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Harry Wörz will nach 13 Jahren endlich eine Einigung aber er betont auch, "Es darf nicht lächerlich sein".
Harry Wörz will nach 13 Jahren endlich eine Einigung aber er betont auch, "Es darf nicht lächerlich sein".(Foto: dpa)

Hohe Summe für Justizirrtum: Land macht Harry Wörz neues Angebot

Das Land Baden-Württemberg hat dem zu Unrecht verurteilten Harry Wörz ein weiteres Angebot gemacht. Eine sechsstellige Einmalzahlung soll den seit 13 Jahren andauernden Justizstreit beenden. Doch wieviel ist genug, um sein Leiden auszugleichen?

"Harry Wörz", flüstert die Tischnachbarin ihrem Gegenüber zu. Sie dreht sich um und grüßt. Harry Wörz lächelt zurück. Er ist zu einem Promi geworden. Dabei will er in dem Café in Pforzheims City am liebsten nur in Ruhe sitzen. Doch der 49-Jährige steht für einen spektakulären Justizirrtum. Das bewegt.

Sein normales Leben war irgendwann vor zwei Jahrzehnten. Seitdem führt er einen zähen Kampf mit der Justiz. Sechs Jahre nach seiner Rehabilitierung durch das höchste deutsche Strafgericht streitet Harry Wörz mit dem Land Baden-Württemberg noch immer über eine angemessene Entschädigung. Anfang Januar hat der Staat ein neues Angebot gemacht.

Über die Höhe hüllen sich beide Seiten noch in Schweigen. Die sechsstellige Einmalzahlung ist zumindest aus Sicht der Generalstaatsanwaltschaft Karlsruhe geeignet, "eine endgültige und umfassende Einigung zu erzielen". Ob es auch reicht, ein verpfuschtes Leben wieder in geordnete Bahnen zu bringen?

Sein normales Leben endete abrupt

Das normale Leben des gelernten Installateurs und Bauzeichners aus Birkenfeld bei Pforzheim endete am 29. April 1997 kurz nach fünf Uhr morgens. Wörz hatte sich gerade für die Frühschicht fertig gemacht, als ein Anruf der Polizei kam: "Mit Ihrer Frau ist was passiert", erinnert er sich. Er solle kommen.

Kaum aus der Wohnung heraus, drückten ihn Polizisten rüde auf das Pflaster, zogen ihm Schuhe aus und eine Plastiktüte um die Hände - zur späteren Spurensicherung, wie er sagt. Jemand hatte in der Nacht seine von ihm getrennt lebende Frau mit einem Schal gewürgt, bis sie bewusstlos war. Sie ist seitdem ein schwerer Pflegefall und kann sich nicht mehr äußern.

Wörz Anwältin Sandra Forkert-Hosser prüft derzeit was von der angebotenen Summe überhaupt übrig bleibt.
Wörz Anwältin Sandra Forkert-Hosser prüft derzeit was von der angebotenen Summe überhaupt übrig bleibt.(Foto: picture alliance / dpa)

Der Täter ist bis heute nicht ermittelt. Für die Polizei, bei der sowohl der Vater der Frau als auch ihr damaliger Freund arbeiteten, war der Täter schnell gefunden: Ihr Noch-Mann Harry Wörz. Er wurde 1998 vom Landgericht Karlsruhe wegen versuchten Totschlags zu elf Jahren Haft verurteilt und saß viereinhalb Jahre davon hinter Gitter.

Justizkampf hinterließ Spuren

13 Jahre stritt er vor verschiedenen Gerichten, bis er im Dezember 2010 durch den Bundesgerichtshof endgültig rehabilitiert wurde. "Die haben mein Leben kaputt gemacht", sagt Harry Wörz. "Die", das sind die Polizei und die Justiz. Noch immer leidet der 49-Jährige unter Angstzuständen, Depressionen und Konzentrationsstörungen. Seit Mitte 2010 ist er krankgeschrieben.

Bislang hat der Staat Wörz an die 180.000 Euro brutto zugebilligt. Für seinen Verdienstausfall und als Ausgleich der Kosten für Anwälte und Möbel aus seiner wegen der Haft aufgelösten Wohnung fordert Wörz mindestens weitere 110.000 Euro - und eine Berufsunfähigkeitsrente über das Jahr 2016 hinaus.

Würde Harry Wörz die neue, nicht näher bezifferte sechsstellige Offerte des Landes annehmen, wären nicht nur alle Ansprüche abgedeckt. Ihm und dem Land bliebe auch ein weiterer langwieriger Entschädigungsprozess erspart. "Dass Harry Wörz so lange für seinen Freispruch kämpfen musste, bewegt natürlich auch den Justizminister", sagt sein Sprecher.

Anwältin prüft derzeit Angebot des Landes

Minister Rainer Stickelberger bedauere "zutiefst die großen Belastungen, denen Herr Wörz ausgesetzt war und bis heute ist". Eine rasche Lösung sei dem SPD-Politiker deshalb ein besonderes Anliegen. Einen Schlussstrich ziehen würde liebend gern auch Harry Wörz. Seine Anwältin Sandra Forkert-Hosser prüft derzeit, was von der Summe am Ende für ihren Mandanten zum Leben bleibt.

Nach Abzug von Steuern und Versicherungsbeiträgen. "Es darf nicht lächerlich sein", betont Harry Wörz. Und was die Rente angeht, meint er: "Ich muss behandelt werden, als wäre ich nicht ins Gefängnis gekommen." Von der Justiz hat der 49-Jährige für sein Leben genug.

"Da merkt man erst wie klein man ist"

Zum Gespräch mit Journalisten bringt er in einem Aktenordner gebündelt Belege für Kleinlichkeiten, Ungereimtheiten und Schlampereien der Justiz: von verschwundenen Akten über zögerliche Auskünfte bis hin zu Forderungen nach Parkbelegen für längst vergangene Arzttermine. Wörz fühlt sich dem Justiz-Apparat ausgeliefert. "Da merkt man erst, wie klein man ist."

Aus Sicht des Landes ist man Harry Wörz weit entgegengekommen. "Zu einer gütlichen Einigung gehören immer beide Seiten", betont ein Sprecher des Justizministeriums. Das, was geschehen ist, lässt sich ohnehin nicht mehr rückgängig machen. "Mit Geld lässt sich das nur lindern", sagt Wörz. Der schlimmste Verlust in dem nun bald 20-jährigen Alptraum ist für ihn der seines Sohnes. Der nun 21-Jährige wuchs bei der Familie seiner Ex-Frau auf - und will bis heute nichts von seinem Vater wissen.

Quelle: n-tv.de

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