Panorama
Die Straßen von Naraha sind noch immer seltsam unbelebt.
Die Straßen von Naraha sind noch immer seltsam unbelebt.(Foto: n-tv.de/Nadja Kriewald)

Fünf Jahre nach dem Atom-GAU: Naraha wird die Geister nicht los

Von Nadja Kriewald, Naraha

Viereinhalb Jahre war die Stadt Naraha nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima evakuiert, jetzt gilt sie als dekontaminiert. Die Menschen können zurückkehren, manche tun das sogar. Aber nichts ist mehr wie es war.

Mineo Yakota schiebt die Schüsseln mit der dampfenden Nudelsuppe über den Tresen. Es ist viel los in seinem Imbiss-Restaurant in Naraha. "Die meisten Kunden hier sind Arbeiter, die für die Dekontaminierung zuständig sind", sagt Yakota und wirft paniertes Fleisch in die Fritteuse.

Yakota macht hier gute Geschäfte, ein gutes Leben hat er trotzdem nicht.
Yakota macht hier gute Geschäfte, ein gutes Leben hat er trotzdem nicht.(Foto: n-tv.de/Nadja Kriewald)

Dekontaminierung, so nennen sie hier das Abtragen der radioaktiv verseuchten Erde in den Privatgärten und öffentlichen Plätzen. Eigentlich ist die fast abgeschlossen in Naraha. Denn der Ort in der Sperrzone gilt seit September wieder als sicher und bewohnbar. Dabei liegt Naraha nur 15 Kilometer von der AKW-Ruine Fukushima Daiichi entfernt. Und da ist bisher noch gar nichts sicher.

Trotzdem hat Mineo Yakota sein Restaurant schon ein Jahr vor der Aufhebung der Sperre aufgemacht: "Irgendwer musste doch hier für die Männer sorgen", meint er. "Es kommen ja auch die Arbeiter aus dem AKW. Und seit September auch die aus dem Rathaus und die Polizisten." Yakota macht gute Geschäfte. Aber nur tagsüber, denn leben tut er hier nicht. "Meine Frau will das nicht. Wir haben zwei Töchter, die jüngste ist erst ein Jahr. Meine Frau hat Angst um die Kinder", sagt er.

Nur wenige kommen zurück

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Naraha ist der erste Ort, der als komplett dekontaminiert gilt. Auch Züge fahren hier wieder, wenngleich kaum einer einsteigt, gibt der Schaffner zu. Es seien ja bisher nur wenige Bewohner zurückgekehrt. Er selbst übrigens auch nicht. Er wohnt im sicheren Iwaki – 20 Kilometer weiter südlich. Ein paar Meter weiter rosten die Fahrräder vor sich hin. Pendler hatten sie im März 2011 noch abgestellt, dann wurde der Ort evakuiert, als klar war, dass es im nahen Fukushima Daiichi zum Super-Gau gekommen war.

20 Kilometer rund um das havarierte AKW wurden zur Sperrzone erklärt. Die Bewohner durften nur immer kurz in ihre Häuser, Sachen holen. Orte wir Naraha waren Geisterstädte. Doch Premierminister Shinzo Abe machte schnell nach den Wahlen klar, dass er das ändern wolle. Rechtzeitig zu den Olympischen Spielen 2020 soll bis auf wenige No-Go-Areas die Sperrzone wieder aufgehoben sein.

Vor dem Bahnhof steht ein Messgerät, es ist solarbetrieben und zeigt ständig die Radioaktivität in der Luft an. Der Wert liegt im grünen Bereich. Und trotzdem ziehen bisher nur die älteren Leute zurück. Die Stadt wirkt noch immer wie eine Geisterstadt, die Geschäfte geschlossen, die Gärten von Unkraut überwuchert. Von einst 7500 Bewohnern sind nur 440 zurückgekommen. Einer von ihnen ist der buddhistische Mönch Tokuo Hayakawa. Der 76-jährige hatte mit seiner Frau nach der Katastrophe in einer Notunterkunft in Iwaki gelebt, weit weg von seinem Tempel. Vor zwei Jahren hatte er nicht geglaubt, dass er je wieder zurückkehren kann.

Ob sich nach ihm noch jemand um den Tempel kümmern wird, Hayakawa weiß es nicht.
Ob sich nach ihm noch jemand um den Tempel kümmern wird, Hayakawa weiß es nicht.(Foto: n-tv.de/Nadja Kriewald)

Zusammen mit anderen Bewohnern von Naraha hatte Tokuo Hayakawa gegen den Kraftwerksbetreiber Tepco auf Entschädigung geklagt. "Das Einzige, was ich von Tepco will, ist meine Heimat zurück. Aber in der Realität geht das nicht. Deshalb sollen sie uns wenigstens so viel Geld geben, dass wir irgendwo anders ein neues Leben beginnen können."

Leben mit dem Dosimeter

Die heilige Buddhastatue hatte er damals in einem Schrank aufbewahrt. Jetzt hat er sie in den mehr als sechshundert Jahre alten Hokyoji-Tempel in Naraha zurückgebracht. Es ist ein ruhiger, friedlicher Ort, an einem Hang gelegen. Oberhalb sind die Gräber. Die Vögel zwitschern, ein kleiner Bach schlängelt sich über den Hof. Noch wenige Tage, dann werden die Kirschbäume blühen. Aber wirklich sicher fühlt sich der Mönch hier nicht. "Ich trage die ganze Zeit, seit ich hier bin, diesen Dosimeter", sagt er und zeigt Diagramme, auf denen seine tägliche Dosis Radioaktivität eingezeichnet ist. "Hier an den Tagen, wo die Balken so niedrig sind, da war ich außerhalb von Naraha, in Tokio oder Kyoto." Trotzdem ist er zurückgekommen. Er war unglücklich in der winzigen Notunterkunft, und außerdem will er sich um den Tempel kümmern. Hier gehöre er her.

Und dann zeigt er, wie die Dekontaminierung von statten ging. Ein paar Zentimeter Boden haben sie abgetragen. Auf großen Feldern sieht man riesige schwarze Säcke mit der radioaktiv verseuchten Erde. Überall in der Gegend sind sie aufgestapelt. Unzählige sind es. Doch nur der Garten wurde gereinigt und der Friedhof, aber nicht die Wälder drum herum. Auf einer Karte hat Mönch Hayakawa die Werte eingetragen. Im Garten sind sie noch relativ niedrig, aber weiter weg im Wald steigen sie schnell an.

Schon vor dem Unglück hatte Hayakawa gegen den Bau des Atomkraftwerkes protestiert, geholfen hat es nichts. Und noch immer kämpft er für eine angemessene Entschädigung. "Tepco und die Regierung haben die Aufhebung des Sperrgebietes nur veranlasst, um kein Geld mehr zahlen zu müssen", sagt er. "Es geht nur um die Olympischen Spiele – bis 2020 soll die große Atom-Katastrophe vergessen sein."

Doch für ihn wird sie noch lange nicht vergessen sein. Tokuo Hayakawa ist der 30. Mönch im Tempel hier in Naraha. Eigentlich wollte er seinen Enkelsohn fragen, ob er der 31. werden will. Doch jetzt wagt er sich nicht mehr, ihn zu fragen. "Hier können doch keine jungen Leute mit Kindern leben", sagt er traurig. Und geht auf seinen alten Holzschuhen zurück in den Tempel.

Quelle: n-tv.de

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