Panorama

Ein Altersheim für MilchküheLeer, aber lebendig

24.04.2008, 14:53 Uhr

Ist der Euter einer Kuh erst leergepumpt, tritt das Tier meist den letzten Weg zum Schlachter an. Die "Kuh-Flüsterin von Mücke" findet, Milchkühe haben ein Imageproblem.

Wenn Christiane ihr wuchtiges Hinterteil mühsam erhebt, knacken ihre Knochen. "Wegen der Arthrose ist sie nicht mehr gut unterwegs. Jeder Tag ist jetzt ein Geschenk", sagt die Frau, die sich liebevoll um den Pflegefall kümmert. Früher, als Christiane noch gut in Saft und Kraft stand, war sie eine sogenannte "Turbo-Kuh". Mehr als 100.000 Liter Milch hat sie in ihrem Leben gegeben. Doch mit 13 Jahren war sie ausgequetscht wie eine Zitrone - und reif für den Schlachthof. Doch statt ihren letzten Gang in die Fleischfabrik anzutreten, kam sie auf einen kleinen Bauernhof ins hessische Mücke - in ein Altersheim für Kühe.

In der bundesweit in dieser Art wohl einmaligen Einrichtung werden Kühe aufgenommen, um sie vor dem Schlachthof zu retten. Es ist die Idee einer kleinen Tierschutzorganisation mit dem Namen Animals Angels. Eigentlich haben sich die "Engel der Tiere" aus Frankfurt darauf spezialisiert, Tiertransporte und ominöse Märkte, zum Beispiel in Osteuropa, zu beobachten. "Wir versuchen, Missstände und Quälereien aufzudecken und anzuzeigen", erklärt Verwaltungsleiter Johannes Mau.

Zeichen setzen

Das Kuh-Altersheim wird nebenbei von den Animals Angels betrieben. "Es ist ein Symbolprojekt", sagt Leiterin Natascha Hirschmann, die neben Christiane 16 weitere Kühe auf dem 200 Jahre alten Hof in Mücke umsorgt. Vielen Tieren kann sie aber nicht helfen - angesichts von mehr als vier Millionen Milchkühen in Deutschland. "Das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein", findet Hanno Würbel, Experte für Tierschutz- und Verhaltenskunde an der Universität Gießen. "Das ist ein sehr idealistisches Ansinnen. Aber es kann vielen Menschen einen Anstoß geben, sich Gedanken zu machen."

Hirschmann (38) - früher Krankenschwester, jetzt angehende Tierärztin - betreibt den Hof mit drei Mitarbeitern. Finanziert wird die "Kuh-Flüsterin aus Mücke" von den Animals Angels, die Spenden sammeln, zum Beispiel über Tier-Patenschaften. Ihre vierbeinigen Heimbewohner bekommt Hirschmann von Landwirten, die ihre unrentablen und zumeist kranken Tiere ausrangieren wollen. Für wenige hundert Euro oder gar geschenkt. "Viele Bauern scheuen den Aufwand, Zeit und Geld in verletzte Tiere zu investieren - die werden lieber an den Schlachthof verscherbelt", erklärt Hirschmann den Lauf der Dinge.

Klapprig und von Geschwüren geplagt

Der Großteil der Milchkühe fristet nach Einschätzung der Tierschützerin ein unwürdiges Leben als Hochleistungsmaschine in industriellen Milchbetrieben. "Da herrscht eine desolate Moral", sagt sie, geht durch ihren Stall und zeigt Beispiele für die Ausbeutung. Die ehemalige "Turbo-Kuh" Christiane leidet an einer Klauenverletzung. Sie hat poröse Knochen, weil das Kalzium ihres Körpers jahrelang in die Milchproduktion geflossen ist. In den anderen Boxen liegen Kühe wie klapprige Wracks auf vier Beinen. Einige haben Geschwüre an den Eutern, andere können sich kaum bewegen.

Es gebe zahlreiche Gründe, warum es vielen Milchkühen nicht gut gehe, sagt Hirschmann. "Neben zweifelhaften Haltungsbedingungen haben Kühe vor allem ein Image-Problem", findet sie. "Das Leben der Kuh ist in unserer Gesellschaft zu anonym. In der Werbung und sonst wo wird die heile Welt des Bauernhofs vorgegaukelt. Mit der Idee des Kuh-Altersheim wollen wir dagegen angehen und den Tieren ihre Würde zurückgeben."

Kein Geld für ausgediente Kühe

Der Deutsche Bauernverband (DBV) findet die Idee eines Kuh-Altersheims gar nicht mal schlecht. "So etwas ist wohl einmalig. Aber bei aller Tierliebe - das ist flächendeckend nicht umsetzbar. Wer soll das bezahlen?", fragt DBV-Fachreferentin Runa Mosel. Es sei normal, dass Kühe irgendwann in den Schlachthof müssen. Den Vorwurf, wonach die Kühe ein leidvolles Dasein fristen, weist sie zurück: "Die Haltungsbedingungen sind in Ordnung."

Von Berit Schmidt, dpa