Panorama
Sandra Jochheim (2.v.l.) freut sich mit den anderen Helferinnen über ein gut besuchtes Café.
Sandra Jochheim (2.v.l.) freut sich mit den anderen Helferinnen über ein gut besuchtes Café.

Das "System Blätterteig": Nicht jammern, machen!

Von Sabine Oelmann

In Sachen "Flüchtlingsproblematik" gibt es nur einen vernünftigen Weg: Mitmachen und gestalten. Wenn wir anderen überlassen, wie unser Land auszusehen hat, dann sind wir verloren. Aber wir können ja was tun - eine Möglichkeit erfahren Sie hier.

Sie sind bereits gekommen, sie kommen just in diesem Moment, sie werden weiterhin kommen: Menschen, die auf der Suche nach einem besseren Leben sind, aus welchen Gründen auch immer. Es gibt viele nachvollziehbare Gründe, sein Land zu verlassen: Krieg, Armut, Hunger, Vergewaltigung und Ungerechtigkeit stehen ganz oben. Dann gibt es noch die sogenannten "Wirtschaftsflüchtlinge", die tatsächlich nur von einem besseren Leben in einem anderen Land träumen. Auch nachvollziehbar. Mal abgesehen davon, dass es auch immer Menschen gibt, die ihr Land verlassen, weil sie einfach Lust haben auf Fremdes. So wie wir: wir schicken unsere Kinder nach Spanien oder Neuseeland, zum Sprachen und "fremde Kulturen kennenlernen". Wir finden das selbstverständlich, es ist "unser gutes Recht" und unsere Kinder sollen die besten Chancen haben.

Das könnte Ihr Kind sein!
Das könnte Ihr Kind sein!(Foto: imago/Gustavo Alabiso)

Trotzdem können einige nicht verstehen, dass andere Menschen auf unserem Mini-Planeten das so ähnlich sehen. Sicher, offene Grenzen sind eine Gefahr. Es werden auch ein paar schlimme Typen angeschwemmt in unser schönes Land. Als hätten wir selbst nicht schon genug schlimme Typen! Doch hier soll es gar nicht darum gehen, wie furchtbar manche unserer Mitbürger sind, es soll vielmehr darum gehen, wie man es anstellt, die  Angst vor "dem oder den Fremden" im eigenen Land abzubauen. Es ist ja richtig, dass wir, dass Deutschland, nicht unendliche Kapazitäten hat, um endlos Menschen aufzunehmen, dennoch müssen wir mit denen, die bereits da sind, einen Umgang  finden. Zum Beispiel, indem man ein Café eröffnet. So wie Sandra Jochheim, Unternehmensberaterin, Schwerpunkt Organisationsentwicklung. Als bei ihr um die Ecke in Berlin - Zehlendorf ein Containerdorf entstand, war klar, dass sie Kontakt zum Arbeiter-Samariter-Bund, dem Betreiber der Unterkunft, aufnehmen wollte. Ein Integrationscafé entstand, dass sie zusammen mit Freundinnen und Kolleginnen organisiert und betreibt. "Ich glaube, unser großer Vorteil ist, dass wir im Heim sind, und nicht außerhalb", so die 48-Jährige. "Und, dass wir eine verlässliche Anzahl von Mitmachern haben, die die Bewohner hier schon kennen und umgekehrt. Wir können uns gegenseitig vertrauen."

Ein typisches Containerzimmer ...
Ein typisches Containerzimmer ...(Foto: imago/Hans Scherhaufer)

In diesem Asylbewerberheim also, wo eine Gruppe von befreundeten Frauen - überwiegend berufstätige Mütter - sich um unsere sogenannte Willkommenskultur kümmert, ist schon viel passiert. Jedes Mal ist es anders, wenn dort die Küche geöffnet wird, um mit den Bewohnern, vor allem mit den Kindern, zu kochen, zu backen, zu quatschen, zu spielen, bei Alltagssorgen zu helfen. Am Anfang wurden die Frauen neugierig, aber auch ein wenig misstrauisch beäugt: Was wollen die hier? Sie brachten Lebensmittel und Küchengeräte, Regale, einen Kühlschrank und einen Ofen. Sie hatten die aussortierte Kleidung ihrer Kinder dabei, ein paar Teppiche, als es kälter wurde, Waffeleisen und Minipizzen.

Jungs backen nicht? Von wegen!

Wie gesagt, Jungs backen dann doch ganz gerne ...
Wie gesagt, Jungs backen dann doch ganz gerne ...

Am Anfang kamen die kleinen Jungs in die Küche und fragten: "Wann kriegen wir Pizza?" "Wenn ihr drüben aufgeräumt habt", antworteten die Frauen. "Jungs räumen nicht auf", sagten die Jungs. "Dann kriegen Jungs auch keine Pizza." "Wann sind die Kekse fertig?" "Wenn ihr helft, sie zu backen." "Wir backen nicht zusammen mit Mädchen", sagten die Jungs. "Dann bekommt ihr auch keine Kekse", sagten die Frauen, doch der Blick in den Augen der Mini-Machos, er flackerte schon unsicherer. Keine Stunde später standen sie in der Küche, die Jungs, mit klebrigen Fingern und glühenden Wangen. Es wurden jede Woche mehr. Auch ältere kamen. Typen, die eigentlich zu cool sind für die Küche, wurden angezogen vom Duft und der Lautstärke und der Möglichkeit, mit ein paar weiblichen Eingeborenen zu plaudern. Inzwischen waschen auch Männer ab, fegen das Café, und die Security-Herren kommen ebenfalls gern vorbei. Es kommen Rentner aus der Umgebung, die pragmatisch zupacken können, Ideen haben, und es werden immer mehr. Freundschaften entstehen, einen Job konnte man hier und da vermitteln, eine Wohnung, Kleidung, ein Sofa, ein Geburtstaggeschenk, Menschlichkeit, und der Kinderarzt verarztet hier nicht nur, er macht auch Musik.

