Panorama

Deutschland versinkt im Hochwasser: Land unter in Bayern und Sachsen

Das Hochwasser hält tausende Menschen im Osten und Süden Deutschlands in Atem, weite Landstriche in Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Bayern sind weiterhin von der Flut bedeckt. In Teilen der vom Hochwasser betroffenen Gebiete entspannt sich zwar die Lage, doch in Regensburg bleibt die Situation kritisch. Auch die Pegelstände vieler Flüsse in Sachsen-Anhalt steigen unaufhörlich an.

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Braune Fluten in weiten Teilen Süd- und Ostdeutschlands: Überlaufende Flüsse fluteten ganze Regionen. In Teilen der vom Hochwasser betroffenen Gebiete in Deutschland ist eine leichte Entspannung absehbar, anderswo verschlimmert sich die Lage jedoch. Sachsen-Anhalt steht die größte Hochwasser-Welle noch bevor.

In der besonders stark betroffenen bayerischen Stadt Passau habe die Donau gegen 21.00 ihren Scheitelpunkt bei einem vorläufigen Messwert von 12,89 Metern erreicht, hieß es vom Bayerischen Landesamt für Umwelt. Der Wasserspiegel falle seither um mehrere Zentimeter pro Stunde.

Damit wurde in der Dreiflüsse-Stadt ein neuer Hochwasser-Rekord gemessen: Das Wasser stand 12,80 Meter hoch - das gab es seit mehr als 500 Jahren nicht. Nur aus dem Jahr 1501 ist ein höherer Wert überliefert.

In der Altstadt und anderen Bereichen des Zentrums kletterte das Wasser teilweise bis zum ersten Stockwerk der Häuser. Die Stadtwerke hatten die Trinkwasserversorgung in der Stadt gekappt - denn durch das Flusswasser droht eine Verunreinigung. Der Strom war abgestellt. Auch die Festnetz-Telefone funktionierten nicht mehr.

Ein Sprecher des Krisenstabs sagte, auch der Pegelstand des Inns sei leicht gesunken. "Aber es geht sehr, sehr langsam." Und neue Wassermassen kommen aus der Donau auf die Stadt zu. "Es wird dauern", prognostizierte der Sprecher. Einsatzkräfte errichteten Ausgabestellen für Trinkwasser.

Land unter in Regensburg

In Regensburg verschärfte sich die Lage am Abend weiter. Man erwarte nun einen Pegelstand der Donau von 6,70 Meter, teilte eine Sprecherin der Stadt mit. Ursprünglich war man tagsüber noch davon ausgegangen, der Pegelstand der Donau werde bis Mitternacht auf 6,50 Meter klettern. Es droht nun die Überflutung mehrerer Straßen, die vorsorglich gesperrt wurden.

Die Donau soll ihren Scheitelpunkt am Vormittag erreichen. Mobiler Hochwasserschutz, der auf die Überschwemmungen des Jahres 2002 ausgelegt gewesen sei, habe teilweise aufgegeben werden müssen, hieß es. Zwischen Passau und Regensburg steht demnach zu befürchten, dass Deiche den Wassermassen nicht standhalten könnten.

In einer Schule im Stadtgebiet stand ein Notlager mit 365 Feldbetten zur Verfügung. Das historische Lokal Wurstkuchl an der Steinernen Brücke war kontrolliert geflutet worden, damit das Grundwasser den Boden des Gebäudes nicht hochdrücken konnte.

Aufatmen in Oberbayern

Die Lage in den oberbayerischen Hochwassergebieten beruhigt sich jedoch langsam. Die Pegelstände im Landkreis Rosenheim seien weiter gefallen, die Hilfskräfte rüsteten sich nun für die anstehenden Aufräumarbeiten, sagte ein Sprecher des Landratsamtes Rosenheim.

Bereits im Laufe des Tages hatte sich in den überschwemmten Gebieten eine Entspannung abgezeichnet. "Die Dämme halten, sie sind noch einmal überprüft worden", so der Sprecher. Die ganze Nacht hindurch seien Pumpen in Betrieb, um das Wasser aus den Häusern zu pumpen. Man müsse sich nun für die Aufräumarbeiten rüsten.

Voraussichtlich kann am Dienstag der Katastrophenalarm für den Landkreis aufgehoben werden. Am Ufer des Flusses Mangfall hatten wegen der Wassermassen knapp 4000 Menschen ihre Häuser verlassen müssen, sie konnten am Montag wieder zurückkehren. Weiterhin wegen Überflutung gesperrt blieb die Autobahn 8 nahe dem Chiemsee.

