Panorama

München und die NazisKunsthäuser arbeiten Verstrickungen auf

26.01.2011, 12:51 Uhr

Gleichschaltung, Diffamierung, Enteignung: unter Hitler wird die deutsche Kunstszene gnadenlos verstümmelt. Dass die Museen dabei oft eine unrühmliche Rolle spielen, wird lange verschleiert. Doch seit einigen Jahren ist die Aufarbeitung ein großes Thema.

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Das "Haus der Kunst" wurde wurde von Paul Ludwig Troost (1878-1934) entworfen und gilt als herausragendes Denkmal der Nazi-Monumentalarchitektur. (Foto: AndreasPraefcke/Gallery 2009a/Wikipedia)

Vielleicht nirgendwo sonst ist die Verstrickung der Kunstszene in die Nazi-Zeit noch heute so sichtbar wie in München, der einstigen "Hauptstadt der Bewegung". Hier steht das Haus der Kunst, der riesige Monumentalbau - von Adolf Hitler selbst am 18. Juli 1937 eröffnet. Es war das erste architektonische Vorzeigeprojekt der NS-Propaganda. Einen Tag nach der großen Eröffnung startete die Ausstellung "Entartete Kunst" als gezielte Kontrastveranstaltung, die 600 Kunstwerke der klassischen Moderne als "entartet" an den Pranger stellte.

Bis 1944 zum "Haus der deutschen Kunst" verkümmert, wurde das Museum mit der jährlichen "Großen Deutschen Kunstausstellung" zum Sinnbild der Gleichschaltung, der Unterdrückung freier Kunst und der Verfolgung als "entartet" gebrandmarkter Künstler.

Rückbau gegen die Verdrängung

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Okwui Enwezor, der designierte Leiter des Münchner Hauses der Kunst, tritt seinen Posten im Oktober an. (Foto: picture alliance / dpa)

Doch nicht nur der Bau selbst, auch das, was hinter seinen Mauern vorging, belastet die Geschichte des Hauses und stellt auch seinen designierten Leiter, den Nigerianer Okwui Enwezor, vor Herausforderungen. Unter seinem Vorgänger Chris Dercon hat das Haus begonnen, sich seiner dunklen Vergangenheit zu stellen und offen mit ihr umzugehen. In einer seiner ersten Amtshandlungen veranlasste der Belgier die Öffnung des historischen Archivs, das 2005 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Darin können Besucher Schriftstücke einsehen, die Hitlers maßgebliche Beteiligung an den "Großen Deutschen Kunstausstellungen" dokumentieren.

Dercon ließ nicht nur das Archiv öffnen, sondern setzte sich auch für den Umbau des Hauses ein, der im Ausstellungshaus unter dem Label "Kritischer Rückbau" läuft. Nach dem Krieg sollten Einbauten die pompöse Nazi-Architektur verschleiern - unter Dercon sollte es keine Verschleierung mehr geben. "München, ehemals Hauptstadt der Bewegung, tut sich schwer, sich von seinem Ruf als Hauptstadt der Verdrängung zu befreien", sagte Dercon. Da hat es womöglich geholfen, dass Dercon als Ausländer sich unbefangener an die Aufarbeitung machen konnte.

"Zum Thema Aufarbeitung hat sich in den vergangenen Jahren in Deutschland einiges getan", sagt auch die Kunsthistorikerin Andrea Bambi. Seit 2008 ist sie Oberkonservatorin und im neu eingerichteten Referat der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen für Provenienzforschung zuständig. Damit verantwortet sie die Suche nach Nazi-Raubkunst. Nach und nach soll sie die Herkunft von 4400 Gemälden und 770 Skulpturen untersuchen, die seit 1933 in den Besitz der Staatsgemäldesammlungen gelangten.

Interessante Rechercheergebnisse

Zuletzt gaben die Pinakotheken in München im Mai 2010 vier Gemälde an die Tochter des jüdischen Kunsthistorikers August Liebmann Mayer zurück, der im März 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Seinen Besitz - darunter eine wertvolle Bibliothek und eine Kunstsammlung - hatten die Nazis beschlagnahmt.

Im Zentrum von Bambis Untersuchungen stehen 800 Kunstwerke aus NS-Besitz (unter anderem aus Sammlungen von Hermann Göring und Eva Braun), die in den 1960er und 70er Jahren an die Staatsgemäldesammlungen gingen. Dabei untersucht Bambi auch die Rolle von Ernst Buchner, Direktor der Sammlungen zwischen 1933 und 1945. Er stand den Nazis wohl näher als er später zugeben wollte. Allein sieben Treffen zwischen ihm und Hitler sind bekannt.

In einem weiteren Forschungsprojekt, an dem Bambi beteiligt ist, beschäftigen sich die Staatlichen und Städtischen Museen in München gemeinsam mit der "Judenaktion 1938/39 in München" und dem Schicksal der zahlreichen jüdischen Kunstsammlungen in der Stadt, die systematisch beschlagnahmt wurden. Buchner gab Hitlers Geheimpolizei Gestapo Tipps, wo sie fündig werden, wie Bambi herausgefunden hat.

Quelle: Britta Schultejans, dpa