Panorama
Drei Tote, fünf Verletzte - so die Bilanz der Geisterfahrt auf der A67.
Drei Tote, fünf Verletzte - so die Bilanz der Geisterfahrt auf der A67.(Foto: dpa)
Mittwoch, 27. September 2017

Todesfahrt bei Rüsselsheim: Keiner rechnet mit Geisterfahrern

Von Lisa Schwesig

Kaum einer kommt auf die Idee, falsch auf die Autobahn zu fahren und dann zu wenden. Genau so ein riskantes Manöver unternimmt ein Fahrer auf der A67 in Hessen. Seine Geisterfahrt kostet drei Menschen das Leben - und ist kein Einzelfall.

"So etwas habe ich noch nicht erlebt", sagt ein Polizeisprecher am vergangenen Wochenende nach einem Crash auf einer hessischen Autobahn. Drei Menschen waren auf der A67 bei Rüsselheim ums Leben gekommen, weil der Fahrer eines Kleinlastwagens offenbar einem Stau entgehen wollte. Den hatte er zuvor selbst verursacht, als er mitten in einer Auffahrt stoppte. Anschließend fuhr er in falscher Richtung auf die Autobahn auf und rammte zwei Autos. Eine niederländische Familie kam ums Leben, vier weitere Frauen wurden verletzt. Der 34-jährige Geisterfahrer musste ebenfalls mit schweren Verletzungen aus dem Wrack seines Wagens geschnitten werden. Nun stellt sich heraus: Er hatte 3,09 Promille Alkohol im Blut.

Sechs Mal täglich gibt es im Schnitt Warnungen wegen Falschfahrern auf deutschen Straßen. In vielen Fällen handelt es sich um Fehleinschätzungen, wenn etwa ein herannahendes Auto in der Kurve über die Spurbegrenzung fährt. Oft genug passiert es aber tatsächlich Autofahrern, dass sie versehentlich falsch auf eine Autobahn auffahren. Die meisten bemerken ihren Irrtum, fahren auf den Seitenstreifen und verständigen die Polizei. Anders sieht es aus, wenn Drogen im Spiel sind oder man gar absichtlich wendet.

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Im Rüsselsheimer Fall könnte Alkohol die Erklärung sein. Das ist aber nicht die einzige Möglichkeit für das Phänomen Geisterfahrer. ADAC-Sprecher Alexander Machowetz sagt n-tv.de: "Es kann eine Kurzschlusshandlung vorliegen. Drogen oder aber Orientierungslosigkeit können auch eine Rolle spielen."

Stress, Zeitdruck, Ungeduld

Manchmal ist die Erklärung aber auch erschreckend simpel: Zu den häufigsten Gründen für ein riskantes Wendemanöver zählt der ADAC Stress, Zeitdruck und Ungeduld. Diese spielten wohl auch am Samstagabend eine Rolle, als der Lkw-Fahrer sich zu dem fatalen Wendemanöver entschloss. Aufgrund seiner schweren Verletzungen konnte der Mann aus Polen noch nicht von der Polizei befragt werden. Der Alkoholgehalt in seinem Blut könnte aber zu seiner Fehleinschätzung beigetragen haben.

Rat und Nothilfe
  • Bei Suizidgefahr: Notruf 112
  • Beratung in Krisensituationen: Telefonseelsorge (Tel.: 0800/111-0-111) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333; wochentags von 14 bis 20 Uhr)
  • Auf den Seiten der Deutschen Depressionshilfe sind Listen mit regionalen Krisendiensten und mit Kliniken zu finden. Zudem gibt es viele Tipps für Betroffene und Angehörige.
  • In der deutschen Depressionsliga engagieren sich Betroffene und Angehörige, um die Situation und die Versorgung Depressiver zu verbessern. Sie bieten Depressiven ein E-Mail-Beratung als Orientierungshilfe an.
  • Eine Übersicht über Selbsthilfegruppen zur Depression bieten die örtlichen Kontaktstellen (KISS).

Laut Statistik sind vor allem Männer betroffen. Knapp 70 Prozent der Geisterfahrer sind männlich, etwa 40 Prozent sind Senioren. Dafür gibt es zwei Gründe:  Ältere Männer sitzen häufiger hinter dem Steuer als ihre Altersgenossinnen - auch wenn sie möglicherweise nicht mehr in der Lage sind, am Straßenverkehr teilzunehmen. "Bei Jüngeren kann die Lust auf den speziellen Kick ein Auslöser sein, auch Mutproben können eine Rolle spielen", so Machowetz. Dies hänge tatsächlich mit dem Testosteronspiegel zusammen, erklärt der ADAC-Sprecher.

Theoretisch kann aber jeder Autofahrer unabhängig von Geschlecht oder Alter zum Falschfahrer werden. Man kann das Risiko aber minimieren: "Wer konzentriert Auto fährt, ist normalerweise davor gefeit, Falschfahrer zu werden", sagt Machowetz. An einer mangelnden Beschilderung auf deutschen Straßen liegt es dem Automobilklub zufolge nicht, dass es dennoch immer wieder zu Geisterfahrten kommt. Sowohl die Beschilderung als auch die Markierung an Autobahnauffahrten müssen regelmäßig auf ihre Sichtbarkeit und Begreifbarkeit überprüft werden, so Machowetz. "Aber auch die beste Beschilderung nützt nichts, wenn ein Fahrer bewusst in falscher Richtung auf die Autobahn auffährt." Falschfahrten mit suizidalen Absichten sind nicht zu verhindern.

Bußgeld oder gar Straftat?

Selbst wenn bei einer Geisterfahrt niemand zu Schaden kommt, drohen juristischen Konsequenzen: 200 Euro Strafe, zwei Punkte in Flensburg und der Entzug der Fahrerlaubnis für einen Monat. "Werden andere gefährdet, handelt es sich um eine Straftat, die - je nach Schwere des Falls - auch mit einer mehrjährigen Gefängnisstrafe geahndet wird", sagt Machowetz. Tödliche Unfälle durch Falschfahrer machen in der Statistik der Verkehrstoten aber nur einen geringen Anteil aus. Weniger als ein Prozent der insgesamt 3214 Toten im Straßenverkehr kam durch eine Geisterfahrt ums Leben.

Dennoch starben 2016 zwölf Menschen auf deutschen Straßen durch Falschfahrer. Die meisten Unfälle passieren in den Nächten am Wochenende - nach Partys oder Kneipenbesuchen. "Häufig fehlen nachts auch andere Verkehrsteilnehmer, die Orientierung zum Beispiel in Form von Vorausfahren geben", so Machowetz.

Wann immer ein Falschfahrer unterwegs ist, meldet es die Polizei. Radioprogramme werden für diese Durchsagen jederzeit unterbrochen. Dadurch müssten die Autofahrer gewarnt sein. Trotzdem gelingt es ihnen nur selten, rechtzeitig zu bremsen. Denn in der Praxis zeigt sich: "Kein Autofahrer, der mit hohem Tempo auf der Autobahn unterwegs ist", sagt der ADAC-Sprecher, "rechnet damit, dass ihm auf seiner Fahrspur ein anderes Fahrzeug entgegenkommt."

Quelle: n-tv.de

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