Panorama
Peter Tinnemann am Krankenbett eines kleinen beinamputierten haitianischen Mädchens.
Peter Tinnemann am Krankenbett eines kleinen beinamputierten haitianischen Mädchens.(Foto: (Unsere kleinen Brüder und Schwestern))

Arzt im Katastrophen-Einsatz: "Keiner weinte, keiner schrie"

Hunderte Ärzte sind nach Haiti geflogen, um die Opfer des Erdbebens zu versorgen. Einer von ihnen ist Peter Tinnemann. Er arbeitete zwei Wochen im Kinderkrankenhaus St. Damien des Hilfswerks "Unsere kleinen Brüder und Schwestern" im Stadtteil Tabare von Port-au-Prince. Im Interview mit n-tv.de erzählt er, dass er beim Anblick des Ausmaßes der Katastrophe "völlig überwältigt" war. Eine Rückkehr nach Haiti schließt er nicht aus.

n-tv.de: Sie sind vier Tage nach dem Erdbeben in Haiti eingetroffen. Was waren ihre ersten Eindrücke?

Peter Tinnemann: Als ich über die Grenze der Dominikanischen Republik nach Haiti gefahren bin, war die Zerstörung minimal, kaum sichtbar. Je mehr ich mich Port-au-Prince näherte, desto mehr nahm die Zerstörung zu. Als ich dann im Kinderkrankenhaus St. Damien in Tabarre, einem Stadtteil von Port-au-Prince, ankam, war ich völlig überwältigt. Das Kinderkrankenhaus der Organisation „Unsere kleinen Brüder und Schwestern“ funktionierte überhaupt nicht mehr als solches. Die Patienten saßen alle auf der Wiese vor dem Gebäude. Die Situation glich eher einem Feldlazarett. 

Wie bereiten Sie sich auf so einen Einsatz vor? 

Ich habe vor 14 Jahren schon mal in Haiti gelebt und gearbeitet. Ich wusste deshalb, was auf mich zukommt. Ich kenne die spezifischen Gegebenheiten im Land, ich spreche die lokale Sprache. Außerdem habe ich mehrere Jahre für verschiedene andere Hilfsorganisationen gearbeitet. Ich war jedoch noch nie in einem Erdbebenkatastrophengebiet. Das Erdbeben war von einem so extremen Ausmaß, so viele Tote auf so kleinem Raum. Das hat es vorher so noch nie gegeben. Darauf kann man sich nicht vorbereiten. Man muss sehen, wie es vor Ort ist, und sich darauf einlassen.

Was war die größte Herausforderung für einen Sie?

Noch immer sind viele Versorgungsfragen in Haiti offen.(Bildrechte: Unsere kleinen Brüder und Schwestern)
Noch immer sind viele Versorgungsfragen in Haiti offen.(Bildrechte: Unsere kleinen Brüder und Schwestern)

Ich habe vor Ort nicht primär als Arzt gearbeitet. Zwar bin ich Mediziner und habe auch als solcher bei meinem ersten Aufenthalt in dem Kinderkrankenhaus in Haiti gearbeitet. Doch dieses Mal war ich in der Krankenhausorganisation tätig. Die anfängliche Disorganisation war die größte Herausforderung für mich. Das Kinderkrankenhaus, wo normalerweise 100 bis 150 Kinder behandelt werden, war plötzlich überflutet mit doppelt so vielen Patienten. Die meisten von ihnen waren Erwachsene mit Wunden und Knochenbrüchen, also eher chirurgische Fälle. Das Personal war nicht nur mit der Zahl der Patienten, sondern auch mit deren Verletzungen überfordert. Wenn man als Kinderarzt oder Kinderkrankenschwester plötzlich offene Knochenbrüche und Weichteilverletzungen behandeln muss, dann ist das so, als wenn Sie Ihren Fernseher zur Autoreparatur bringen.

Was haben Sie im Rahmen der Krankenhausorganisation genau gemacht?

Ich habe viele Jahre für Hilfsorganisationen hauptsächlich im Bereich Koordination und Management gearbeitet. In Haiti habe ich mich anfangs darum gekümmert, dass bei der Flut von Patienten überhaupt jeder erstmal von einem Arzt gesehen wird. Der schätzt die Verletzung ein und entscheidet, wann und wie der Patient behandelt werden muss. Ich habe mich beispielsweise auch darum gekümmert, dass die Ärzte sich einmal am Tag zusammensetzen und darüber sprechen, wie es momentan aussieht, wo die größten Probleme liegen, was gebraucht wird, wie es weitergeht.