In den Landkreisen Miesbach und Berchtesgadener Land besserte sich die Lage, nachdem der Regen aufgehört hatte. Auch am Main in Unterfranken zeichnete sich eine Entspannung ab.

Tausende in Sachsen evakuiert

In Sachsen und Thüringen blieb die Situation kritisch. Vom Sächsisches Landesamt für Umwelt hieß es, die höchste Hochwasseralarmstufe vier gelte unter anderem an der Weißen Elster im Raum Leipzig, wo leichte Anstiege zu erwarten seien. An der Mulde im Raum Bad Düben werde hingegen damit gerechnet, dass in der Nacht der Scheitel erreicht werde und ein allmählicher Rückgang einsetze. Ähnlich stelle sich die Situation an der Lausitzer Neiße bei Görlitz dar.

Der Wasserstand der Elbe steige in Sachsen jedoch weiter stark an, was vor allem daran liege, dass viel Wasser aus Tschechien nachkomme, hieß es weiter. In Dresden werde bis Mittwoch mit einem Anstieg des Pegels um weitere 1,50 Meter gerechnet. Der Stand würde damit etwa einen Meter unter dem des Hochwassers im Jahr 2002 liegen. In Thüringen galt vor allem an der Saale weiter die höchste Alarmstufe.

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Das Hochwasser in Meißen stieg in der Nacht über die Höhe der Schutzwand. Es sei davon auszugehen, dass die Altstadt überflutet werde, sagte ein Sprecher des Katastrophenstabs. Die Elbe habe hier einen Pegelstand von 7,89 Metern erreicht. Die Schutzwand misst 7,85 Meter.

In Eilenburg nordöstlich von Leipzig wurde die Innenstadt evakuiert, auch in Döbeln stand auf etwa 30 Hektar die komplette Innenstadt unter Wasser. Im Landkreis Leipzig gaben die Einsatzkräfte Dämme auf, um sich auf die Rettung von Menschen zu konzentrieren. 6000 Menschen mussten mussten im Landkreis ihre Wohnungen verlassen.

Im teilweise überfluteten Grimma wurden rund 2000 Menschen in Notunterkünften untergebracht. Dort dürfte der Muldepegel die Marke der sogenannten Jahrhundertflut von 2002 erreichen. Das Wasser steht meterhoch in der Altstadt, die nur noch mit Booten erreichbar ist.

Oberbürgermeister Matthias Berger, sagte im Gespräch mit n-tv.de: "Diesmal wird es sogar noch schlimmer als 2002. Schon jetzt sind Bereiche der Stadt betroffen, die damals verschont blieben." Die Altstadt von Grimma war nach der Katastrophe von 2002 über Jahre hinweg wieder komplett neu aufgebaut worden. "Wir gehen davon aus, dass schon in den nächsten Stunden ein Pegelstrand erreicht wird, der über dem Wert von 2002 liegen wird. Und das heißt, dass alles, was in den letzten zehn Jahren aufgebaut wurde mit viel Unterstützung vom Staat und von vielen Bürgern, wahrscheinlich wieder kaputtgemacht wird. Wir rechnen mit einem Schaden von 300 bis 400 Millionen Euro." Berger spricht davon, dass die Menschen entsetzt sind über das, was ihnen widerfährt. "Sie sind fertig. Richtig fertig." 

Auch die Pegel der Elbe stiegen rasant an. In Dresden gilt für einige Stadtteile die höchste Alarmstufe vier. Wegen des unaufhörlich steigenden Hochwassers wurde in der Nacht die erste Elbbrücke für den Autoverkehr gesperrt. Die Loschwitzer Brücke, auch "Blaues Wunder" genannt, darf von Fußgängern und Radfahrern bis zu einem Pegelstand von 8,50 Metern jedoch weiter überquert werden. Kurz vor Mitternacht hatte die Elbe eine einen Pegel von 7,08 Metern erreicht.

"Bilder wie 2002 von einer überschwemmten Dresdner Altstadt wird es aller Voraussicht nach nicht geben", sagte ein Sprecher des Katastrophenstabs. An der Elbe werde in den kommenden Tagen ein maximaler Pegelstand von neun Metern erwartet. 2002 waren es 9,40 Meter.

