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Die 52-jährige Mutter hat ebenfalls Missbrauch in ihrer Kindheit erlebt.
Die 52-jährige Mutter hat ebenfalls Missbrauch in ihrer Kindheit erlebt.(Foto: picture alliance / dpa)

Drei Jahre Haft: Mutter lässt eigene Kinder missbrauchen

Es klingt unfassbar: Eine Prostituierte bietet ihre zehnjährige Tochter und später auch den Sohn ihren eigenen Freiern zum Missbrauch an. Die Tat liegt lange zurück. Jetzt wird die Mutter zu drei Jahren Haft verurteilt. Der Prozess wirft tiefe Abgründe auf.

Eine Zehnjährige muss sich auf Anweisung ihrer Mutter in Reizwäsche auf das elterliche Bett legen. Dann kommt der Vermieter herein und fesselt das Mädchen an das nebenstehende Bettchen des kleinen Bruders und an die Heizung. Die Zehnjährige liegt wehrlos mit gespreizten Beine da, der Vermieter vergewaltigt sie mehrfach.

Die Mutter schaut vom Nebenraum zu. So stellt es das Amtsgericht Hamburg fest und verkündet eine Haftstrafe von drei Jahren. Die Frau arbeitet selbst als Prostituierte auf St. Pauli und kassiert ein Extrageld dafür, dass sie ihre eigene Tochter in Hamburg dem Freier zur Verfügung stellt.

"Stell dich nicht so an!"

Dem Mädchen hat sie gesagt, die Familie brauche das Geld. "Stell dich nicht so an!" Etwa 20 Jahre nach dem Geschehen steht die heute 52 Jahre alte Mutter vor dem Amtsgericht Hamburg. Die inzwischen 31 Jahre alte Tochter hat das Verfahren vor zwei Jahren mit einer Anzeige ins Rollen gebracht.

Nach einem weitgehend nicht öffentlichen Prozess spricht das Gericht das Urteil: drei Jahre Haft wegen Beihilfe zur Vergewaltigung und zum schweren sexuellen Missbrauch von Kindern. "Wir haben in Abgründe eines Familienlebens geschaut, die uns sprachlos gemacht haben", sagt die Richterin.

Mit 14 Jahren kann das Mädchen fliehen

Es sollte nicht bei einer Vergewaltigung bleiben. Das Gericht geht davon aus, dass das Mädchen immer wieder von der Mutter Freiern überlassen wurde. Die Tochter versucht, sich gegen den Missbrauch zu wehren. Die am letzten Tag auf Antrag der Nebenklage verlesenen Schulzeugnisse zeigen, dass das eigentlich begabte Mädchen schon in der Grundschule immer gereizter und aggressiver wird.

Die Mutter gab Geldprobleme als Grund ihres Handelns an.
Die Mutter gab Geldprobleme als Grund ihres Handelns an.(Foto: picture alliance / dpa)

Später schwänzt das Kind so oft den Unterricht, dass es gar keine Noten mehr bekommt. Einmal sucht die Tochter auch Hilfe bei der Polizei. Ergebnis: Sie wird für drei Wochen aus der Familie genommen und dann zurückgeschickt. Mit 14 Jahren kommt es zum Krach. Die Mutter wirft sie aus der Wohnung.

Jetzt erwischt es ihren jüngeren Bruder. Die Angeklagte nimmt den Achtjährigen mit zu "Harry". Sie hat den Freier schon selbst oft bedient, in Gegenwart der Kinder. Dabei hat er Interesse an dem Jungen bekundet. Die Mutter erklärt dem Jungen, was er tun muss, um den Mann oral zu befriedigen. Von dem Extrageld bekommt er etwas ab.

Vermutlich wurden auch ihre anderen Kinder missbraucht

"Sie war Zuhälter der eigenen Kinder", sagt die Anwältin des heute 26 Jahre alten Sohnes. Der Anwalt der Tochter sagt in Richtung der Angeklagten: "Ich bin überzeugt, dass sie Ihre Kinder wie Nutztiere behandelten." Beide Kinder sind im Prozess Nebenkläger. Die 52-Jährige ist Mutter von sechs Kindern, alle von verschiedenen Männern.

Gericht und Staatsanwaltschaft vermuten, dass möglicherweise auch andere Kinder der Familie missbraucht wurden. Doch das meiste ist verjährt, trotz einer Gesetzesreform in den 1990er Jahren. Erst vor zwei Jahren fand die Tochter den Mut, ihre Mutter anzuzeigen. Sie und ihr Bruder haben ihr Leben nach sehr schweren Krisen in den Griff bekommen.

Das Gericht zeigt sich tief beeindruckt von der Leistung der jungen Frau, die ihre schrecklichen Erlebnisse schon damals in einem Tagebuch festgehalten hat. "Ich habe selten eine so reflektiert und intelligent formulierende Zeugin erlebt", sagt Schorn. Dass die Taten bei der 31-Jährigen Spuren hinterlassen haben, ist klar.

Mutter war in ihrer Kindheit selbst Opfer

Während die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer das damalige Geschehen zusammenfasst, bricht die Nebenklägerin in Tränen aus. Ihr Bruder schaut starr geradeaus. Unmittelbar vor dem Plädoyer des Verteidigers meldet sich die Tochter zu Wort und sieht ihrer Mutter ins Gesicht: "Ich möchte sagen, dass ich ihr das verzeihe, damit ich meinen Frieden finde."

Doch auch für die Mutter, die sich in ihrem letzten Wort bei ihren beiden Kindern entschuldigt, äußert das Gericht Verständnis. Schorn hatte sie vor den Plädoyers gebeten, aus ihrem Leben zu berichten. Sie sei im Kreis Steinburg bei ihrer Oma aufgewachsen. Von Anfang an sei sie auf eine Sonderschule gegangen. Ihren Vater lernte sie erst mit 18 Jahren kennen, weil er im Gefängnis saß.

Nach einigem Zögern sagt sie: "Er hat zwei Leute totgeschlagen." Alle Kinder ihrer Mutter waren von verschiedenen Männern. Immer wenn die Oma nicht da war, sei sie von ihrem Opa oder zwei Onkeln missbraucht worden. Ob das für sie schlimm war, will die Anwältin des Sohnes wissen. "Normal fand ich das nicht", antwortet die ansonsten kaum Rührung zeigende Frau.

Quelle: n-tv.de

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