Panorama
Die halbzerstörte Kathedrale von Christchurch: Bis auf den herumliegenden Schutt sieht es hier heute noch fast genauso aus wie vor fünf Jahren.
Die halbzerstörte Kathedrale von Christchurch: Bis auf den herumliegenden Schutt sieht es hier heute noch fast genauso aus wie vor fünf Jahren.(Foto: Reuters)

Fünf Jahre nach dem großen Beben: Neuseelands dunkelster Tag

Von Julian Vetten, Christchurch

Am 22. Februar 2011 erschüttert ein gewaltiges Erdbeben die größte Stadt auf der neuseeländischen Südinsel: Das Epizentrum liegt direkt unter Christchurch, 185 Menschen sterben. Fünf Jahre später gedenken die Menschen der Toten - und schauen optimistisch in die Zukunft.

Bauzäune, überall Bauzäune. Wohin man seinen Fuß in der Innenstadt von Christchurch auch setzt, die mannshohen Metallgitter sperren fast immer irgendwo etwas ab. Dahinter erheben sich dann entweder halbzerstörte und ganz verfallene Häuser oder aber, was viel öfter der Fall ist, halbfertige Gebäude, auf deren Gerüsten Bauarbeiter herumwuseln. Die ganze Stadt ist erfüllt vom Baulärm, ein ständiges Hintergrundrauschen, das die 350.000 Bewohner der Südinsel-Metropole begleitet. Wer als Besucher durch die Straßen der Stadt streift, fühlt sich vielleicht am ehesten an den Osten Berlins Mitte der 2000er erinnert, als der Bauboom in der deutschen Hauptstadt seinem Höhepunkt entgegenstrebte. Die Hintergründe für das geschäftige Treiben könnten allerdings nicht weiter auseinanderliegen als die beiden Städte selbst.

Am 22. Februar 2011 erschütterte eines der folgenschwersten Erdbeben in der Geschichte des Landes die größte Stadt der Südinsel. Zwar war das Beben mit einer Stärke von 6,3 auf der Richterskala bereits relativ stark, aber erst eine Verkettung unglücklicher Umstände führte zu seinem verheerenden Ausgang: Das Epizentrum lag quasi direkt unter der Innenstadt, in einer Tiefe von gerade einmal fünf Kilometern. Außerdem bebte die Erde genau zur Mittagszeit, als sich gerade besonders viele Menschen auf den Straßen befanden. Erst Wochen später war das komplette Ausmaß der Katastrophe absehbar: Rund 80 Prozent der Innenstadt und insgesamt 100.000 Gebäude waren zum Teil schwer beschädigt, 185 Menschen verloren ihr Leben. "Dies ist Neuseelands dunkelster Tag", sagte Premier John Key damals.

Über 14.000 Erdbeben erschütterten die Region seit 2011 - rote Punkte markieren die Epizentren.

Fünf Jahre später ist Key wieder in der Stadt, genau wie Tausende andere, die gekommen sind, um sich zu erinnern und Blumen in den Avon River zu werfen, der die Innenstadt in zwei Hälften teilt. "Wir gedenken heute derer, die damals ihre Leben verloren haben. Gleichzeitig sehen wir aber auch, was wir in den vergangenen fünf Jahren alles erreicht haben und schauen voller Optimismus in die Zukunft", sagt der Premier in einer emotionalen Rede, als sich das Beben um genau 12:51 Uhr (0:51 Uhr deutscher Zeit) zum fünften Mal jährt.

Und der Mann hat Recht: Zwar sind ikonische Gebäude wie die neugotische Kathedrale immer noch genauso zerstört wie damals - bis auf das hohe braune Buschgras, das den Vorplatz überwuchert, wächst und gedeiht hier nichts - aber viele Orte in der Stadt sind kaum wiederzuerkennen. Die pragmatisch veranlagten Neuseeländer haben ihr Schicksal angenommen und treiben den Wiederaufbau ihrer Stadt mit Feuereifer voran: "Wir haben die Chance, aus den Trümmern von gestern eine moderne, erdbebensichere und grüne Stadt von morgen zu machen", sagte Ex-Bürgermeister Bob Parker vor fünf Jahren. Mittlerweile arbeiten 49.000 Menschen im Baugewerbe, mehr als doppelt so viele wie vor dem Erdbeben.

"Das größte Projekt, das unser Land je gesehen hat"

Parker ist nicht der einzige, der versucht, optimistisch in die Zukunft zu schauen. Mike Hosking, ein beliebter TV- und Radiomoderator, lenkt den Blick auf die ökonomischen Aspekte des Wiederaufbaus: "Das ist das größte Projekt, das unser Land je gesehen hat: ein 40-Milliarden-Dollar-Projekt, das mehrere Jahrzehnte überspannen wird und unser aller Erfahrung und Können herausfordert. Unsere Milchindustrie macht sieben Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus, Tourismus fünf - und Christchurch achtzehn." Natürlich hinkt der Vergleich etwas, schließlich umfassen die 40 Milliarden den gesamten Zeitraum des Wiederaufbaus, trotzdem regt Hosking ein imposantes Gedankenspiel an.

All diese Überlegungen rücken jedoch in den Hintergrund, wenn in Christchurch wieder einmal die Erde bebt - und das tut sie häufig: Über 14.000 Erdbeben wurden in der Stadt seit dem 22. Februar 2011 registriert, auch wenn die meisten davon kaum spürbar sind. Nur eineinhalb Wochen vor dem Jahrestag allerdings rief der Pazifische Feuerring, auf dem Christchurch liegt, den Einwohnern der Stadt in Erinnerung, womit er sich seinen Namen verdient hat: Ein Beben der Stärke 5,7 erschütterte die Stadt und versetzte ihre Bewohner in Panik. Glücklicherweise lag das Epizentrum diesmal vor der Küste in gut 31 Kilometern Tiefe und Christchurch kam noch einmal mit dem Schrecken davon: Lediglich eine Felswand vor dem Küstenvorort Sumner löste sich und donnerte ins Wasser. Und falls doch wieder einmal ein ähnlich verheerendes Beben wie vor fünf Jahren die Stadt heimsucht, ist Christchurch vorbereitet: Die Bewohner haben alles daran gesetzt, ihre Stadt zur erdbebensichersten der Welt zu machen - damit Neuseeland nie wieder einen so dunklen Tag wie damals erlebt.

Quelle: n-tv.de

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