Auch Leipzig erwartet den Höhepunkt der Flut in der Nacht, berichtet die "Leipziger Volkszeitung". Im Landkreis wurden rund 6000 Menschen in Sicherheit gebracht. In Chemnitz wurde der Katastrophenalarm derweil aufgehoben. Auch in Zwickau entspannte sich die Situation.

Entspannung in Thüringen

In den Thüringer Hochwassergebieten entspannte sich die Lage in der Nacht zusehends. Das Lagezentrum des Innenministeriums meldete sinkende Pegelstände im ganzen Land. "Jetzt hoffen wir, dass die Deiche weiter halten", sagte ein Sprecher. An neun Messstellen galt in der Nacht noch die höchste Alarmstufe drei.

Das Hochwasser hatte Teile Ostthüringens in ein Katastrophengebiet verwandelt. An der Bleilochtalsperre, einer der größten Saaletalsperren, wurde kontrolliert Wasser abgelassen. Ob die Hohenwartetalsperre das ankommende Wasser fassen kann, war zunächst unklar. Auch die Talsperre Pöhl sollte am frühen Dienstag volllaufen. Für die Stadt Gera bestehe aber keine Gefahr, teilte der Katastrophenstab mit.

In Thüringen sind besonders Greiz, Gera und Jena sowie das Altenburger Land und die Region Saalfeld betroffen. In Gera sowie in den Kreisen Greiz und Altenburger Land, wo Katastrophenalarm herrschte, mussten sich mehr als 2000 Menschen in Sicherheit bringen. Der am Wochenende evakuierte Ort Serbitz stand komplett unter Wasser. Rund 12 000 Haushalte in Gera und dem Altenburger Land waren ohne Strom. Massive Probleme meldete auch der Kreis Weimarer Land rund um den Zusammenfluss von Saale und Ilm bei Großheringen und flussaufwärts an der Ilm. In Jena hatte sich die Lage dagegen leicht entspannt. Auch in Greiz und Gera fallen die Pegel.

Saalehochwasser bedroht Sachsen-Anhalt

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Sachsen-Anhalt droht nach offiziellen Einschätzungen ein weitaus schlimmeres Hochwasser als bei der sogenannten Jahrhundertflut 2002. "Wir haben es mit Wassermassen zu tun, die wir noch nie zu bewältigen hatten", betonte Ministerpräsident Reiner Haseloff. 2002 seien die Überflutungen von der Elbe und Mulde gekommen. Jetzt strömten in kurzer Zeit extreme Wassermassen - von Ost, West, Nord, Süd - auch von der Weißen Elster ins Land. Ein Ende sei nicht absehbar, daher sei mit weiter steigenden Pegelständen zu rechnen. Allerdings sei die Situation mit der Jahrhundertflut 2002 nicht zu vergleichen, da seither Deiche saniert und erneuert worden seien - jedoch nicht überall, da Genehmigungsverfahren zu lange gedauert hätten, räumte Haseloff ein.

An Saale und Weißer Elster wurde zum Teil die Alarmstufe vier ausgelöst. Laut MDR ist bei Magdeburg das Pretziener Wehr geöffnet worden, um die Stadt vor den Elbefluten zu schützen. An den Grenzen zu Thüringen und Sachsen trat die Weiße Elster flächendeckend über die Deiche. Im Süden des Landes mussten Hunderte ihre Wohnungen verlassen.

In Halle stieg das Wasser der Saale und der Weißen Elster Stunde für Stunde bedrohlich an. Die Stadt befürchte das schlimmste Hochwasser seit 70 Jahren. In der Nacht musste der für den Schutz der Plattenbausiedlung Halle-Neustadt wichtige Gimritzer Damm verstärkt werden. 100 000 befüllte Sandsäcke würden dazu aus dem Raum Hannover nach Halle gebracht, teilte die Stadt mit. Auch schwere Technik der Bundeswehr stehe bereit. Die Saale hatte in Halle-Trotha in der Nacht die Marke von 7,50 Metern überschritten. Zur Verstärkung der Einsatzkräfte von Feuerwehr und Bundeswehr würden in den frühen Morgenstunden 200 Feuerwehrleute aus dem Harz erwartet. In der Plattenbausiedlung liefen wegen des hohen Grundwasserspiegels bereits die Keller voll. Die Lage sei "dramatisch", sagte ein Stadtsprecher.

