Jede noch so kleine Fläche dient in Haiti als Fußballfeld.
(Foto: REUTERS)
Freitag, 05. Februar 2010
Obdach im Nationalstadion: "Hier gibt es wenigstens Tore"
Der offizielle Fußball in Haiti legt eine Zwangspause ein. Das Nationalstadion dient als Notunterkunft für 4000 Obdachlose. Für die ist das Kicken eine willkommene Abwechslung."Wir spielen hier jeden Tag Fußball", sagt der sechsjährige James und kickt einen platten Ball auf die Torwand. "Wenn ich groß bin, will ich in der Nationalmannschaft spielen, am liebsten gegen Brasilien." Der Traum hat die Katastrophe überlebt - doch im Nationalstadion von Port-au-Prince ist nichts mehr wie vorher. Statt der Fußballidole und ihrer Fans bevölkern mehr als 4000 obdachlose Männer, Frauen und Kinder den Kunstrasen. Wie der kleine James haben sie ihr Zuhause beim verheerenden Beben in Haiti vor gut drei Wochen verloren.
Auch die Fassade des Sylvio-Cator-Nationalstadions ist zum Teil eingestürzt. Der staubige Kunstrasen dient jetzt wie fast alle öffentlichen Flächen und Parks in der Hauptstadt als Unterkunft für Obdachlose. Aus Holzverschlägen und Planen ist eine notdürftige Zeltstadt entstanden, am Spielfeldrand stinkt es nach Urin. Dennoch ist James froh, dass die Regierung das Stadion als Notunterkunft geöffnet hat - Sport und Spiel sind eine willkommene Ablenkung nach der Katastrophe.
Verbandsmitarbeiter noch immer vermisst
Im Unterschied zur benachbarten Dominikanischen Republik, wo alle dem Nationalsport Baseball anhängen, ist Haiti ein Land des Fußballs. Europäische Turniere werden hier live am Fernseher verfolgt, in mancher europäischen Liga spielen haitianische Profis. Noch jeder kleine Müllplatz diente vor dem Erdbeben als Fußballfeld, Junge und Ältere kickten leere Coladosen oder kleine Bälle auf improvisierte Tore. Auch im Nationalstadion wird weiter auf die Torwände geschossen. Doch der offizielle Fußball legt eine Zwangspause ein.
"Unser Verband hat durch diese Katastrophe 30 Mitarbeiter verloren", sagt Fußballpräsident Yves-Jean Bart. "Unsere Spieler haben fast alles verloren." Unter den Trümmern seines Hauptquartiers werden noch immer Verbandsmitarbeiter vermisst. Liga-Chef Gary Nicholas spricht von einem "wahren Desaster". Alle Spiele seien bis auf Weiters abgesagt. "Unter den jetzigen Umständen können wir frühestens in sechs Monaten daran denken, unsere Aktivitäten wieder aufzunehmen", sagt Nicholas. Glück im Unglück hatte die Nationalmannschaft: Die meisten aus dem Kader spielen in europäischen oder US-Clubs und waren deshalb außer Landes, als das Erdbeben Haiti zerstörte.
"Wenigstens Tore"
Im Nationalstadion hat Verbandsmitarbeiter Saint-Louis Rolny die Aufsicht übernommen. Viel kann er für die verzweifelten Menschen, die dort Obdach erhalten haben, allerdings nicht tun. "Wir haben keine Lebensmittel", sagt er. Doch wer Hilfslieferungen erhalten habe, der teile sie auch, fügt Rolny hinzu. Auf dem Parkplatz, wo sich sonst die Fans drängen, waschen sich Frauen und Kinder mit schmutzigem Wasser. Irgendwann werde hier auch wieder Fußball gespielt, ist Rolny überzeugt. "Die Menschen werden damit nicht aufhören - auch wenn das jetzt nicht das Wichtigste ist", sagt er.
Selbst ihrer ärmlichen improvisierten Unterkunft gewinnen manche noch Positives ab. Der 16-jährige Gerard Rene will das Stadion keinesfalls gegen eine andere Notunterkunft tauschen, etwa den Park beim zerstörten Präsidentenpalast. "Dort gibt es nichts, hier haben wir wenigstens Tore."
Alex Ogle, dpa
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