Langsam verebbte die Frage der Anwohner vom Hohentwielsteig: "Wo bleiben die Syrer eigentlich?", denn in Berlin-Zehlendorf sind auch viele Kosovo-Albaner, Afghanen und Eriträer angekommen. Viele Menschen sind dabei, die sich vor ein, zwei Jahren noch größere Chancen auf's Bleiben ausrechnen konnten als jetzt, wo so viele nachkommen, denen es noch schlechter geht. "Wir können uns unsere Asylbewerber nicht aussuchen, wir nehmen die, die da sind", sagten die Helferinnen dann, und: "Wir kommen richtig gerne hierher in unser Café." Wie bitte? "Ja, wir haben zwar Extra-Arbeit, aber wir haben auch jede Menge Extra-Spaß." Hui, Spaß, ein Wort, das man im Zusammenhang mit der Flüchtlingsdebatte schon lange nicht mehr gehört hat.

Der Teig, der alles zusammen hält

Der Blätterteig - grundsätzlich ist für jeden etwas da ...
Der Blätterteig - grundsätzlich ist für jeden etwas da ...(Foto: imago/Westend61)

"Das Reden bringt einen näher. Und dass man miteinander lacht, weil man selbst mit Händen und Füßen nicht versteht, was der andere sagen will. Aber am Ende kommt doch etwas Gescheites raus", erzählen die Helferinnen. "Wir haben großes Glück, weil wir durch unseren Teamgeist vermitteln können, wie das bei uns hier funktioniert."Die Nachbarn, die am Anfang sicher ein bisschen zwiespältig waren, haben großartig dazu beigetragen, dass hier Hemmschwellen abgebaut werden. "Die Perspektive verändert sich, sobald man Kontakt miteinander hat", weiß Sandra Jochheim.

"Was können wir tun?" fragen sich momentan viele Bürger, die sich Sorgen machen und bestürzt darüber sind, wie AfD und Konsorten mit den Fremden umgehen. "Auch ein Café eröffnen", rät Sandra Jochheim lachend. Denn weil es fast nichts Völkerverbindenderes als Kochen und Essen und Spielen gibt, und weil zum Beispiel ein einfacher Blätterteig, der überall auf der Welt geschätzt wird, süß oder salzig sein kann, haben die Zehlendorfer Frauen ihr Café auch so genannt: "Café Blätterteig". Es geht sehr realistisch zu in diesem Containerdorf, und auch ein Café kann nicht beschönigen, dass die Situation der Geflohenen und die der Aufnahmeländer grenzwertig ist. Hier ist theoretisch nichts in Ordnung für den Einzelnen, das Leben eines jeden Menschen in so einem Heim wurde auf den Kopf gestellt, und doch hört man Lachen, eine Mutter, die ein Kind, das nicht ihres ist, ermahnt und ein anderes auf den Arm nimmt, weil es gerade von jemandem geärgert wurde. "Einige Eltern aus der Unterkunft haben wir hier noch nie gesehen", erzählen die "Blätterteig-Ladies", "das ist extrem schade. Aber peu à peu kommen immer mehr."

Seit Wochen verzeichnen die Betreiberinnen einen Aufwärtstrend: Einige Bewohner sprechen schon ein bisschen besser Deutsch, andere freuen sich, immer neue Leute kennen zu lernen - so, wie das in jedem anderen Café auch üblich ist. "Das "System Blätterteig" funktioniert", freut sich Sandra Jochheim. "Wir kommen voran. Themen wie Arbeitsvermittlung, Jobbörsen, Patenschaften übernehmen, zum Arzt begleiten, ins Museum oder die Philharmonie gehen, Talente von einzelnen Kindern und Jugendlichen, aber auch Probleme erkennen - das alles entsteht hier."

So funktionieren Unternehmen

Der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog forderte bereits 1997, dass ein Ruck durch Deutschland gehen müsse. "Der Ruck muss von "unten" kommen, von uns", sind sich die Frauen im Café einig: "Spenden ist super, aber die Sicht auf unser Land, von innen und von außen, hat sich geändert, weil wir selbst wieder mit anpacken und uns solidarischer verhalten." Es ist noch viel mehr Hilfe nötig, von den Unternehmen zum Beispiel, aber die Betreiberinnen wissen auch, dass die Mühlen der Bürokratie langsam mahlen. 

"Das hier ist wie ein Start-Up", fasst Sandra Jochheim zusammen. "Try and Error ist das Prinzip. Wir haben kein Generalrezept, aber es immer wieder zu versuchen und dabei Zeit, Geduld und Zuverlässigkeit zu demonstrieren ist ganz sicher ein Schlüssel, der irgendwann zum Erfolg führen wird." Und sie ergänzt: "Autonome Teams bilden, das könnte es tatsächlich sein - denn nur so funktionieren erfolgreiche Unternehmen." Nachmachen ausdrücklich erwünscht!

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Quelle: n-tv.de

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