Panorama

USA fliegen Schwerverletzte aus: Lebensmittel für Haiti

Das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen hat am Sonntag einen neuen Versuch gestartet, in einer großangelegten Aktion Lebensmittel zu verteilen. Schwer verletzte Erdbebenopfer aus Haiti sollen derweil wieder zur Behandlung in die USA geflogen werden. Ein Sprecher des Weißen Hauses teilte in Washington mit, die USA wollten die ausgesetzten Evakuierungsflüge aus Port-au-Prince wieder aufnehmen. Nach jüngsten Schätzungen sind bei dem Beben am 12. Januar 180.000 Menschen getötet und etwa 200.000 verletzt worden.

Verzweiflung: Bei der Verteilung von Lebensmitteln kommt es immer wieder zu Unruhen - Frauen werden deshalb bevorzugt.
Verzweiflung: Bei der Verteilung von Lebensmitteln kommt es immer wieder zu Unruhen - Frauen werden deshalb bevorzugt.(Foto: AP)

Unterdessen sollten sich zehn amerikanische Missionare als mutmaßliche Kinderhändler vor Gericht verantworten. Sie hätten am Samstag das Land mit 33 Kindern ohne die nötigen Genehmigungen verlassen wollen, berichtete der Sender Radio Metropole in Port-au-Prince. Sicherheitskräfte hatten sie an der Grenze zur Dominikanischen Republik aufgegriffen. Es soll sich um eine christliche Gruppe handeln, die die Kinder zunächst ins Nachbarland bringen wollte. Unklar ist, ob sie die Kinder zur Adoption vermitteln wollten. Einige der Kinder im Alter von wenigen Monaten bis zu 14 Jahren sollen noch Familien haben.

US-Diplomaten stehen mit den Festgenommenen in Kontakt. Die 33 Kinder wurden unterdessen in einem staatlichen Kinderheim in einem Vorort von Port-au-Prince untergebracht. Nach dem Erdbeben hatten Hilfsorganisationen vor übereilten internationalen Adoptionen gewarnt. Es bestehe die Gefahr, dass Menschenhändler mit der Vermittlung haitianischer Waisen in die USA und Europa Geschäfte machen könnten.

Streit um Bezahlung der Behandlungen

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Die US-Evakuierungsflüge nach Florida waren am Mittwoch ausgesetzt worden, weil nicht geklärt war, wer die Behandlung der Verletzten bezahlt. Zuvor hatte sich der Gouverneur des US-Staates, Charlie Crist, bei der Regierung in Washington darüber beklagt, dass die Krankenhäuser an die Grenzen ihrer Belastbarkeit geraten seien. Crist forderte außerdem, Bundesmittel freizugeben sowie zusätzliches Personal. Auch solle es Evakuierungsflüge in andere US-Staaten geben.

An der Verteilungsaktion der Lebensmittel des WFP sind zahlreiche internationale Hilfsorganisationen beteiligt. Soldaten der UN-Mission MINUSTAH, der US-Armee und haitianische Polizisten überwachten die Abgabe der Lebensmittel. Zunächst wurden keine gewaltsamen Zwischenfälle bekannt.

Die Vereinten Nationen haben jedoch immer noch Probleme bei der Versorgung der Opfer. "Es gibt täglich neue Schwierigkeiten", sagte UN-Missionschef Edmond Mulet per Videokonferenz bei den Vereinten Nationen in New York. "Vor allem die Verteilung der Lebensmittel macht bei einer solch unglaublichen Katastrophe Probleme."

Millionen Menschen versorgen

Auch die USA wollen wieder Verletzte ausfliegen.
Auch die USA wollen wieder Verletzte ausfliegen.(Foto: REUTERS)

Das WFP richtete in Port-au-Prince 16 feste Verteilstellen ein. In den kommenden beiden Wochen sollen auf diese Weise zwei Millionen Menschen mit Lebensmitteln versorgt werden. Wegen drohender Ausschreitungen hatten frühere Verteilaktionen von Lebensmitteln vorzeitig abgebrochen werden müssen. In anderen Fällen waren Lastwagen mit Reissäcken überfallen worden. Deshalb werden die 25-Kilo-Säcke mit Reis vor allem an Frauen verteilt. Die Empfänger der Hilfe mussten sich zudem durch einen Gutschein ausweisen.

