Panorama
Diana Müll bei ihrer Rückkehr nach Deutschland.
Diana Müll bei ihrer Rückkehr nach Deutschland.(Foto: dpa)
Freitag, 13. Oktober 2017

"Landshut"-Geisel Diana Müll: "Keiner ahnte, was uns bevorsteht"

Am 13. Oktober 1977 entführen palästinensische Terroristen eine Lufthansa-Maschine und halten die 90 Menschen an Bord fünf Tage in ihrer Gewalt. Sie fordern die Freilassung inhaftierter RAF-Terroristen und Gesinnungsgenossen sowie 15 Millionen US-Dollar. In der somalischen Hauptstadt Mogadischu wird die "Landshut" schließlich von Spezialkräften gestürmt. Drei der vier Geiselnehmer werden getötet. Alle Geiseln überleben, auch Diana Müll, die die Ereignisse dieser Tage auch nach 40 Jahren noch nicht loslassen.

n-tv.de: Sie waren 19 Jahre alt, auf dem Rückweg von einer Partywoche aus Mallorca nach Frankfurt. Wann haben Sie begriffen, dass das Flugzeug entführt wurde?

Diana Müll: Relativ schnell. Nach einer Stunde sind die zwei Terroristen, die neben mir saßen, aufgesprungen und nach vorne Richtung Cockpit gerannt. Als sie vorn ankamen, hat der, der sich Mahmud nannte, sofort das Mikro in die Hand genommen und hat reingebrüllt. Aber wir haben das nicht so ernst genommen. Ich habe gedacht, das sind ein paar Bekloppte. Keiner hätte sich in diesem Moment vorstellen können, was in den nächsten fünf Tagen auf uns zukommt.

Was wussten Sie zu diesem Zeitpunkt über die politischen Hintergründe, also die RAF und die Entführung von Hanns-Martin Schleyer?

Ich war 19 Jahre, ich war natürlich mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Aber ich wusste von Hanns-Martin Schleyer, das hat man ja in jeder Nachrichtensendung gesehen. Die RAF war mir ein Begriff. Wovon ich gar keine Ahnung hatte, war von Israel und den Palästinensern. Das war viel zu weit weg für mich. Als wir in Dubai waren, habe ich gedacht, wo ist Dubai? Davon hatte ich noch nie gehört, Afrika war für mich am Ende der Welt.

Was war der schlimmste Moment für Sie während der Entführung?

Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Es waren so viele. Aber so nach zwei, drei Tagen, als die Situation immer schlimmer wurde, hat sich der Körper ausgeschaltet. Man fällt dann in eine Lethargie, damit man das aushalten kann. Als die mich an die Tür gezerrt haben, um mich zu erschießen, da war die Situation an Bord schon so schlimm, dass ich gedacht habe, vielleicht ist eine Kugel im Kopf das Beste. Ich wollte das nicht mehr erdulden, was da vielleicht noch auf mich zukommt. Gefühlt war das dann gar nicht mehr so schlimm, aber innerlich muss es das doch gewesen sein. Denn als Mahmud bis zehn gezählt hatte und der Tower bei zehn geschrien hat: 'Wir tanken auf", da bin ich zusammengebrochen und bewusstlos geworden und weiß bis heute nicht wie lange.

Wenn die Maschine nicht aufgetankt worden wäre, wären Sie wohl erschossen worden. Was haben Sie empfunden?

"Mogadischu" ist im Riva-Verlag erschienen und kostet 14,99 Euro.
"Mogadischu" ist im Riva-Verlag erschienen und kostet 14,99 Euro.

Meine Gedanken waren ganz klar, ich habe weder geweint noch geschrien und gezetert. Ich habe später oft darüber nachgedacht. Aber so war es. Als ich zurückgekommen bin, habe ich zu meiner Mutter gesagt, es ist unbegreiflich, was ein Mensch aushalten kann.

Die Geiselnehmer erschossen schließlich den Flugkapitän Jürgen Schumann.

Und ich saß direkt daneben. Das war so ein schlimmer Schock, das ist zu schlimm, um das aufzunehmen. Gefühlt noch schlimmer war, dass ich stundenlang neben dem Leichnam sitzen musste. Ich hatte nackte Füße, die waren voller Blut. Einmal durfte ich aufstehen und zur Toilette gehen, dafür musste ich über den Körper steigen. Irgendwann war das normal, das ist so krank.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass es am Anfang noch peinlich ist, wenn man sich einnässt und dann nicht mehr, dass Männer ihren Frauen das Wasser streitig machen. Was hat das im Nachhinein mit Ihnen gemacht?

Nichts. Da ist nichts, was ich mit in mein Leben genommen habe. Das ist eine Ausnahmesituation für jeden, der da verrückte Dinge gemacht hat. Ich denke, das muss man da auch lassen. Das war sicher auch Manchem peinlich. Im Grund genommen waren wir alle Opfer und Leidensgenossen. Ich habe gesehen, dass Frauen stärker sind als Männer. Das habe ich später oft bestätigt gesehen.

