Panorama
Außenaufnahme der Reaktoren 1, 2 und 3 (v.l.) des Atomkraftwerks Onagawa (Archivaufnahme vom 01.04.2011).
Außenaufnahme der Reaktoren 1, 2 und 3 (v.l.) des Atomkraftwerks Onagawa (Archivaufnahme vom 01.04.2011).(Foto: dpa)

Abklingbecken in Onagawa mit Rissen: Leichte Radioaktivität gemessen

Ein heftiges Nachbeben versetzt Japan in Angst und Schrecken. Ein Abklingbecken aller drei Reaktoren des AKW Onagawa wird beschädigt, Wasser tritt aus. Der Betreiber räumt einen leichten Anstieg radioaktiver Strahlung im Reaktorgebäude ein. Auch in anderen AKW kommt es zu Zwischenfällen. Die japanische Regierung denkt inzwischen über eine Erweiterung der Evakuierungszone um Fukushima nach.

Bei einem heftigen Nachbeben im Nordosten Japans ist ein weiteres Atomkraftwerk beschädigt worden. Aus den Abklingbecken aller drei Reaktoren von Onagawa sei Wasser ausgetreten, teilte der Betreiber Tohoku Electric Power mit. Innerhalb des Reaktorgebäudes sei ein leichter Anstieg von radioaktiver Strahlung gemessen worden, sagte ein Sprecher. Das AKW Onagawa war nach dem verheerenden Erdbeben und dem Tsunami vor einem Monat heruntergefahren worden.

Das neuerliche Beben am Donnerstagabend Ortszeit hat außerdem zu Vorfällen in weiteren Atomkraftwerken des Landes geführt. Es sei in Onagawa nur wenig leicht radioaktives Wasser ausgetreten, hieß es; der Fernsehsender NHK sprach von 3,8 Litern. Aber auch an anderen Stellen des AKW sollen kleine Wasserpfützen entdeckt worden sein.

Außerdem seien in dem AKW zwei der drei Stromleitungen infolge des erneuten Bebens ausgefallen, erklärte Tohoku Electric  weiter. Dadurch sei die Kühlung der Abklingbecken mit den abgebrannten Kernbrennstäben kurz unterbrochen worden, laufe aber inzwischen wieder. Neben der externen Stromversorgung verfüge die Anlage auch über ein Notstromsystem. Zwar ist das AKW seit dem 11. März abgeschaltet, die Brennelemente müssen aber weiter gekühlt werden. Dafür wird Strom gebraucht. Außerdem wurden Teile, die den Druck kontrollieren sollen, im Turbinengebäude von Reaktor 3 beschädigt, berichtete NHK.

Fünf Risse nach Erdbeben

Das AKW Onagawa in der Präfektur Miyagi ist durch das Beben beschädigt.
Das AKW Onagawa in der Präfektur Miyagi ist durch das Beben beschädigt.(Foto: REUTERS)

Wie Gordian Fritz für n-tv aus Tokio berichtete, entstanden durch das Beben fünf Risse in der Atomanlage. Laut NHK wurden sogar an acht Stellen Lecks gefunden. Behauptungen des AKW-Betreibers, rund um den Reaktor sei keine erhöhte Strahlung gemessen worden, seien eingedenk der Erfahrungen mit der Informationspolitik Japans im Zusammenhang mit der Atom-Katastrophe im AKW Fukushima mit Vorsicht zu genießen, warnte Fritz. Der Meiler liegt rund 100 Kilometer nördlich des Katastrophen-AKW Fukushima 1. Dort gab es nach Angaben der  Atomsicherheitsbehörde und der Betreiberfirma Tepco keine weiteren  Schäden durch das neue Erdbeben.

Nach Angaben eines Mitarbeiters der Atomsicherheitsbehörde  fielen nicht nur in Onagawa, sondern auch im AKW Higashidori  in der Präfektur Aomori sowie in der Wiederaufbereitungsanlage Rokkasho Stromversorgungssysteme für Kühlanlagen aus. In jeder der betroffenen Anlagen liefen aber Notsysteme.

Das Beben im Nordosten Japans hatte neuesten Behörden-Angaben zufolge eine Stärke von 7,1. Zuvor war die Stärke mit 7,4 angegeben worden. Mindestens vier Menschen kamen ums Leben, 140 wurden verletzt. Betroffen waren die Präfekturen Miyagi, Iwate, Aomori und Akita. Das Beben am 11. März hatte eine Stärke von 9,0 gehabt.

