Schüler werden "wegdelegiert"Immer mehr Sonderschulen
Immer häufiger werden Kinder aus armen Familien und Migranten-Familien an Sonderschulen "wegdelegiert". Mehr als die Hälfte von ihnen schafft keinen Abschluss.
Die Bildungsorganisation VBE hat das Abschieben von Kindern aus armen Familien und Migranten-Familien in Sonderschulen scharf kritisiert. "Trotz eines bundesweiten Rückgangs der Schülerzahlen steigt die Besuchsquote an Sonderschulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen an", sagte der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Ludwig Eckinger, in Berlin.
Über die Hälfte der Sonderschüler sei diesem Förderschwerpunkt zugeordnet. "Zwei Drittel dieser Schülergruppe sind Jungen und Migrantenkinder. Da müssen doch endlich die Alarmglocken schrillen, denn mehr als jeder zweite Absolvent der Sonderschulklassen mit Förderschwerpunkt Lernen schafft keinen Abschluss", mahnte der VBE-Vorsitzende.
"Es darf nicht sein, dass im Wege der Ermittlung sonderpädagogischen Förderbedarfs insbesondere Schüler aus bildungsfernen Familien oder mit Migrationshintergrund aus den allgemeinen Schulen wegdelegiert werden", kritisierte Eckinger. "Das konterkariert die Sonderpädagogik als Teil pädagogischer Grundversorgung." Im Jahr 2004 gingen laut VBE 4,4 Prozent aller Schüler in eine Sonderschule, davon 50,3 Prozent mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Nur jeder achte Schüler mit sonderpädagogischer Förderung habe eine allgemeine Schule besucht.
Die Kultusministerkonferenz empfehle zwar seit 1994 auch die integrierte sonderpädagogische Förderung, was europäischem Standard entspreche. Gleichzeitig verweigere aber die Politik den allgemeinen Schulen entsprechende Rahmenbedingungen, so Eckinger. Notwendig seien vor allem kleinere Klassen, Lehrpersonal für Einzelarbeit und Schulsozialarbeit als normales Angebot. "Ein noch größeres Manko sehe ich in der Lehrerbildung", sagte der VBE-Chef. Die Arbeit in heterogenen Lerngruppen und die Befähigung zu individuellem Fördern müssten eine viel größere Rolle in der Ausbildung spielen.
Ausdrücklich begrüßte Eckinger die jüngsten Äußerungen von Bundespräsident Horst Köhler zur Chancengleichheit: "Wenn Bildung für alle in Deutschland gelingen soll, muss konsequenter als bisher die frühestmögliche individuelle Förderung eines jeden Kindes im Mittelpunkt stehen. Der Bundespräsident hat jetzt erneut den Fokus auf diese entscheidende Aufgabe gelegt." Köhler hatte am 4. September Bildung als "unersetzlichen Beitrag zur Chancengleichheit und damit zu mehr sozialer Gerechtigkeit" bezeichnet.