Nach fünf Tagen wurde die Maschine gestürmt. Haben Sie zu diesem Zeitpunkt noch an die Rettung geglaubt?

Nein. Ich war sehr pessimistisch. Ich hatte die Hoffnung, dass die uns irgendwann gehen lassen, aber ich habe nicht mehr daran geglaubt. Ich habe nie an eine Stürmung gedacht, ich hätte nie vermutet, dass man ein Flugzeug von außen aufmachen kann.

Wie haben Sie die Erstürmung erlebt?

Zu diesem Zeitpunkt haben wir befürchtet, dass in dieser Nacht die Ersten sterben. Viele der älteren Passagiere waren kaum noch ansprechbar. Ich bin vorher eingeschlafen und war komplett weggetreten. Bis ich zu mir kam, war die Maschine schon halb leer. Dann hat einer geschrien: 'Köpfe runter'. Also habe ich hochgeguckt und gesehen, wie die Kopfstützen von Munition zerfetzt werden. Als ich mich rumgedreht habe, schaute ich in das geschwärzte Gesicht eines Mannes auf allen vieren. Da habe ich gedacht, ich werde verschleppt. Ich habe mich dann so unter einem Sitz versteckt, dass ich da nicht mehr rauskam. Erst nach einer Weile haben sie dann draußen gemerkt, dass einer fehlt. Dann ist einer gekommen und hat mich da rausgeholt.

Heute werden Geiseln psychologisch betreut, welche Unterstützung haben Sie damals bekommen?

Gar keine, das ist wirklich traurig. Vom deutschen Staat kam gar nichts, meine Therapie musste ich selbst bezahlen und habe mich dafür hoch verschuldet. Die Kärntner Landesregierung, die hat was Tolles gemacht. Die haben uns für einen Skiurlaub eingeladen und alles bezahlt. Ich habe jetzt von einigen Ex-Geiseln erfahren, dass sie eine Rente von 140 Euro im Monat bekommen. Dafür will ich jetzt auch kämpfen.

Haben Sie noch Kontakt zu anderen früheren Ex-Geiseln?

Co-Pilot Jürgen Vietor, Stewardess Gabriele von Lutzau und Daniela Müll (v.l.) bei der Rückkehr der Maschine, am 23. September 2017 in Friedrichshafen.
Co-Pilot Jürgen Vietor, Stewardess Gabriele von Lutzau und Daniela Müll (v.l.) bei der Rückkehr der Maschine, am 23. September 2017 in Friedrichshafen.(Foto: REUTERS)

Mit den fünf, mit denen ich gereist bin, hatte ich über all die Jahre Kontakt, mal mehr, mal weniger. Einmal im Jahr treffen wir uns auf Mallorca, wenigstens zu zweit oder dritt. Es gibt immer mal wieder Situationen, in denen einer was erfährt und es den anderen erzählt. Aber nachdem diese Treffen mehrmals mit viel Heulen ausgegangen sind, haben wir beschlossen, es ist alles gesagt. Wir haben dann gefeiert und was Schönes gemacht.

Sie haben in dem Prozess gegen Souhaila Andrawes ausgesagt. Sie war die einzige überlebende Geiselnehmerin. Hat Ihnen dieser Prozess Genugtuung verschafft?

Ja, am Anfang wollte ich nicht hin. Aber der Richter hat mich überzeugt und ich weiß, dass meine Aussage ihr sehr zugesetzt hat. Weil ich mich unglaublich gut erinnern konnte, wann sie wo und in welcher Reihe jemandem den Pistolenknauf auf den Kopf gehauen hat. Aber das war schon schwer. Ich wollte unbedingt, dass sie verurteilt wird. Schlimm war, dass ich gemerkt habe, dass sie immer noch die gleiche Gesinnung hat. Sie hat so viele Menschen ins Unglück gerissen, es wird ja immer nur von den Geiseln im Flugzeug gesprochen. Aber meine Eltern und Geschwister hatten auch eine ganz schlimme Zeit und davon ist nichts verblasst.

Wie finden Sie, dass das Flugzeug wieder nach Deutschland gebracht wird?

Ich finde das eine tolle Sache, auch wenn ich erst geschockt war. Im ersten Moment habe ich gedacht, dafür ist Geld da, aber die Opfer bekommen nichts. Inzwischen bin ich versöhnlicher, weil es auch nicht nur mit Staatsgeldern finanziert wird. Meine Mutter hat auch gespendet. Und als Mahnmal gegen den Terror finde ich das wirklich gut und unterstütze das auch.

Mit Diana Müll sprach Solveig Bach

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Quelle: n-tv.de

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