Brände, Strom-, Gas- und Wasserausfälle

Der Erdstoß löste zahlreiche Brände aus und verursachte in der Stadt Sendai mehrere Lecks im Gasversorgungsnetz. Bahnverbindungen wurden unterbrochen, vereinzelt fielen Telefonnetze aus. In der Präfektur Miyagi blieben über 8000 Häuser ohne Wasser und Gas, während in bis zu drei Millionen Haushaltenn in den Präfekturen Aomori und Akita der Strom ausfiel, da mehrere Thermalkraftwerke abgeschaltet wurden.

Die Trümmer vom 11. März sind auch in Onagawa noch längst nicht beseitigt.
Die Trümmer vom 11. März sind auch in Onagawa noch längst nicht beseitigt.(Foto: AP)

Das Epizentrum lag nach Angaben der US-Erdbebenwarte USGS in einer Tiefe von etwa 40 Kilometern in der Präfektur Miyagi, 66 Kilometer östlich von Sendai, das bereits bei der Katastrophe am 11. März verwüstet worden war. Die Hauptstadt Tokio ist rund 330 Kilometer entfernt. Eine Tsunami-Warnung wurde schon eine Stunde nach dem Beben aufgehoben.

Keine neue Schäden in Fukushima 1

Im Katastrophenreaktor Fukushima gab es durch das Nachbeben keine neuen Schäden, wie der Betreiber Tepco mitteilte. Die Kühlung der Reaktoren mit Wasser funktioniere auch nach dem Beben weiter, berichtete die Agentur Kyodo. Die Techniker seien in Sicherheit gebracht worden, verletzt worden sei niemand. Die Arbeiter sollten die Anlage nach Aufhebung der Tsunami-Warnung kontrollieren.

Im AKW Fukushima müssen die defekten Reaktoren  noch immer von außen gekühlt werden.
Im AKW Fukushima müssen die defekten Reaktoren noch immer von außen gekühlt werden.(Foto: dpa)

Es wurde nach Angaben von Tepco auch weiter Stickstoff in das Reaktorgehäuse am Block 1 eingeleitet. Die Maßnahme läuft erst seit Donnerstag. Das Gas soll das brisante Luftgemisch im Innern verdünnen und so verhindern, dass es zu neuen Wasserstoff-Explosionen wie kurz nach der Havarie kommt. Kyodo meldete, der Energiekonzern wolle über sechs Tage fast 6000 Kubikmeter Stickstoff zuführen. Die Reaktorblöcke 2 und 3 könnten folgen.

Der Kraftwerksbauer Toshiba legte Tepco ein Angebot zur Stilllegung der zerstörten Atommeiler von Fukushima vor. Innerhalb der nächsten zehn Jahre will das Unternehmen unter anderem die Brennstäbe aus den Reaktoren entfernen, hieß es in japanischen Medienberichten. Toshiba sei bereits mit dem Aufräumen nach der Katastrophe im US-Atomkraftwerk Three Mile Island betraut gewesen, meldete Kyodo. Damals hätten die Arbeiten 14 Jahre gebraucht. In Three Mile Island war es 1979 - ähnlich wie in Fukushima - zu einer partiellen Kernschmelze gekommen.

Tepco rudert zurück

Nach Protesten von Nachbarstaaten will der Fukushima-Betreiber Tepco indes das Abpumpen von schwachradioaktivem Wasser in den Pazifik einstellen. Das teilte der Konzern mit. Tepco hatte vor fünf Tagen damit begonnen, insgesamt 11.500 Tonnen schwachradioaktiven Wassers von einem Auffangbecken ins Meer abzulassen, um Platz für stärker verstrahltes Wasser zu schaffen. China und Südkorea kritisierten daraufhin Japan scharf.

Die japanische Regierung denkt inzwischen über eine Erweiterung der Evakuierungszone um den Katastrophenreaktor nach. Japanische Medien berichteten, die Regierung könnte auch den Bewohnern außerhalb eines 30-Kilometer-Radius um Fukushima raten, das Gebiet zu verlassen. Die Entscheidung soll nach Angaben von Regierungssprecher Yukio Edano in den nächsten Tagen fallen.

Das japanische Kaiserpaar traf erneut Opfer der Atomkatastrophe von Fukushima. Kaiser Akihito und seine Frau Michiko besuchten in der Tokioter Nachbarprovinz Saitama eine Schule, in der rund 1200 Menschen Zuflucht gefunden haben. Die Evakuierten stammen aus der Region um Fukushima. Ministerpräsident Naoto Kan will am Sonntag in die Krisenregion reisen.

EU verschärft Grenzwerte

Nach einigem Hin und Her einigte sich die EU auf EU verschärft Grenzwerte für japanische Lebensmittel. Das zuständige Gremium in Brüssel stimmte einem entsprechenden Antrag der Europäischen Kommission zu. Damit hat die EU die zuletzt als zu lasch kritisierten europäischen Grenzwerte den strengeren japanischen angepasst.

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Quelle: n-tv.de

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