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Internetaufruf des BKA.
Internetaufruf des BKA.(Foto: dpa)

BKA ermittelt jahrelang: LKW-Sniper führte Krieg auf der Autobahn

Von Volker Petersen

Aussichtlos scheint die Suche nach dem LKW-Sniper zu Beginn. Doch der Sonderkommission des BKA gelingt es schließlich, mit akribischer Ermittlungsarbeit den Täter aufzuspüren. Die Geschichte der Fahndung hört sich an wie im Krimi. Das Motiv, das der 57-jährige Schütze angibt, macht ratlos.

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Als BKA-Chef Jörg Ziercke am späten Vormittag in Wiesbaden vor die Journalisten tritt, sieht man ihm den Stolz schon an. "Wir haben die Nadel im Heuhaufen gefunden", sagt er und deutet ein Lächeln an. Zeitweise rund 100 Beamte haben den Mann gesucht, der mindestens 762 Mal aus einem fahrenden LKW meist auf entgegenkommende Autotransporter geschossen hat.

57 Jahre ist der Mann alt, am Sonntag wurde er in seinem Wohnort in der Nordeifel festgenommen. So viel ist bekannt. Dann referiert Ziercke im nüchternen Beamtenstil, wie seine Behörde den Mann eingekreist hat, der jahrelang für tödliche Gefahr auf deutschen Autobahnen gesorgt hat. Wie die Beamten akribisch über fünf Jahre Beweismittel zusammentrugen, bis alle Hinweise auf nur noch einen Verdächtigen hindeuteten.

Unter Millionen von Fahrzeugen und Hundertausenden LKW hat die Sonderkommission den Laster gefunden, hinter dessen Steuer ein Mann saß, der regelmäßig den Abzug seiner Pistole betätigte. Viermal bestand Lebensgefahr für die Opfer, einmal, im Jahr 2009 wurde eine Frau bei Würzburg schwer verletzt. Es war Glück, dass niemand zu Tode kam. "Wir waren ständig in Angst, dass es zu Horrorunfällen kommt", sagt Ziercke. Der Verdächtige hat die Taten mittlerweile gestanden.

Ermittler fangen fast bei null an

Das Wohnhaus des mutmaßlichen LKW-Snipers. Im Garten waren die Pistolen versteckt.
Das Wohnhaus des mutmaßlichen LKW-Snipers. Im Garten waren die Pistolen versteckt.(Foto: dpa)

Wie findet man so einen Täter? Und überhaupt, woher soll  die Polizei am Beginn der Ermittlungen wissen, ob sie es mit einem Einzeltäter zu tun hatte? Relativ klar ist bald, dass der Täter einen Fahrzeugtyp überhaupt nicht zu mögen scheint. Von den 762 gezählten Schüssen treffen 606 Autotransporter. Doch die Suche nach Hinweisen, die Auswertung der Indizien ist äußerst schwierig. Die Ermittler tappen im Dunklen.

Oft können die Beamten nichts mit den sichergestellten Geschossen anfangen. Durch den Aufprall verformen sie sich teilweise so stark, dass sie keine Hinweise mehr liefern. Da die Fahrer der betroffenen LKW und Autos die Einschusslöcher oft erst nach dem Ende der Fahrt bemerkten, war zunächst auch kaum einzugrenzen, von wo der Täter geschossen hat. Die Ermittler rechnen damit, dass der Schütze jederzeit und überall zuschlagen kann. "So ein Fall ist bisher einzigartig in der deutschen Kriminalgeschichte", sagt Ziercke. Ganz Deutschland, teils auch Frankreich, Belgien und Österreich gehören zum Einflussgebiet des Täters. 

"Mühevolle Kleinarbeit" ist gefragt

Bei so einer Ausgangssituation hilft nur eines: "Mühevolle Kleinarbeit", wie Ziercke sagt. Das BKA übernimmt die Führung und koordiniert die Arbeit der Staatsanwaltschaften Koblenz und Würzburg in einer Sonderkommission (Soko).

Ein ganz normales Haus. Die Nachbarn beschreiben den Verdächtigen als ruhig und freundlich.
Ein ganz normales Haus. Die Nachbarn beschreiben den Verdächtigen als ruhig und freundlich.(Foto: dpa)

Die erste Maßnahme wirkt noch ein wenig verzweifelt. 5000 Handzettel verteilen die Ermittler an deutschen Autobahnen. "Wer hat etwas gesehen?" ist die Frage. 450 Hinweise hätten die Soko so erreicht, sagt Ziercke. "Eine heiße Spur war nicht darunter."

Mehr Erfolg bringt die Untersuchung der Geschosse. Auch dies ist schwierig. "Nur ein Teil war kriminaltechnisch auswertbar", erklärt Ziercke. Schließlich gelingt die Untersuchung von 200 Projektilen. Bald stellt sich heraus, dass der Täter zwei Pistolen nutzt, zunächst eine mit Kaliber 22 und später auch eine mit dem größeren Kaliber 9 Millimeter. Beide mit Schalldämpfer.

Die Untersuchungen verraten den Beamten, wann die Waffen abgefeuert wurden. Auf diese Weise kann die Soko insgesamt fünf Tatserien rekonstruieren. Damit sind die Ermittlungen zwar einen Schritt weiter, doch bleibt unklar, wo genau die Schüsse abgegeben wurden.

