Panorama
Schon in der Pubertät bekannte sich Nasser zu seiner Homosexualität. Die Familie des Libanesen konnte das nicht verstehen.
Schon in der Pubertät bekannte sich Nasser zu seiner Homosexualität. Die Familie des Libanesen konnte das nicht verstehen.(Foto: REUTERS)

Vater und Onkel müssen zahlen: Libanesische Familie entführt schwulen Sohn

Weil er homosexuell ist, wird der 15-jährige Nasser von seiner Familie nicht akzeptiert. Sein Vater und zwei Onkel entführen ihn, um ihn im Libanon zwangsweise zu verheiraten. Sie wollten die Ehre der Familie retten. Der junge Mann bringt die Geschichte vor Gericht.

Im Falle eines heute 18-jährigen Homosexuellen, der in den Libanon entführt und dort von seiner Familie zwangsverheiratet werden sollte, hat das Amtsgericht Berlin-Tiergarten eine Geldstrafe gegen seinen Vater und zwei Onkel verhängt. Nach Angaben eines Justizsprechers müssen die drei Angeklagten wegen Freiheitsberaubung und Entziehung Minderjähriger jeweils eine Geldstrafe 1350 Euro zahlen.

Die Verhandlung vor dem Amtsgericht hatte nicht einmal fünf Minuten gedauert. Die Angeklagten waren nicht erschienen. Deshalb wandelte das Gericht das Verfahren in ein vereinfachtes Strafbefehlsverfahren um und verhängte jeweils 90 Tagessätze zu je 15 Euro.

Nasser trägt einen Sticker mit der Aufschrift "Stop Homophobia" am Shirt.
Nasser trägt einen Sticker mit der Aufschrift "Stop Homophobia" am Shirt.(Foto: dpa)

Laut Gericht wollten die Männer im Jahre 2012 den damals 15-jährigen Nasser El-A. in den Libanon entführen. Im Herkunftsland seiner Eltern sollte der Junge, der sich kurz zuvor zu seiner Homosexualität bekannt hatte, zwangsweise mit einer Frau verheiratet werden. An der rumänischen Grenze nahmen Fahnder den Vater jedoch fest und schickten den bereits unter Obhut des Jugendamtes stehenden Jungen zurück nach Berlin.

Nasser ist mit dem Strafsatz für Vater und Onkel zufrieden. "Ich habe es geschafft, diesen Fall vor Gericht zu bekommen", sagte er nach dem Urteilsspruch. "Ich möchte, dass die Leute sehen, wie der Staat reagiert bei solchen Fällen wie Zwangsverheiratung, Misshandlungen oder einer Entführung ins Ausland", hatte der in Deutschland aufgewachsene Nasser seine Anzeige gegenüber dem RBB begründet. Für ihn sei das Kapitel damit abgeschlossen, Angst habe er auch keine. Er sei kein Mensch, der sich verstecke. "Ich will meine Sexualität nicht unterdrücken."

Jahrelang von der Familie gepeinigt

Schon vor der Entführung wurde Nasser El-A. eigenen Angaben zufolge von seiner Familie drangsaliert. Sein Onkel habe ihn auf Befehl des Vaters mit Benzin übergossen und gedroht ihn anzuzünden. Am gleichen Tag habe der Onkel kochendes Wasser über ihn gegossen. Sein Vater habe gedroht, ihm ein Messer in den Hals zu stoßen.

Mehrfach war der Jugendliche davongelaufen und hatte Zuflucht beim Jugendamt gesucht. Das entzog den Eltern das Sorgerecht für ihren pubertierenden Sohn. Dennoch organisierte die Familie in dessen Abwesenheit die Verlobung mit einer jungen Frau, die ihn offenbar auf den rechten Pfad bringen sollte.

Zwangsehen können zu Gewalt führen

Nach Angaben des RBB sind Zwangsehen für Männer in Berlin keine Seltenheit. Genaue Zahlen fehlten, doch von insgesamt 460 Fällen, die den Berliner Behörden bekannt sind, beträfen 29 Männer.

Der Psychologe und Integrationsexperte Kazim Erdogan sagte dem Sender, dass "Homosexualität nicht nur junge Männer betrifft, sondern auch viele Einwanderer der ersten Generation." Sie hätten Schamgefühle, viele seien Väter von drei oder vier Kindern. "Sie wurden damals als harte anatolische Paschas erzogen und können jetzt nicht nach 35 Jahren zu ihren Kindern gehen, sich plötzlich outen und damit als schwaches Geschlecht dastehen", sagte Erdogan.

Die Berliner Justiz kennt Fälle, in denen aus dem Unrecht, das den zwangsverheirateten schwulen Männern angetan wurde, Aggression gegen die für sie ausgewählten Frauen wurde. Die Unzufriedenheit wird bisweilen so stark, dass man von einer Gewaltspirale sprechen kann. Zwei Fälle endeten damit, dass die Frauen von ihren Männern niedergestochen wurden.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen