Fall von "schwerer Erpressung"?Keine Spur von "Arctic Sea"
Der Verbleib des vor zweieinhalb Wochen verschwundenen finnischen Frachters "Arctic Sea" mit 15 russischen Seeleuten an Bord bleibt mysteriös. Mehrere Ortungen des Schiffes wurden wieder dementiert. Nach finnischen Polizeiangaben hat die Reederei jedoch eine Lösegeldforderung erhalten.
Ein Fall von schwerer Erpressung scheint der Schlüssel zum Rätsel um das seit gut zwei Wochen verschwundene finnische Frachtschiff "Arctic Sea" zu sein. Unbekannte haben nach Angaben der finnischen Polizei ein Lösegeld für das Schiff gefordert. Ein Polizeisprecher sagte in Helsinki, der von den Schiffsbesitzern verlangte Betrag sei "beträchtlich, aber nicht gewaltig". "Wir untersuchen einen Fall von schwerer Erpressung." Die genaue Summe wollte er ebenso wenig preisgeben wie Details darüber, auf welchem Wege die Forderung gestellt wurde. Über die Position des Schiffes gibt es weiterhin keine Informationen.
Unterdessen wurde nichts über eine heiße Spur zum Verbleib des 98 Meter langen Schiffes und seiner 15-köpfigen russischen Besatzung bekannt. Der finnische Reeder des Schiffes dementierte Berichte, wonach der Frachter am Vormittag ein automatisches Positionssignal aus dem Golf von Biskaya vor der westfranzösischen Atlantikküste gesendet haben soll. Am Freitag war bekanntgeworden, dass das Schiff in den vergangenen Wochen zweimal - einmal in der Ostsee und einmal vor Portugal - angegriffen worden war.
Kontaktversuche rund um die Uhr
Der Direktor der Reederei Solchart Management Ltd., Viktor Matwejew, zeigte sich enttäuscht, dass sich auch Berichte, nach denen die "Arctic Sea" von der Marine der Kap Verden vor Westafrika gesichtet worden sei, lediglich als eine weitere "Spekulation" herausgestellt hätten. Seine Mitarbeiter bemühten sich rund um die Uhr, Kontakt zu dem Schiff herzustellen, betonte Matwejew. "Ich schlafe nicht, ich esse nicht. Ich arbeit derzeit 24 Stunden am Tag", sagte der Reederei-Chef. Seine Sorge gelte jetzt allein den Besatzungsmitgliedern: "Ich bete für ihr Leben." Matwejew lehnte eine Stellungnahme zu einer Lösegeldforderung ab.
Das Schiff, das Holz im Wert von über einer Million Euro von Finnland nach Algerien bringen sollte, ist seit gut zwei Wochen verschwunden. Seit Tagen wird darüber spekuliert, ob der Frachter in die Hand von Piraten gefallen, gesunken oder mit einer geheimen Ladung - möglicherweise Waffen - in Richtung Afrika unterwegs ist. Am Freitag hatte ein ranghoher Militärsprecher in Brüssel der russischen Agentur Itar-Tass gesagt, dass man wisse, wo sich die "Arctic Sea" befinde. Sie sei nicht gesunken, ihre Position werde "aber aus taktischen Gründen nicht bekanntgegeben".
Weiter nach Süden?
Die Regierung der Kap Verden hatte am Freitagabend mitgeteilt, dass die "Arctic Sea" rund 400 Seemeilen (720 Kilometer) nördlich des Inselstaates vor der westafrikanischen Küste gesichtet worden sei. Die russische Agentur RIA meldete unter Berufung auf den russischen Botschafter in Kap Verde, Alexander Karpuschin, das Schiff befinde sich nicht vor dem Inselstaat westlich von Afrika. Entsprechende Berichte hätten sich nicht bestätigt, sagte Karpuschin nach einem Treffen mit Militärvertretern des Inselstaates.
Nach Angaben eines Militärvertreters der Kap Verden verfolgen Russland und die NATO jedoch mit Hilfe von Satelliten und "anderen Mitteln" den Kurs der "Arctic Sea". Das Schiff setze seine Fahrt weiterhin mit einer Geschwindigkeit von 15 bis 20 Knoten fort, sagte der mit "Sicherheits- und Verteidigungsfragen" betraute Militärvertreter. Nach seinen Angaben dürfte sich die "Arctic Sea" inzwischen bereits südlich der afrikanischen Inselrepublik befinden.
"Wieder nur Spekulation"
Die finnische Nachrichtenagentur STT berichtete, das Automatische Identifikationssystem (AIS) habe um 10.08 (MESZ) Positionssignale aus der Biskaya empfangen, nach denen die "Arctic Sea" auf südwestlichem Kurs gewesen sei. Der russische Informationsdienst "Sowfracht Maritime Bulletin" meldete, der Frachter sei gegen 10.30 Uhr vor der Hafenstadt La Rochelle geortet worden und mit einer Geschwindigkeit von umgerechnet etwa 19 Stundenkilometern unterwegs gewesen. Dies dementierte die französische Marine.
"Ich hatte gehofft, dass wir endlich eine wahre Information hätten. Aber es war wieder nur Spekulation", sagte Reedereichef Matwejew. Vor der französischen Atlantikküste war das Schiff zuletzt am 30. Juli beobachtet worden. Den letzten Funkkontakt hatte die britische Küstenwache am 28. Juli gehabt, als die "Arctic Sea" den Ärmelkanal durchquerte.