Panorama

Haiti am AbgrundHelfer geben alles

19.01.2010, 17:42 Uhr
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Ein Helfer verteilt Schuhe. (Foto: AP)

Stück für Stück offenbart sich in Haiti das Ausmaß der Erdbeben-Katastrophe. Langsam wird auch deutlich, dass nicht nur die Hauptstadt in Trümmern liegt. Die internationalen Helfer arbeiten unter Einsatz all ihrer Kraft.

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Die Rettungshelferin Hervasio Chavez aus Panama tröstet eine Haitianerin. Drei Verwandte von ihr waren zuvor in den Trümmern einer Bank gefunden worden. (Foto: dpa)

Eine Woche nach dem vernichtenden Erdbeben in Haiti mit bis zu 200.000 Todesopfern wird das ganze Ausmaß der Katastrophe immer deutlicher. Tausende Verletzte warten in der verwüsteten Hauptstadt Port-au-Prince und anderen zerstörten Regionen weiter verzweifelt auf erste medizinische Versorgung. Hilfs- und Ärzteteams arbeiten bis zur völligen Erschöpfung rund um die Uhr. Oft werden Patienten auf offener Straße behandelt. Viele haben lebensbedrohliche Wundinfektionen. Die tausenden internationalen Helfer und Soldaten kommen in der Trümmerstadt Port-au-Prince nur langsam und schwer voran. Leichen werden in Massengräbern beigesetzt.

Viele Verletzte schleppen sich mit letzter Kraft in die inzwischen eingerichteten, aber völlig überfüllten Notfallzentren. "Es sind überwiegend Knochenbrüche, zerquetschte Gliedmaßen, offene Wunden. Und eine Woche nach dem Beben sehen die Wunden auch entsprechend aus; die sind verschmutzt, die sind groß, die sind infiziert - das sind keine glatten Schnitt- oder Bruchwunden. Das kann nicht mehr genäht werden. Wir reinigen und desinfizieren", sagte die aus Mosbach bei Heidelberg stammende Krankenschwester Elke Felleisen.

Immer wieder gibt es aber auch Lichtblicke im Chaos: So meldeten israelische Helfer, dass sie nach sechs Tagen eine Studentin lebend bergen konnten. Die junge Frau wurde aus den Trümmern der Universität in Port-au-Prince befreit. Mit Spezialgeräten sei es gelungen, eingestürzte Gebäudeteile anzuheben und so eine Öffnung zu schaffen. Das Rettungsteam habe sie dann zur Behandlung in ein israelisches Feldlazarett gebracht. Allerdings sind dies Einzelfälle. Viele Haitianer wissen auch eine Woche nach dem Unglück nicht, wo ihre Familien und Freunde sind.

UN entsenden weitere 3500 Blauhelme

Unter den Vermissten sind auch acht Deutsche. Bisher wurde ein Deutscher tot unter den Trümmern gefunden. Berichte über ein zweites deutsches Opfer wurden in Regierungskreisen nicht bestätigt. Eine geborgene Frau aus München sei keine Deutsche gewesen, hieß es.

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Ein Mediziner aus Madrid kümmert sich um die kleine Carla, die aus den Trümmern ihres Elternhauses gerettet wurde. (Foto: dpa)

Bis Dienstag hatten 52 Rettungsteams mit 1820 Helfern und 175 Hunden nach UN-Angaben insgesamt rund 90 Menschen lebend gerettet. Vereinzelt gab es weiter Meldungen über Plünderungen und gewalttätige Übergriffe mit Schießereien. Doch beschrieb die Sprecherin des UN-Koordinationsbüros für humanitäre Hilfe, Elisabeth Byrs, die Lage insgesamt als "angespannt, aber ruhig". "Die Bevölkerung kooperiert. Die Lage ist unter Kontrolle", sagte sie.

Die Vereinten Nationen entsenden 3500 weitere Soldaten und Polizisten in das Erdbebengebiet, beschloss der Sicherheitsrat einmütig. "Dieses Kontingent setzt sich aus 1500 Polizisten und 2000 Soldaten zusammen. Sie sollen für Frieden und Sicherheit sorgen und beim Aufbau helfen", erklärte Chinas UN-Botschafter Zhang Yesui als derzeitiger Präsident des Gremiums in New York.

Katastrophal nannten Helfer auch die Situation in der Umgebung von Haitis Hauptstadt. So sind in dem etwa 50.000 Einwohner zählenden Ort Léogâne, rund 30 Kilometer westlich von Port-au-Prince, etwa 90 Prozent der Gebäude zerstört. Ein verzweifelter 72-jähriger Mann beklagte sich dort bei einem brasilianischen Reporter bitter über die ausbleibende Hilfe: "Sie denken nur an Port-au-Prince, aber hier wurde alles zerstört, und nichts kommt an." Die Vereinten Nationen schätzen, dass vermutlich 5000 bis 10.000 Menschen allein in Léogâne starben. Das wären bis zu 20 Prozent der Einwohner.

Luftbrücke angedacht

Die katholische Hilfsorganisation Caritas weitete inzwischen ihre Hilfe für das Gebiet aus. Es stünden nun eine Million Euro zur Verfügung, die vor allem zur Versorgung der Erdbebenopfer in der Region um Léogâne verwendet werden sollten, teilte die Caritas mit. "Die Hilfe erreicht nur langsam das Umland der Hauptstadt. Wir dürfen die Menschen und ihre große Not dort nicht vergessen", warnte Caritas-Katastrophenhelfer Friedrich Kircher.

Das UN-Welternährungsprogramm will eine Luftbrücke zur Versorgung der Menschen mit Nahrungsmittel einrichten. Dazu sollen für die kommenden Wochen fünf große "humanitäre Korridore" angelegt werden, über die Lebensmittel und andere Hilfsgüter über Luft-, Land- und Seewege nach Haiti gebracht werden. Indes kamen auch die Arbeiten des Technischen Hilfswerks voran. "Seit gestern läuft eine Trinkwasseraufbereitungsanlage in der Nähe des Flughafens von Port- au-Prince mit voller Leistung", so ein Sprecher. Die zweite Anlage werde bald in Betrieb gehen. Damit könne das THW mindestens 30.000 Menschen am Tag mit Trinkwasser versorgen.

Nach Worten von DRK-Chef Rudolf Seiters bereiten aber blockierte Straßen und die Konzentration des US-Militärs am Flughafen von Port- au-Prince weiterhin Transportprobleme. Er rechne damit, dass die Nothilfe für den Karibik-Staat lange dauern werde: "Wir werden ganz sicher mit unseren Helfern weit über ein Jahr auf Haiti bleiben, vielleicht noch länger, um zu helfen", sagte Seiters im WDR.

Die Johanniter-Unfall-Hilfe will von Deutschland aus weitere Helfer nach Haiti schicken, unter ihnen Ärzte, Rettungssanitäter, Logistiker und ein Notfallseelsorger. Johanniter-Helferin Katja Lewinsky berichtete aus dem Katastrophengebiet: "Ich habe so etwas noch nicht erlebt. Es ist einfach unvorstellbar, was wir hier sehen, riechen und fühlen."

Die deutsche Bundesregierung stellte bisher 7,5 Millionen Euro an Soforthilfe für Haiti zur Verfügung. Spendenaktionen von RTL und ARD brachten bislang mehr als zwei Millionen Euro für die Erdbebenopfer ein.

Quelle: dpa