Panorama

Produkte für Kinder oft ungesund: Jagd auf die Dickmacher

von Ina Brzoska

Ein neuer Foodwatch-Report zeigt: Drei Viertel aller Kinderlebensmittel sind zu süß und zu fettig. Die Industrie trägt eine Mitschuld, dass in Deutschland eine Generation der Junkfood-Junkies heranwächst.

Glaubt man der Werbung, ist gesunde Ernährung kinderleicht: Das Nestlé-Ernährungsstudio beispielsweise empfiehlt Frühstückscerealien, die seien "der beste Start in den Tag, reich an Getreide, Vitaminen und Mineralien". Auch der Kinderpudding "Paula" wird als gesunde Mahlzeit gepriesen. "Mein Körper braucht Eiweiß, Kalzium und Vitamine. So werde ich groß und stark und fleißig wie die Biene. In der Milch und in Paula Pudding find' ich diese guten Sachen", heißt es aus dem Hause von Dr. Oetker.

Laut Foodwatch machen Frückstücksflocken wie "Froot Loop" oder "Honigkugeln" und Puddinge wie "Paula" Kinder auf lange Sicht zu Junkfood-Junkies. Zu süß und zu fettig, wie die meisten Lebensmittel, die sich an Kinder richten. Das ergibt der neue Report "Kinder kaufen", den Foodwatch nun vorstellte.

"Foodwatch"-Mitarbeiterin Anne Markwardt stellte die Studie in Berlin vor.
"Foodwatch"-Mitarbeiterin Anne Markwardt stellte die Studie in Berlin vor.(Foto: dpa)

Die Verbraucherorganisation hat für den 70-seitigen Report speziell für Kinder hergestellte Lebensmittel untersucht. Zwischen April 2011 und Januar 2012 wurden 1514 Produkte in Supermärkten genauer unter die Lupe genommen und nach den Kategorien der Ernährungspyramide des aid Infodienstes, der vom Bundesernährungsministerium gefördert wird, eingeordnet. Die Pyramide zeigt in Ampelfarben, welche Mengen bestimmter Lebensmittelgruppen von Kindern verzehrt werden sollten.

Bio ist nicht besser

Die von Foodwatch untersuchten Kinderlebensmittel stellen die Pyramide dabei auf den Kopf: Fast drei Viertel der Produkte fallen in die "rote" Kategorie der "süßen und fettigen" Snacks und sollten nur wenig gegessen werden. Um beim Beispiel der Frühstücksflocken zu bleiben: 96 Prozent der untersuchten Produkte gehören in die rote Kategorie, weil sie zu zwischen 25 bis 50 Prozent aus Zucker bestehen, bei Kinderpuddingen kommt noch ein hoher Fettanteil hinzu. Selbst in der grünen Kategorie finden sich Obstsäfte und Schorlen wie Eckes-Graninis "Frucht-Tiger", der pro Viertelliter-Flasche ein Äquivalent von 5,5 Stücken Würfelzucker enthält. Auch Biolebensmittel sind kein Garant für gesunde Ernährung. "Hier sind über fünfzig Prozent zu zuckrig und zu fettig", so Ernährungsexpertin Anne Markwardt.

Das Fazit der Verbraucherorganisation: Die Lebensmittelindustrie trägt eine Mitschuld daran, dass immer mehr Kinder zu dick sind. Dem Universitätsklinikum Leipzig zufolge sind 14,8 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen zwei und 17 Jahren in Deutschland übergewichtig, das sind 1,7 Millionen. Fast die Hälfte von ihnen ist sogar adipös, also krankhaft fettleibig – Tendenz steigend. "Die Unternehmen tragen eine Mitverantwortung für die grassierende Fehlernährung von Kindern", sagt Markwardt. Mit Werbung und Lobbyarbeit werde der Nachwuchs langfristig an solche süßen und fettigen Fastfood-Produkte gewöhnt. Der Grund liegt in dem Ziel der Gewinnmaximierung der Unternehmen: "Mit den süßesten und fettigsten Produkten lässt sich die meiste Rendite machen, das ist die Crux", sagt Matthias Wolfschmidt. Veterinärmediziner und Kampagnenleiter bei Foodwatch. Der Verkauf von Obst und Gemüse bringe vergleichsweise wenig Umsatz.

Viele Ergebnisse, die Foodwatch auflistet, sind nicht neu: Zahlreiche Studien haben bereits in den vergangenen Jahren gezeigt, dass die meisten Lebensmittel, die speziell für Kinder hergestellt werden, zu süß und zu fettig sind – der Report zitiert aus diesen Studien. Erschreckend ist aber die Dimension der Marketing-Maßnahmen, mit der Kinder überall erreicht werden.

Bunte Erlebniswelten

Wer mit seinen Zöglingen den Einkaufswagen durch die Supermarktregale schiebt, kennt das Problem, besonders in der sogenannten Quengelzone: Da stehen sie, die Säfte und Riegel, von denen niedliche Mäuse oder Tiger lächeln. Die Verpackungen sind bunt, sie werben mit Rätseln, Spielen, Sammelstickern – und die Kinder wollen sie haben, sofort. Da können die rotbäckigsten Äpfel oder die grünsten Brokkoliröschen einpacken. Doch beworben wird nicht mehr nur im Supermarkt, im Fernsehen oder Radio.

Nesquik, Dickmanns oder Pommbär haben virtuelle Werbewelten im Internet erschaffen, mit bunten Comicfiguren, 3-D-Chats, Videospielen. Im Namen von Capri-Sonne, einem zuckrigen Softdrink, werden Kinder aufgefordert, selbst Werbung zu machen. Der Wettbewerb heißt "Superfan": Kinder sollten sagen, warum sie Capri-Sonne lieben, und Fotos hochladen. Wer bei solchen Spielen mitmacht, erhält Werbegeschenke, darf an Sportevents oder Ferienfreizeiten teilnehmen und nebenbei werden die Sprösslinge selbst zu Werbeträgern.

Die Konzerne, so analysiert der Bericht, legen es darauf an, Kinder schon so früh wie möglich an ihre Marken zu binden und ihnen ungesunde Snacks zu verkaufen, in dem sie Hunderte Millionen Euro in kindgerechte Werbung investieren. "Eltern sind verantwortlich für ihre Kinder, das heißt aber nicht, dass die Wirtschaft unverantwortlich handeln darf", sagt Markwardt. Foodwatch fordert unter anderem, dass Lebensmittelhersteller keine Partner für Schul- oder Sportprogramme sein dürfen. "Schulen und Kindergärten müssen werbefreie Räume werden", fordert Markwardt.

Quelle: n-tv.de

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