Fachleute kritisieren allerdings die Verteilung von Lebensmitteln unter dem Schutz von Soldaten und Polizisten. Sie provoziere geradezu Unruhen unter den wartenden Menschen. Dass es auch anders geht, zeigt ein allerdings bislang einmaliges Beispiel im Stadtteil Petionville. Dort werden seit über zwei Wochen ohne Probleme täglich bis zu 1500 Pizza-Portionen verteilt, ohne dass es je zu Gedränge gekommen wäre. Und das Dominikanische Rote Kreuz bringt Lebensmittel ohne Polizeischutz in kleinen Einheiten zu Bedürftigen.

Das US-Militär zieht derweil drei Schiffe aus den Gewässern vor Haiti ab. Die USA hätten auch ohne den Flugzeugträger "USS Carl Vinson", den Kreuzer "USS Bunker Hill" und das Forschungsschiff "USNS Henson" genügend Kräfte für den Einsatz vor Ort, sagte der Oberbefehlshaber der US-Armee für Südamerika, General Douglas Fraser, in Miami. Zehn Hubschrauber der "Carl Vinson" würden aber im Katastrophengebiet bleiben, um weiter Hilfsgüter zu verteilen.

Fünfjahresplan der Welthungerhilfe

Nach Spenden von bisher knapp 15 Millionen Euro plant die Welthungerhilfe derweil ein Fünfjahresprogramm für Haiti. Die Mittel würden nicht nur für die Nothilfe verwendet, sondern auch für langfristige Entwicklung, sagte der Generalsekretär der Deutschen Welthungerhilfe, Wolfgang Jamann, in Bonn.

"Die jüngste Katastrophe kann zu einer echten Chance für das Land werden", sagte Jamann. Voraussetzung sei, die Interessen der Bevölkerung in den Mittelpunkt zu stellen und sie nach dem Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe in die Lage zu versetzen, das Land wieder aufzubauen und sich aus der Armut zu befreien.

Als Nothilfemaßnahme verteilt die Welthungerhilfe Nahrungsmittel wie Reis und Bohnen an rund 40.000 Menschen. Außerdem liefert sie weiterhin täglich Trinkwasser. Da viele Felder zerstört wurden, gibt die Welthungerhilfe auch Saatgut an 3000 Familien aus. Die Welthungerhilfe ist seit 1974 in Haiti tätig.

Einige Schulen öffnen wieder

In weniger betroffenen Landesteilen gingen Kinder erstmals wieder zur Schule. In Port-au-Prince fällt der Unterricht voraussichtlich noch mehrere Wochen aus. Nach Schätzungen des Kinderhilfswerks UNICEF sind in der Hauptstadt etwa Dreiviertel der Schulen zerstört oder stark beschädigt. Vor dem Erdbeben besuchten etwa 600.000 Kinder eine Schule.

"Viele Kinder sind traumatisiert von der Katastrophe", sagte Vladimir Constant, ein Psychologe der Organisation Kindernothilfe. "Sehr viele haben ihre Eltern oder nahe Verwandte verloren." Wie viele Kinder durch die Katastrophe zu Waisen wurden wisse, niemand. UNICEF hat damit begonnen, unbegleitete Kinder zu registrieren. Die Schulen außerhalb von Port-au-Prince nahmen auch Kinder auf, die mit ihren Familien die Hauptstadt verlassen hatten. Insgesamt haben etwa 300.000 Menschen aus Port-au-Prince nach dem Erdbeben auf dem Land Zuflucht gesucht.

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Quelle: n-tv.de

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