Polizei zeichnet Kennzeichen auf

Die Kleinstadt Kall liegt im Landkreis Euskirchen und hat fast 12.000 Einwohner.
Die Kleinstadt Kall liegt im Landkreis Euskirchen und hat fast 12.000 Einwohner.(Foto: dpa)

Videoüberwachung hilft weiter. Ziercke nennt diesen Ermittlungsschritt den "automatisierten Einsatz von Kennzeichenlesesystemen". Diese Kameras werden an sieben Orten aufgestellt und nehmen rund um die Uhr alle Kennzeichen aller vorbeifahrenden Autos auf, nach zehn Tagen werden die Daten gelöscht. Wenn wieder ein Schuss gemeldet wird, können die Beamten nun nachschauen, welche Autos und LKW zur Tatzeit an der Strecke unterwegs waren. Feuert der Täter woanders wieder seine Waffe ab, gleichen die Ermittler die Daten ab. Fahrzeuge, die an mehreren Strecken auftauchten, sind verdächtig. "Durch Kreuztreffer konnten wir die Spreu vom Weizen trennen", sagt Ziercke. Der Täter konzentriert sich auf die Autobahnen 3, 4, 5 und 61.

Vor zwei Monaten gelingt den Ermittlern dann der Durchbruch. Zwischen dem 15. und 19. April werden sechs Schüsse gemeldet und lieferten so eine sehr dichte Datenbasis. Mithilfe der automatisch erfassten Fahrzeugdaten filtern die Ermittler zunächst 50 verdächtige Lkw aus der Masse an Fahrzeugen heraus. Sie ziehen Videos der Verkehrsüberwachung hinzu, die vorsichtshalber archiviert worden waren. Am Ende bleibt ein verdächtiger Lkw übrig. "Wir befanden uns hier aber immer noch auf dem dünnen Eis des Indizienbeweises", sagt Ziercke.

Mobilfunkanbieter stellt Daten zur Verfügung

Einschussloch an einem getroffenen Auto.
Einschussloch an einem getroffenen Auto.(Foto: dpa)

Mehr belastendes Material muss her. Die Ermittler stellen fest, dass Polizisten den fraglichen LKW 2012 wegen eines Verkehrsverstoßes kontrolliert hatten. So können sie dem Fahrzeug einen Fahrer zuordnen. Es handelt sich um einen 57-jährigen Mann aus dem Ort Kall in der Nordeifel. Ab jetzt zieht sich die Schlinge um den Hals des Verdächtigen langsam zu. Da sie nun einen Namen haben, kann die Soko die Wege des Verdächtigen über seine Handydaten nachvollziehen. Diese stellt der Mobilfunkprovider zur Verfügung. So wird klar, dass der Verdächtige auch als Täter für Schüsse in Frage kommt, die abseits von Autobahnen abgegeben wurden. "Dies führte zu dringendem Tatverdacht", sagt Ziercke.

Bevor der Verdächtige verhaftet wird, beobachten ihn Polizisten tagelang. Sie wollen herausfinden, ob er Komplizen hat. Das scheint nicht der Fall zu sein. Am Sonntag greifen sie dann in den frühen Morgenstunden zu. Ziercke: "Der Täter leistete keine Gegenwehr". Nach mehreren Stunden Verhör habe er die Tat gestanden und die Polizisten zu seinem Waffenversteck geführt. Es befand sich in einer Hecke im Garten des Tatverdächtigen.  Dort fanden die Ermittler zwei Pistolen und auch einen Schießkugelschreiber.

Sein Motiv: Frust und Ärger im Straßenverkehr

Warum? Das ist die Frage, die die Ermittler dem verheirateten Mann stellen, den Nachbarn als unauffällig und nett beschreiben. Frust und Ärger im Straßenverkehr nennt er als Motiv. Autotransporter habe er sich  als bevorzugte Opfer ausgesucht, weil er vor Jahren einmal von einem solchen abgedrängt worden sei und es beinahe zu einem schweren Unfall gekommen wäre.

Häufig habe er sich auch über andere LKW-Fahrer geärgert. Seiner Meinung nach herrsche auf deutschen Autobahnen Krieg, seine Taten seien eine Art Selbstjustiz. Er habe beteuert, nur Sachen beschädigen zu wollen. Menschen habe er nicht verletzen wollen. Das Risiko glaubte er im Griff zu haben, er sei ja ein guter Schütze. "Man wird ihn am ehesten als frustrierten Einzelgänger mit einem Hass auf andere Personen und einer Affinität zu Waffen ansehen können", sagt der leitende Oberstaatsanwalt aus Würzburg, Dietrich Geuder.

Daten von Toll-Collect durften nicht verwendet werden

Die Ermittlungen gehen weiter. Erst eine der gefundenen Waffen ist eindeutig als Tatwaffe identifiziert, auch die Frage nach Komplizen muss endgültig geklärt werden. Der Verdächtige muss sich nun wegen einer ganzen Reihe von Straftaten verantworten: versuchter Totschlag, gefährliche Körperverletzung, gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr, Verstoß gegen das Waffengesetz und Sachbeschädigung. Ob auch versuchter Mord in Betracht kommt, werde noch überprüft. 

BKA-Chef Ziercke, Staatsanwalt Geuder und alle an den Ermittlungen beteiligten Beamten freuen sich über ihren Ermittlungserfolg. Doch es bleiben auch Fragen offen. Zum Beispiel, warum das BKA nicht die Daten des LKW-Maut-Systems "Toll Collect" nutzte. Als Ziercke diese Frage gestellt wird, zieht er die Augenbrauen zusammen. "Durch Mautdaten hätten wir die Tatserie viel früher unterbrechen können", sagt er. Nach deutschem Recht ist es aber nur möglich, die Daten zur Gebührenerhebung zu nutzen und nicht zum Verfolgen schwerster Kriminalität.

Quelle: n-tv.de

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