In Magdeburg sollte am Morgen Katastrophenalarm ausgelöst werden. Ministerpräsident Reiner Haseloff betonte, obwohl einige Pegel so hoch stünden wie noch nie, seien die Deiche nach aktuellen Erkenntnissen sicher.

Merkel besucht betroffene Gebiete

In anderen Bundesländern sah die Situation nicht ganz so dramatisch aus: In Baden-Württemberg entspannte sich die Lage an den Flüssen deutlich. Dort wurde jedoch die Leiche eines vermisstem Hochwasseropfers gefunden, für einen zweiten Vermissten aus dem Kreis Reutlingen bestand laut Polizei kaum noch Hoffnung. In Hessen stiegen die Pegelstände am Main nach Angaben des Hessischen Landesamts für Umwelt und Geologie dagegen weiter.

Bundeskanzlerin Angela Merkel will sich am Dienstag ein Bild von der Lage in den deutschen Hochwassergebieten machen. "Der Bund wird auch schauen, was wir helfen können, genauso wie die Länder", sagte die Kanzlerin.

Land unter in Grimma.
Land unter in Grimma.(Foto: dpa)

In den Hochwassergebieten blieben vielerorts Schulen geschlossen. Straßen waren gesperrt, es kam zu Verspätungen und Zugausfällen im Bahnverkehr. Viele tausend Helfer sind im Einsatz. Bundeswehrsoldaten helfen beim Befüllen von Sandsäcken und bei der Versorgung der Evakuierten. Außerdem waren 500 Bundespolizisten und rund 2000 THW-Helfer im Einsatz. Das Ausmaß der Hochwasserschäden in Deutschland lässt sich bisher nicht beziffern, sagte Ernst Rauch vom Rückversicherer Munich Re.

Dauerregen und Überschwemmungen haben in Tschechien bislang sechs Menschen das Leben gekostet. Die Hochwasserlage ist weiter kritisch. Landesweit verlassen mehr als 7000 Menschen ihre Häuser. Rund 20 Eisenbahnstrecken und 150 Landstraßen sind gesperrt. Auch in Österreich und in der Schweiz richtete das Hochwasser Verwüstungen an.

Bayern und Bund und EU stellen Hilfe in Aussicht

Die bayerische Staatsregierung plant Medienberichten zufolge ein 150 Millionen Euro schweres Hilfspaket für die betroffenen Regionen. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) sagte am Rande eines Besuchs in Grimma bei n-tv, es sei jetzt "noch zu früh", im einzelnen Zusagen zu machen. Zunächst gehe es darum, Schäden zu vermeiden.

Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner sagte den betroffenen Landwirten Hilfe zu: "Wir werden die Landwirte nicht im Regen stehen lassen." Auch die EU-Kommission stellte Deutschland finanzielle Hilfe in Aussicht.

Derweil hat auch die EU-Kommission den vom Hochwasser betroffenen Ländern Deutschland, Österreich und Tschechien finanzielle Hilfe angeboten. "Die europäische Familie ist zur Hilfe bereit, soweit sie das gemäß dem Europäischen Solidaritätsfonds tun kann", teilte der EU-Kommissar für Regionalpolitik, Johannes Hahn, in Brüssel mit. Der Fonds war 2002 nach dem schwerem Hochwasser der Elbe und anderen Flüssen gegründet worden.

WWF: "Nichts aus 2002 gelernt"

Der WWF kritisierte, dass Politik und Behörden offenbar nichts aus dem Hochwasser von 2002 gelernt haben. Der Referent für Hydrologie und Wasserbau, Georg Rast, sagte: "Bisher halten die ertüchtigten Deiche an Elbe und Mulde. Doch genau das könnte etwa für die Elbeanlieger stromab der Saalemündung zu neuen Höchstständen führen.

Die Wassermassen können nicht mehr in die Fläche ausweichen." Nach der letzten Elbeflut hätten Bundesregierung und die Länder zwar ein umfassende Hochwasserschutzprogramm initiiert, doch auch über zehn Jahre nach der Flut habe sich das Risiko kaum verringert. "Kein Deich gewährleistet einen hundertprozentigen Schutz", erklärt Rast. "Sie verringern die Symptome, bekämpfen aber nicht die Ursache." Die Elbe und ihre Nebenflüsse seien noch immer in ein gefährliches und unnatürliches Korsett gezwängt.

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Quelle: n-tv.de

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