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Viele Inder nutzen nochmal die Gelegenheit für ein Telegramm.
Viele Inder nutzen nochmal die Gelegenheit für ein Telegramm.(Foto: AP)
Sonntag, 14. Juli 2013

Letzte Nachricht STOP Dienst endet: Indien verabschiedet sich vom Telegramm

Nach gut 163 Jahre endet in Indien ein Kapitel Kommunikationsgeschichte. Kurz vor Sendeschluss stürmen nochmals Tausende Menschen die Telegrafenämter für einen letzten Gruß auf altmodischem Weg. Doch so ganz aufgeben will die Regierung diese Art der Übermittlung nicht. Und auch hierzulande wird mitunter noch von höchster Stelle gekabelt.

Es ist das Ende einer Ära: Kurz vor der Einstellung des Telegrammversands haben am Sonntag Tausende Inder nochmals Telegrafenämter des Landes gestürmt. Angesichts des Andrangs wurde eigens das Personal  aufgestockt, wie der Leiter des staatlichen Telegrafendienstes, Shameem Akhtar, mitteilte. Am Montag ist dann nach 163 Jahren endgültig Schluss mit den bis zuletzt immer persönlich durch Fahrradboten überbrachten Telegrammen zu Geburten, Todesfällen oder anderen wichtigen Ereignissen.

Bis zum Siegeszug von Handy und Internet waren Telegramme in Indien das Hauptkommunikationsmittel für Nachrichtenversand über lange Strecken. Im Jahr der indischen Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft 1947 wurden 20 Millionen Nachrichten auf diese Weise verschickt. 2012 waren es noch 40.000 Telegramme. Die Bevölkerung hatte sich inzwischen vervierfacht, heute leben 1,2 Milliarden Menschen auf dem Subkontinent.

1100 Telegrafisten bekommen neue Aufgaben

Tränen bei einem Telegrafisten nach 60 Dienstjahren.
Tränen bei einem Telegrafisten nach 60 Dienstjahren.(Foto: AP)

Die Zahl der Telegrafenämter in Indien verringerte sich mit der Zeit auf nur noch 75. Die knapp 1100 beim Ministerium für Telekommunikation beschäftigten Telegrafisten sollen künftig an anderer Stelle des Ministeriums arbeiten. Nicht nur sie werden dem  als "Taar" (Draht) bekannten Dienst nachtrauern.

Das in Indien wohl am häufigsten verschickte Telegramm lautet: "Vater krank STOP Komm schnell". Wer damit zum Vorgesetzten ging, konnte sicher sein, ungeplanten Urlaub zu bekommen. Sogar, wenn es mehrfach vorkam. Denn die mit der Maschine eingehackten Großbuchstaben strahlten Autorität aus - gerade in Indien, wo die Liebe zu bürokratischem Papier und Hierarchien besonders ausgeprägt ist.

Ein Sprecher der der staatlichen Telekommunikationsgesellschaft BSNL sagte indes, dass sich der Dienst finanziell nicht mehr trage und schon seit vielen Jahren Millionenverluste eingefahren habe.

Alles begann 1850

In den meisten anderen Ländern der Welt sind Telegramm-Dienste für die Bevölkerung längst abgeschafft. In Indien nutzten die altertümliche Nachrichtenform zuletzt vor allem noch Verwaltungen sowie Soldaten, die aus Camps in abgelegenen Regionen des Landes mit ihren Familien kommunizierten. Gewerkschaften setzten sich in den vergangenen Wochen für den Erhalt zumindest eines Notdienstes ein, schon aus Denkmalgründen - vergeblich.

Eines der letzten Telegramme.
Eines der letzten Telegramme.(Foto: AP)

Das erste Telegramm auf dem Subkontinent war bereits am 5. November 1850 verschickt worden, zwischen Kolkata, damals noch Calcutta, und Diamond Harbour etwa 50 Kilometer südlich davon. Drei Jahre später führten die Masten schon nach Peshawar, Agra, Chennai, Mumbai, Bangalore und fast alle anderen großen Städte des Landes. Bis 1854 durfte nur die britische East Indian Company den Dienst verwenden - dann stand er allen offen.

Das Telegramm ist nicht tot

Doch auch nach dem Ende des Dienstes, ist das Telegramm nicht tot: Für die internationale Kommunikation sollen einige Geräte erhalten bleiben. Das gilt übrigens auch für Deutschland: Bundespräsident Joachim Gauck etwa gratulierte Prinz William und seiner Frau Kate per Telegramm zur Hochzeit - das sei die übliche Form, hieß es aus dem Präsidialamt. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte Japan so Hilfe zur Bewältigung der Tsunami-Katastrophe zu.

Ob allerdings alle Staatsoberhäupter und Regierungschefs auf diesem Weg ansprechbar sind - das weiß auch der Sprecher der Internationalen Fernmeldeunion in Genf nicht. "Unsere Fernschreibe-Experten sind tatsächlich nun alle im Ruhestand", gibt er zu.

Quelle: n-tv.de

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