Panorama

Staatsanwalt im UrlaubMarco-Prozess vertagt

15.07.2009, 11:40 Uhr

Nach nur zweiminütiger Verhandlungsdauer ist im türkischen Antalya der Missbrauchs-Prozess gegen Marco aus Uelzen vertagt worden. Es habe nicht genügend Zeit gegeben, die neuen Akten zu studieren, so ein Gerichtssprecher.

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Marco W. aus Uelzen ist in der Türkei wegen Vergewaltigung und sexuellen Missbrauchs angeklagt. (Foto: dpa)

Der Strafprozess gegen den deutschen Teenager Marco W. ist vertagt worden. Es habe nicht genügend Zeit gegeben, die neuen Akten zu studieren, sagte ein Gerichtssprecher nach der Verhandlung, die nur zwei Minuten dauerte. Zudem teilten Marcos türkische Anwälte der Nachrichtenagentur AFP mit, dass der Staatsanwalt gefehlt hat, der sich im Urlaub befinde.

Damit hat das Justizdrama, das die deutsche Öffentlichkeit aufgewühlt und zeitweise sogar für Spannungen im deutsch-türkischen Verhältnis gesorgt hatte, immer noch kein Ende gefunden. Nun soll der Prozess am 16. September, dem Ende der türkischen Justizferien, weitergehen.

Eigentlich wurde Urteil erwartet

Bei der Verhandlung am Mittwoch stand das Schlussplädoyer der Verteidigung auf der Tagesordnung; die Prozessbeteiligten erwarteten zudem das Urteil in dem Fall. Die Entscheidung wird nun frühestens Mitte September fallen.

Marco hatte als 17-jähriger Realschüler im Frühajhr 2007 während eines Osterurlaubs in einem Hotel in Side bei Antalya die damals 13-jährige Britin Charlotte M. kennengelernt. Kurz vor seiner geplanten Heimreise ins niedersächsische Uelzen wurde Marco damals auf Antrag von Charlottes Mutter festgenommen und in Untersuchungshaft gesteckt. Der Junge soll die 13-Jährige in einem Hotelzimmer sexuell missbraucht haben.

Marcos Anwalt von Unschuld überzeugt

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Mit einem Buch wollte Marco W. seine Traumatisierung verarbeiten - seine zwei Anwälte legten jedoch nach der Buchankündigung ihr Mandat nieder. (Foto: picture-alliance/ dpa)

Marco bestreitet jedoch die Vorwürfe und spricht von einvernehmlichen Zärtlichkeiten. Außerdem habe ihm das Mädchen gesagt, sie sei bereits 15 Jahre alt. Marcos Verteidiger wollen deshalb einen Freispruch für den Schüler fordern. "Wir sind von seiner Unschuld überzeugt und wollen das bestmögliche Urteil", sagte Marcos türkischer Anwalt Ahmet Ersoy.

Marco werden Vergewaltigung und sexueller Missbrauch zur Last gelegt. Der Staatsanwalt hatte Anfang Juni in seinem Plädoyer gesagt, er halte Marco in beiden Punkten für schuldig. Die Höchststrafe liegt bei acht Jahren, ein konkretes Strafmaß formulierte der Ankläger aber nicht. Der Anwalt des Mädchens hatte zehn Jahre Haft gefordert. Für Marco wäre ein Schuldspruch allerdings ohne Folgen, solange er nicht in die Türkei reist.

Schuldig trotz entlastendem Abschlussbericht?

Angesichts eines entlastenden Abschlussberichts eines rechtsmedizinischen Instituts in Istanbul ist Marcos Rechtsanwalt schleierhaft, warum der türkische Staatsanwalt seinen Mandanten für schuldig hält. "Das überrascht sehr", sagte Marcos deutscher Anwalt Jürgen Schmidt. Anfang Mai hatte die Staatsanwaltschaft Lüneburg ihr Ermittlungsverfahren gegen Marco eingestellt, weil sich der Verdacht nicht bestätigt habe.

"Die Argumentation des türkischen Staatsanwaltes weisen wir als nicht verständlich und nicht nachvollziehbar zurück", hieß es in einer Mitteilung von Marcos Familie. "Es kann nicht sein, dass bei exakt gleicher Beweislage das Verfahren hier eingestellt wird, während es in der Türkei zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe reichen soll."

Marco-Prozess wird politischer Zankapfel

Die ganze Situation sei für die Familie inzwischen unerträglich, teilte diese mit. Kein Außenstehender könne sich ausmalen, welche Ängste und Befürchtungen Marco bereits durchgestanden habe und auch heute noch durchstehen müsse. "Nichts wäre schlimmer als die Notwendigkeit, in Revision gehen zu müssen und damit einen Freispruch nochmals auf Jahre zu verschieben", schreibt die Familie. Inzwischen besucht Marco eine Berufsbildende Schule.

Der Prozess gegen den jungen Deutschen, der im Juni 2007 begann, wurde rasch zu einem politischen Zankapfel zwischen Deutschland und der Türkei. Deutsche Politiker hatten öffentlich von der türkischen Justiz eine Freilassung des Angeklagten gefordert. Die Türkei wies die Forderungen als Einmischung in ein laufendes Verfahren empört zurück.

Marco plauderte intime Details aus

Gleichzeitig brachte sich Marco selbst in neue Schwierigkeiten: Aus der Untersuchungshaft heraus berichtete er in einem Zeitungsinterview von intimen Kontakten mit Charlotte - nach türkischem und deutschem Recht aber sind sexuelle Kontakte mit Kindern eine Straftat. Zudem veröffentlichte Marco den Bestseller "Meine 247 Tage im türkischen Knast" - angeblich, um die Traumatisierung zu verarbeiten, die er in der Haft erlitten habe. Doch das Buch brachte ihm nicht nur Vorteile: Kurz nach der Ankündigung der Buchveröffentlichung legten seine beiden deutschen Anwälte ihr Mandat nieder.

Im Stolperschritt ging der Prozess weiter. Mehrmals wurde das Verfahren vertagt, vor allem, weil dem Gericht die Aussage der nach Manchester zurückgekehrten Charlotte noch nicht vorlag. Im Dezember 2007 schließlich beschlossen die Richter, Marco nach achtmonatiger Untersuchungshaft auf freien Fuß zu setzen. Der Angeklagte kehrte sofort nach Deutschland zurück. Den Verhandlungen in Antalya blieb er seitdem fern.

Dass das Drama um Marco mit dem Urteil wirklich ganz zu Ende sein wird, ist allerdings fraglich: Bei einem Freispruch werde das Verfahren voraussichtlich beim Berufungsgerichtshof in Ankara landen, nimmt der Anwalt des britischen Mädchens und Nebenkläger, Ömer Aycan, an.

Quelle: kkl/dpa/AFP