Freitag, 09. Januar 2009
Kindsentführungen in China: Kaum Hilfe von der Polizei
Peng Siying rinnt eine Träne über die Wange, wenn sie die letzten Bilder ihres Sohnes betrachtet. Eine Überwachungskamera nahm sie vor mehr als einem Jahr auf - an jenem Tag im Oktober, als der damals dreijährige Sun Zhou von einem Spielplatz in der südchinesischen Wirtschaftsmetropole Shenzhen verschwand. Die Kamerabilder zeigen einen vielleicht 40 Jahre alten Mann, der dem Kleinen folgt. Offenbar wurde der einzige Spross der Familie entführt, wie alljährlich tausende andere Kinder in der Volksrepublik.
"Wenn ich die Bilder betrachte, wächst mein Hass auf die Kidnapper noch mehr", sagt die 34-jährige Peng. "Sie haben nicht nur unser Kind gestohlen, sondern die Seele einer ganzen Familie", schluchzt die ganz in Schwarz gekleidete Frau. "Aus einer glücklichen Familie wurde eine leere Hülle. Wir sind nichts mehr."
Eigene Ermittlungen der Eltern
Zusammen mit ihrem gleichaltrigen Mann Sun Haiyang lebt Peng in einer kleinen Wohnung, von deren Fenstern man direkt auf den Spielplatz des benachbarten Kindergartens blickt, von dem ihr Sohn verschwand. In dem einfachen Viertel leben vor allem Arbeiter. Sun hat in der Nähe einen Laden eröffnet, in dem er Brot und gedünstete Maiskolben verkauft. Auf der Ladentür klebt ein Plakat: "Ladenbesitzer sucht seinen Sohn. 200.000 Yuan (22.000 Euro) Belohnung."
Ursprünglich stammen Sun und Peng aus der verarmten Zentralprovinz Hubei. Ihrem Kind zuliebe zogen sie in die Boomstadt Shenzhen. "Seit mein Sohn zur Welt kam, wollte ich ihn in die Großstadt bringen, damit er eine bessere Zukunft hat", sagt Sun. Doch der Traum wurde über Nacht zum Albtraum. Am 1. Oktober 2007 zog die Familie ins kantonesische Shenzhen, zwei Tage später eröffnete Sun seinen Laden, und in der Woche darauf wurde das Kind entführt. Nur zwei Tage war der kleine Sun Zhou in den Kindergarten gegangen. "Ich hätte nie gedacht, dass wir ihn so schnell verlieren würden", seufzt Sun.
Tausende Flugblätter mit dem lachenden Kindergesicht ihres Sohnes haben die verzweifelten Eltern seit der Entführung verteilt und alle möglichen Spuren verfolgt - von der Polizei wurden sie fast gar nicht unterstützt. "Die Beamten tauchten erst sechs Tage nach der Entführung bei uns auf, und auch nur, weil ich sie auf Knien darum gebeten hatte", sagt Sun. Im Laufe seiner eigenen Ermittlungen erfuhr der Vater, dass mehr als 1000 Kinder in Shenzhen und Umgebung entführt worden sind: verkauft an unfruchtbare Paare oder Menschenhändler, die die Kinder zur Arbeit zwingen.
Kinderhandel weit verbreitet
"Das ist eines der Probleme dieses Landes", sagt Sun. "Entführte Kinder werden gezwungen zu arbeiten oder auf der Straße Blumen zu verkaufen. Sie werden zu Spielzeugen, mit denen man Geld verdient." Kinderhandel ist schon lange verbreitet in China, besonders seit der in den 1980er Jahren eingeführten Ein-Kind-Politik. Sie begrenzt die Zahl der Kinder für Stadtbewohner auf eines und die für die Landbevölkerung auf zwei, falls das erste Kind ein Mädchen ist. Als Stammhalter oder Arbeiter sind Jungen besonders beliebte Entführungsopfer.
Offizielle Zahlen über entführte Kinder in China gibt es aber nicht. Das US-Außenministerium schätzt, dass jedes Jahr 20.000 Kinder in der Volksrepublik gekidnappt werden. Schlagzeilen über Kinderarbeit hatten im Juni 2007 das Land erschüttert, als bekannt wurde, dass Kinder und Behinderte als Sklaven in Hunderten Ziegeleien in Nord- und Zentralchina hatten arbeiten müssen.
Die Regierung in Peking erklärte daraufhin, verstärkt gegen Menschenhandel vorgehen zu wollen. Im vergangenen Jahr eröffnete die Polizei eine gesonderte Ermittlungseinheit. Für Sun ist das nur ein schwacher Trost. "Einfache Leute wie wir erhalten keine große Hilfe", sagt er. Bei der Suche nach ihrem Sohn vertrauen er und seine Frau deshalb weiter nur auf ihre eigenen Ermittlungen - und die Hilfe der Medien. Er werde nie aufgeben, sagt der Vater. "Solange ich lebe, werde ich nach meinem Sohn suchen."
Franois Bougon, AFP
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