Was war das Schrecklichste, was Sie erlebt haben?

Schrecklich waren die Geschichten von Patienten, die Haus und Familie verloren hatten: Wenn sich in Deutschland ein Kind den Arm bricht, dann stresst das die Eltern. Wenn sich in Haiti ein Kind einen Arm gebrochen hatte und die Eltern ihre anderen Kinder durch die Folgen des Erbebens verloren haben, dann kann man sich vorstellen, wie viel schlimmer es solchen Familie geht. Als ganz schlimm habe ich auch die Frage nach den Angehörigen empfunden: Viele wussten nicht, wo diese sind, ob sie verletzt, bewusstlos oder tot sind.

Wie verarbeiten Sie Ihre Erlebnisse?

Eine Art der Verarbeitung ist tatsächlich darüber zu reden, im Freundeskreis und mit Kollegen. Ein Freund von mir ist auch in Haiti. Er kommt am Samstag zurück. Mit ihm werde ich viel sprechen. Er weiß, wie es dort gerochen hat, wie die Leute dort ausgesehen haben. Er kann meine Erlebnisse besser nachvollziehen. 

Was war das Schönste, was Sie erlebt haben?

Erst nach zwei Wochen lösten sich die Menschen langsam aus ihrer Schockstarre. (Bildrechte: Unsere kleinen Brüder und Schwestern)
Erst nach zwei Wochen lösten sich die Menschen langsam aus ihrer Schockstarre. (Bildrechte: Unsere kleinen Brüder und Schwestern)

Ich kannte Haiti mit seinem karibischen Lifestyle. Man witzelt mit den Kollegen und unterhält sich locker. Aber in den Tagen nach dem Erdbeben weinte keiner, schrie keiner, und schon gar nicht machte man Bemerkungen oder gar einen Witz. Die Betroffenen waren tagelang apathisch, sie hörten von immer mehr Todesfällen. Zehn Tage nach meiner Ankunft habe ich dann erlebt, wie die Menschen wieder angefangen haben zu lachen. Als das erste Mal Menschen im Krankenhaus wieder gelacht haben, da sind alle Kollegen im Krankenhaus neugierig zusammen gekommen, um zu gucken, was da los ist. Das war ein sehr schöner Moment für mich. Da habe ich gemerkt, dass es weitergeht.       

Welche Eigenschaft muss man haben, um in einem Katastrophengebiet wie Haiti arbeiten zu können?

Ich war völlig fasziniert, wie viele US-amerikanische Ärzte ihre Taschen gepackt haben und einfach nach Haiti gefahren sind, um zu helfen, wo sie können. Ich glaube, dass die allermeisten Ärzte in Deutschland bei Verletzungen auf der Straße sofort helfen würden. Aber man muss kein Arzt sein, um zu helfen. Jeder hilft gern. Als Arzt ist man dafür qualifiziert, medizinische Hilfe zu leisten. In Haiti waren spezifische chirurgische Fähigkeiten gefragt. Aber ich glaube, es braucht nicht unbedingt besonders heroische Persönlichkeiten oder Fähigkeiten. Helfen ist etwas, was alle Menschen tun, wenn es getan werden muss.     

Werden Sie zurückgehen?

Ich denke darüber nach. Viele Fragen bezüglich der Ernährungssituation, der Infektionserkrankungen und der psychosozialen Hilfe sind noch offen. Gemeinsam mit "Unsere kleinen Brüder und Schwester e.V." überlege ich, wie ich die Organisation beraten kann, wie ich mich eventuell vor Ort noch mal einbringen kann. Aber auch mit engagierten Kinderärzten an der Charité denken wir darüber nach, was man für das Krankenhaus St. Damien tun kann und wie man die Universität in Port-au-Prince unterstützen kann. Solche Gedanken diskutieren wir derzeit.

Mit Peter Tinnemann sprach Julia Kreutziger

"Unsere kleinen Brüder und Schwestern" sind vor Ort und helfen. Hier können Sie sie mit einer Spende unterstützen.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen