefordert: Wir müssen etwas tun", berichtet der Oberste Priester der Voodoo-Kirche, Max Beauvoir.

Einzige Hoffnung: Zusammenhalt

Doch es sei nicht einmal zu einer gemeinsamen Feier der Religionen gekommen. Die war zunächst einen Monat nach dem Beben, am 12. Februar, geplant gewesen. Statt einer ökumenischen Gedenkfeier hätten radikale Mitglieder der Evangelischen Kirchen die Gedenkfeier der erst seit 2004 anerkannten Voodoo-Kirche angegriffen. "Es gibt nur eine Hoffnung für Haiti", sagt Beauvoir, "Alle Haitianer müssen ihre Köpfe zusammenstecken, weil sie sich klar machen müssen, dass sie ein gemeinsames Problem haben."

Entlang der Straße nach Cabaret weiter nördlich wird das deutlich. Das größte Massengrab mit über 70.000 Leichen ist inzwischen planiert. Dort hatten Bagger zahlreiche, jeweils mehrere Hundert Meter lange Gräben ausgehoben, in welche die Leichen geworfen und dann zugeschüttet wurden. Im oberen Bereich des ansteigenden, riesigen Geländes ist ein mehrere Meter großes Kreuz, das auf dem Boden ausgebreitet liegt. Und auf einer Anhöhe darüber wurde ein von weitem sichtbares Kreuz aufgestellt, behängt mit schwarzen Bändern.

Noch weiter nördlich grasen in den Niederungen bereits Pferde auf den Hügeln der verscharrten Leichen, zwischen Dutzenden von kleinen Holzkreuzen. Sie wurden dort in den Boden gestoßen, wo jeweils die meisten toten Körper vermutet wurden. Hinweisschilder fehlen und Namen der Toten gibt es nicht. Besucher kommen nicht an diesen sehr stillen Ort.

Quelle: Franz Smets, dpa