Panorama
Monica Lierhaus hat sich ins Leben zurückgekämpft.
Monica Lierhaus hat sich ins Leben zurückgekämpft.(Foto: Wolfgang Wilde)

Buch über das zweite Leben: Lierhaus ist "Immer noch ich"

Von Solveig Bach

Beinahe wäre Monica Lierhaus nach einer Hirn-Operation gestorben. Lange scheint es, als bleibe sie ein Pflegefall. Doch es kommt anders. Mit unendlicher Disziplin kämpft sie sich zurück, in ein Leben, mit dem sie bis heute hadert.

Sieben Jahre sind vergangen, seit das alte Leben von Monica Lierhaus abrupt endete. Nach einer geplanten Hirn-OP im Januar 2009 kommt es zu Komplikationen. Die Moderatorin und Journalistin ist mehr tot als lebendig, es dauert Wochen, bis sie aus dem künstlichen Koma erwacht. Sie kann nicht sprechen, nicht laufen, nichts sehen. Nichts erinnert zu diesem Zeitpunkt mehr an die Monica Lierhaus, wie sie vorher war. Eine junge, attraktive Frau, die Ahnung von Sport hat. Das Gesicht der ARD-Sportschau auch bei Großereignissen, erfolgreich, geschätzt, glücklich.

"Wo beginnt man, wenn der Anfang fehlt?", fragt Lierhaus auf den ersten Seiten ihres Buches "Immer noch ich". Und man ahnt, dass es keine leichte Kost sein wird, die die inzwischen 45-Jährige da aufgeschrieben hat. Während ihrer Krankheit wurde Lierhaus abgeschirmt, erst nach und nach drang an die Öffentlichkeit, wie schwer krank sie wirklich war. Nun spricht Lierhaus deutlich aus, was lange niemand ahnte: Der Versuch, das Aneurysma in ihrem Kopf zu verschließen, war schiefgegangen. Es gab eine massive Blutung, die Ärzte rechneten damit, dass Lierhaus nicht überlebt. "Es ging letztlich nur noch darum, mich so weit zu stabilisieren, dass alle Abschied nehmen konnten."

Doch Lierhaus stirbt nicht, neun Tage nach der dramatischen OP blinzelt sie beim Umlagern ein wenig. Die Prognose der Ärzte jetzt: Sie wird ein Pflegefall bleiben, an Monitore und Maschinen angeschlossen. Obwohl es kaum Hoffnung gibt, geben Lierhaus' Lebensgefährte Rolf Hellgardt, ihre Eltern und ihre Geschwister sie nicht auf. Sie reden mit ihr, lassen im Fernsehen die Bundesliga laufen, lesen ihr vor. Lierhaus' Schwester Eva beschreibt diese Erfahrung später im Buch: "Wenn man nicht hundertprozentig weiß, dass vor einem im Bett nicht nur noch eine leere Hülle liegt, darf man nicht lockerlassen. Irgendwo im Unterbewusstsein ist etwas auf Empfang geschaltet, ein bisschen was kommt an und setzt Impulse."

Kaum zu ertragende Bilder

Das Buch ist bei Ullstein erschienen und kostet 19,99 Euro.
Das Buch ist bei Ullstein erschienen und kostet 19,99 Euro.

Bilder aus jenen Tagen zeigen Lierhaus scheinbar friedlich schlafend mit entspanntem Gesicht und verkrampften Armen und Beinen. Noch immer starrt sie meist mit leerem Blick nach oben. Solche Patienten bezeichneten die Pfleger als "Deckengucker", keine nette, aber eine zutreffende Bezeichnung, findet Lierhaus. Elfmal ist sie seitdem operiert worden, hat Tausende Stunden Therapiesitzungen absolviert. Irgendwo tief in ihr schlummert noch das alte Leben, dass sie sich über Jahre in winzigen Schritten zurückerobert oder neu erobert.

