Panorama

Eine Million mehr KonsumentenKokain-Boom in Europa

22.11.2007, 11:06 Uhr

Zum ersten Mal seit mehr als zehn Jahren nicht weiter gestiegen ist die Zahl der Heroin- und Cannabiskonsumenten. Kokain aber wird inzwischen nicht nur von der "Schickeria", sondern in breiten Teilen der Bevölkerung genommen.

Der Kokainkonsum in der EU und Norwegen ist nach Angaben der EU-Drogenbeobachtungsstelle dramatisch angestiegen. "Bei Kokain zeigt sich ein erschreckendes Bild", sagte Direktor Wolfgang Götz bei der Vorstellung des Jahresberichts 2007 in Brüssel. Die Beobachtungsstelle geht inzwischen von 4,5 Millionen Kokainnutzern aus, im Vorjahr waren es noch eine Million weniger. Dieser Anstieg ist laut Götz aber auch darauf zurückzuführen, dass mangelhafte Daten bislang zu einer zu niedrigen Schätzung geführt hätten. Bei Heroin und Cannabis sei die Entwicklung positiv.

Kokain werde inzwischen nicht nur von der "Schickeria", sondern in breiten Teilen der Bevölkerung genommen, sagte Götz in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. Es habe inzwischen sogar die Partydroge Ecstasy verdrängt und nehme nun hinter Cannabis erstmals Rang zwei bei den illegalen Drogen ein. "Generell bleibt das größte Problem der Mischkonsum", betonte Götz. Denn oftmals werde Kokain zusätzlich zu Alkohol oder Heroin eingenommen.

Die Zahl der Cannabiskonsumenten ist zum ersten Mal seit mehr als zehn Jahren nicht weiter gestiegen. Inzwischen hat jeder vierte erwachsene Europäer die Droge bereits einmal probiert. Drei Millionen Bürger konsumieren sie täglich. Bei den jungen Europäern zwischen 15 und 34 Jahren haben 13 Prozent im vergangenen Jahr mindestens einen Joint geraucht. Ihr Anteil ist mit 20 Prozent in Spanien am höchsten, in Deutschland hat die Beliebtheit von Cannabis dagegen abgenommen.

"Es gibt Anzeichen, dass die Heroinepidemie ihren Höhepunkt erreicht hat", sagte Götz. Unter anderem wegen besserer medizinischer Betreuung und Spritzentauschprogrammen habe die Ansteckungsrate für HIV abgenommen. Zwischen 100.000 und 200.000 Abhängige sind nach Angaben der Beobachtungsstelle mit dem Virus infiziert, 3.500 haben sich innerhalb des vergangenen Jahres angesteckt. Etwa eine Million Drogenkonsumenten sind mit Hepatitis C infiziert. Bis zu 8.000 EU- Bürger und Norweger sind innerhalb eines Jahres an ihrer Sucht gestorben.

Die Europäische Kommission teilte mit, dass Drogenfahnder im vergangenen Jahr Grundstoffe für synthetische Rauschmittel im Wert von 2,8 Milliarden Euro in der EU beschlagnahmt haben. "Aus einer kleinen Menge dieser Vorstufenstoffe kann man eine große Menge an Drogen herstellen, die entsprechend viel Geld einbringen", sagte John Pulford von der Generaldirektion Steuer- und Zollunion. Aus Europa stammten weltweit die meisten Amphetamine, wofür aber Grundstoffe etwa aus Südostasien benötigt würden. Der Schmuggel dieser Stoffe sei leichter zu bekämpfen als der Straßenhandel mit den fertigen Drogen.