Anzeige kommt hinterherHeim wirft "Waldjungen" raus

Neun Monate lang lebt ein Holländer in Berlin, isst und trinkt und schläft in einer Einrichtung des Jugendamtes. Er wird als "Waldjunge Ray" bekannt - ist aber ein erwachsener Schwindler. Die Kosten für seinen Aufenthalt könnten dem jungen Mann schwer auf die Füße fallen.
Der als Schwindler enttarnte "Waldjunge Ray" hat die betreute Einrichtung des Berliner Jugendamts verlassen. "Wir werden im Laufe der Woche eine Anzeige wegen Erschleichung von Jugendhilfeleistungen stellen", sagte der Sprecher des Jugendamts Tempelhof-Schöneberg, Ed Koch. Der aus den Niederlanden stammende Junge, der eigentlich Robin heißt, war bereits bei seiner Aufnahme in dem Heim vor rund neun Monaten volljährig. Die Unterbringung des "Waldjungen" kostete den Steuerzahler rund 18.000 Euro.
Robin war im September 2011 im Roten Rathaus in Berlin erschienen und hatte angegeben, nur seinen Vornamen und sein Geburtsdatum zu kennen und jahrelang im Wald gelebt zu haben. Als mysteriöser "Waldjunge" stellte er die Behörden monatelang vor ein Rätsel.
Laut einem Bericht der "B.Z. am Sonntag" rauchte Robin gelegentlich Joints und spielte gerne Computerspiele. Er sei eher schüchtern gewesen und selten auf Partys gegangen, sagte ein ehemaliger Freund aus seinem Heimatort Hengelo dem Blatt. Die "Bild"-Zeitung berichtet von einer schwierigen Jugend als Scheidungskind, von Schulden und Arbeitslosigkeit. Zudem habe Robin selbst ein Kind.
Die niederländische Polizei wollte sich nicht zu deutschen Medienberichten über den Jungen äußern. "Wir können nichts zu Dingen aus dem Privatleben sagen", erklärte die Polizei in Hengelo. Der Junge habe kein Verbrechen in den Niederlanden begangen, er sei dort auch nicht zu bestrafen.
Nach Informationen der Tageszeitung "De Telegraaf" soll die holländische Botschaft den Jungen so schnell wie möglich zurück in die Niederlande bringen. Das Blatt nannte den Jungen den "lügenden Holländer", in Anlehnung an den "Fliegenden Holländer", eine Oper von Richard Wagner. Die Berliner Polizei will sich nicht mehr zu dem Fall äußern.
Robins ehemaliger bester Freund aus Hengelo sagte der belgischen Tageszeitung "De Standaard": "Niemand hat gedacht, dass er sich so eine Geschichte ausdenken könnte." Robin habe eine schwierige Kindheit gehabt. Er habe angefangen, Werbung und PR zu studieren, dies aber abgebrochen, weil es ihm nicht mehr gefallen habe.
Kein Wahn, keine Schizophrenie
Der Versuch, Aufmerksamkeit mit einer Lügengeschichte zu erzielen, weil ihnen beruflich oder privat Kontakt und Zuneigung fehlt. Das könnte auch in der Berliner Geschichte der Fall gewesen sein, erläuterte Stefan Röpke, Experte für Persönlichkeitsstörungen an der Berliner Charité. Derartige Störungen würden als "pathologisches Lügen" bezeichnet. "Diese Fälle kommen aber nicht so häufig vor", betonte Röpke. Es gebe dazu auch nur wenige Studien.
Dass jemand wie der "Waldjunge" eigentlich eher zurückgezogen lebte und lieber zu Hause am Computer spielte, passe zum möglichen Krankheitsbild. "Solche Leute fühlen sich dann erstmal besser, wenn sie plötzlich durch so eine Lügengeschichte wahrgenommen werden und Zuwendung erhalten", sagte Röpke. "Das gibt ihnen für den Moment ein Glücksgefühl. Und irgendwann kommen sie auch an einen Punkt, an dem sie aus ihrer Geschichte nicht mehr herauskommen." Denn dann müssten sie ja eingestehen, dass sie gelogen haben.
Meist nähmen solche Menschen aber nicht vollständig die andere Identität an. "Wenn die Eltern oder einer seiner Freunde in Berlin aufgetaucht wären und gesagt hätten, 'was machst Du denn hier?', wäre die Geschichte vom Waldjungen auch schnell wie ein Kartenhaus zusammengefallen", so Röpke. Dann wäre er überführt worden und es hätte sein können, dass er die Lüge recht schnell zugestanden hätte. Der Psychiater schließt allerdings aus, dass es sich im Fall des Waldjungen um eine wahnhafte Störung oder Schizophrenie handeln könnte. "Wenn eine schwere Störung vorgelegen hätte, wäre das gleich aufgefallen."