Wach bleiben, aufmerksam bleiben, den Blick fokussiert halten, selbständig atmen, sprechen, besser sprechen, schlucken, aufrecht sitzen, den Kopf halten, die ersten Schritte. Alles ist schwierig. "Wenn ich diese Bilder aus der Frühreha oder die Zeilen aus dem Tagebuch vor mir sehe, kann ich sie nicht mit mir zusammenbringen. Ich spalte sie ein Stück weit ab, als würden sie nicht zu mir gehören."

Die Anstrengungen für jeden noch so kleinen Schritt sind riesig. Bis heute. Seit ihrem Auftritt bei der Goldenen Kamera 2011 hat sie enorme Fortschritte gemacht. Am Abend vor der Buchveröffentlichung sitzt sie bei Markus Lanz im ZDF-Studio. Sie ist perfekt geschminkt und frisiert, die Haare sind kürzer, sie ist wieder schlanker, sie sieht gut aus. Zur Verstärkung hat sie sich ihre Schwester Eva mitgebracht und ihre frühere Intensivschwester Jaqueline, die Lierhaus später auch zu Hause betreut hat. Lierhaus spricht noch immer nicht so, wie in dem neun Jahre alten Einspieler von der Vierschanzentournee zwei Tage vor dem verhängnisvollen Eingriff. Aber sie ist ihrem alten Ich wieder ein großes Stück näher gekommen. Und sie mutet sich der Öffentlichkeit in ihrer jetzigen Nicht-ganz-so-Perfektheit zu.

Ein Wunder, aber auch Schatten

Ihr berühmter Heiratsantrag bei der Goldenen Kamera auf offener Bühne hatte kein Happy End, ihre Beziehung zu Rolf Hellgardt ging im vergangenen Jahr auseinander. Ihr Gleichgewichtssinn bleibt gestört, oft fällt sie. Erst vor Weihnachten hat sie sich das Jochbein gebrochen. Aber Lierhaus lebt selbständig, inzwischen arbeitet sie längst wieder.

Doch sie ist heute das, was man politisch korrekt, Mensch mit Behinderung nennt. Als sie nach ihrer Krankheit einen Vertrag als Botschafterin der ARD Fernsehlotterie "Ein Platz an der Sonne" unterschreibt, wird sie angegriffen. Ihr wird ein Promi-Behindertenstatus unterstellt, ihr Honorar wird diskutiert. Sie findet sich in der nicht nur für sie befremdlichen Debatte wieder, ob die Arbeit einer Behinderten das wert ist, was sie bekommen soll und  fühlt sich an Zeiten erinnert, in denen ihr Verdienst bei der Sportschau öffentlich erörtert wurde. Etwas, das ihren männlichen Kollegen nie passiert war.

Trotzdem erfüllt sie ihren Vertrag mit der Fernsehlotterie, besucht Hospize, Pflegeheime, Wohngruppen. Lierhaus verkündet die Gewinnerzahlen und gewinnt auch selbst wieder ein wenig mehr Zuversicht. Arbeiten ist wie Medizin für sie. Wenn sie arbeitet, ist sie sogar schmerzfrei.

Gnadenlos ehrlich

Lierhaus ist nicht die erste Prominente, die ihr Leben nach einem Schicksalsschlag neu definieren muss. Und sicher nicht die letzte, die darüber schreibt. Aber sie tut das so authentisch, reflektiert und schmerzhaft aufrichtig, dass es einem einfach Respekt abnötigt. Die Disziplinierte, die Perfektionistische in ihr muss sich jetzt mit weniger zufrieden geben. Doch sie lässt keinen Zweifel daran: Es fällt ihr schwer, für ihr eingeschränktes Leben dankbar zu sein. Und sie mag sich nicht sagen lassen, wie sie sich damit zu fühlen hat.

"Etwas in mir ist damals gestorben, und etwas hat überlebt", schreibt Lierhaus. Sie sei, was ihre Fähigkeiten angeht, eine andere geworden. Aber der Kern sei geblieben. "Deshalb kann ich sagen, ich bin immer noch ich, auch wenn mir manches an diesem neuen Ich fremd ist. Vielleicht immer fremd bleiben wird."

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Quelle: n-tv.de

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