Panorama

Rechte Musik: Lockmittel und Szenekitt


Sie heißen "Blitzkrieg" oder "Rassenreinheit" und singen vom Kampf gegen Ausländer oder den Verdiensten Adolf Hitlers. Rechtsextreme Bands machen Sachsen zur Anlaufstelle für Gesinnungsgenossen aus ganz Deutschland. In keinem anderen Bundesland finden mehr rechte Konzerte statt, sagt Danielo Starosta vom Kulturbüro Sachsen. Und auch rechtsradikale Lieder im Internet stammen laut Verfassungsschutz häufig aus dem Freistaat. Zwar sind der Polizei in den vergangenen Wochen bei Razzien deutliche Schläge gegen die Szene gelungen. Trotzdem sehen Verfassungsschützer die Musik weiterhin als entscheidendes Mittel, mit dem vor allem Jugendliche in die Szene gelockt und dort gehalten werden.

"Musik ist das Lebenselixier der rechtsextremistischen Szene", sagt Olaf Vahrenhold vom sächsischen Verfassungsschutz. Knapp 200 Konzerte in Sachsen sind den Ermittlern von 2002 bis 2006 bekannt geworden. Gefährlich dabei seien gar nicht unbedingt die Liedtexte. "Bei den meisten Konzerten wird so laut gegrölt, da versteht man kein Wort", sagt der Beamte. Die Gefahr lauere am Rand der Veranstaltungen, wo Rekrutierer die Besucher sehr professionell für die rechte Szene anwerben. Musik sei nur die "Einstiegsdroge", heißt es in einem Bericht von Vahrenholds Behörde.

Zunehmende Professionalität

Immer sei es die gleiche Masche, berichtet auch Starosta, der seit sieben Jahren unter anderem Aussteiger betreut. "Durch die eingängigen Parolen der Nazi-Mucke werden die Konzertbesucher offen für die Ideologie, mit der sie anschließend konfrontiert werden." Vor allem bei Männern bis 30 Jahren funktioniere das immer wieder. "Das ist eine knallharte Strategie, die dahintersteckt!"

Während bei Rockbands die Musik der Türöffner für die Ideologie ist, begeistern die Liedermacher die Menschen durch ihre rechtsradikalen Texte für die Musik, sagt Starosta. "Die sprechen sehr deutlich Dinge an, die die Leute bewegen." Die Qualität der Musik von "nationalen Liedermachern" wie Jörg Hähnel oder Annett Müller sei allenfalls zweitrangig.

Gemeinsam ist allen Richtungen der rechten Musik die zunehmende Professionalität. Die Arbeit der Verfassungsschützer wird dadurch immer schwieriger, sagt Vahrenhold. Als Rechtsextreme vor ein paar Jahren noch CDs an Schulen verteilten, sei man ihnen viel schneller auf die Schliche gekommen. "Heute ist das Internet das zentrale Organisationsmittel der Szene."

Jedes Wort geprüft

Dort werden nicht nur massenhaft Lieder ausgetauscht. Viel nachhaltiger ist, dass sich Jugendliche durch die Diskussionen in Blogs viel stärker mit der Botschaft der Liedtexte beschäftigen als früher. Die Texte in den CD-Covers habe kaum jemand gelesen, sagt Vahrenhold. Das sei im Internet anders.

Auch den gewerbsmäßigen Musikvertrieben, die erfahrungsgemäß vor allem im Raum Chemnitz sitzen, bietet das Internet nahezu perfekten Schutz. Rechtsradikale Inhalte werden so oft über Server im Ausland umgeleitet, bis sich die Fahnder irgendwo im Datenwirrwarr verheddern.

Selbst juristisch werden die Musik-Macher immer gewiefter. Damit die Verbreitung der Songs nicht durch staatliche Verbote behindert wird, lassen sie vorher von Anwälten jedes einzelne Wort prüfen. So entstehen Texte, deren rechtsradikale Botschaft zwar eindeutig ist, die den Ermittlern aber keine sichere Angriffsfläche bietet, beklagt Vahrenhold.

Schutz vor rechten Ideologien könnten letztlich nicht die Strafverfolger leisten, sind sich die Experten einig. Viel wichtiger sei es, Jugendliche schon in der Schule über die Ziele der rechten Szene aufzuklären. Wer einmal die Vorteile der freiheitlichen Demokratie schätzen gelernt habe, müsse sie nicht mehr bekämpfen, schreibt der Verfassungsschutz.

Von Marc Herwig, dpa

Quelle: n-tv.de

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