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Kampusch-Interviews"Pakt mit späterem Ich"

07.09.2006, 07:47 Uhr

Natascha Kampusch hat während ihrer jahrelangen Verschleppung trotz Todesangst, Hunger und Verzweiflung die Hoffnung auf Flucht nie aufgegeben.

Natascha Kampusch hat während ihrer jahrelangen Verschleppung trotz Todesangst, Hunger und Verzweiflung die Hoffnung auf Flucht nie aufgegeben. In ihrem ersten TV-Interview knapp zwei Wochen nach der Flucht zeigte sich die 18-Jährige schlagfertig, selbstbewusst und sprachgewandt.

Kampusch schloss während des Interviews immer wieder ihre Augen. Sie trug Jeans und eine lila Hemdbluse und hatte ihre Haare mit einem ebenfalls lilafarbenen Tuch bedeckt. Das Interview mit dem Österreichischen Fernsehen (ORF) wurde am Mittwochabend auch bei RTL ausgestrahlt. Insgesamt haben sich nach Angaben des ORF rund 120 internationale Medienunternehmen die Senderechte gesichert.

"Ich habe mit meinem späteren Ich einen Pakt geschlossen, dass es kommen würde und das kleine Mädchen befreien", sagte die junge Frau. "Ich war nie einsam in meinem Herzen, meine Familie und glückliche Erinnerungen waren immer bei mir. Ich habe mir eines Tage geschworen, dass ich älter werde, stärker und kräftiger, um mich eines Tages befreien zu können", sagte die 18-Jährige. Auch in ihren Zeitungsinterviews sagte Kampusch: "Ich dachte nur an Flucht."

Ihr Entführer Wolfgang Priklopil habe sie durch Hunger gequält, aber ihre Kraft und Entschlossenheit nicht zerstören können. "Ich finde ja eher, dass ich stärker war", erklärte sie. "Er hatte einfach eine labile Persönlichkeit", sagte sie über den 44-Jährigen, der sie auf dem Schulweg verschleppte und mehr als acht Jahre in einem Kellerverlies gefangen hielt.

Ihre Flucht sei höchst riskant gewesen, sagte sie der österreichischen Zeitschrift "News" über ihr Freikommen vor zwei Wochen. "Ein Fehlversuch hätte die Gefahr bedeutet, nie mehr aus meinem Verlies herauszukommen", sagte sie. "Ich habe immer wieder getüftelt an dem Punkt, zu dem die Zeit reif ist."

Während ihrer Gefangenschaft habe sie an Herzrasen und Kreislaufbeschwerden gelitten "Ich habe klaustrophobische Zustände bekommen von dem Raum, und es war wirklich grauenvoll." Im ORF sagte sie, sie habe mit den Fäusten und mit Flaschen an die Wände geschlagen. Ihr Entführer habe sie erst nach einem halben Jahr aus dem Verlies hin und wieder ins Haus geholt. "Da durfte ich dann immer zum Waschen rauf. Also Baden im Badezimmer und so."

Priklopil habe sie in der Gefangenschaft sehr oft hungern lassen. Andererseits habe er mit ihr Geburtstag, Weihnachten und Ostern gefeiert und ihr Geschenke gemacht.

Als Priklopil sie im März 1998 in seinen Lieferwagen gezerrt habe, habe sie keine Angst gehabt. "Ich dachte mir: Der bringt dich sowieso um. Also kannst du deine letzten paar Stunden, Minuten oder was auch immer noch gezielt nützen, um wenigstens zu versuchen, irgendetwas daraus zu machen. Zu fliehen oder auf ihn einzureden oder so irgendwie."

Flüchten konnte sie schließlich, als sie in der Garage den Wagen ihres Entführers reinigte. "Ich bin panikartig in die Schrebergartensiedlung gerannt und habe Leute angeredet." Dabei sei sie wie in einem Actionfilm atemlos über Zäune gesprungen.

"Mir ist es schon wie eine Ewigkeit vorgekommen, aber real waren das etwa zehn bis zwölf Minuten", sagte Natascha der österreichischen "Kronen-Zeitung". Sie habe nicht nur um ihr Leben gefürchtet, sondern auch um das der Nachbarin, bei der sie Zuflucht suchte. "Ich hatte die Furcht, dass der Verbrecher diese Frau umbringt oder mich oder (uns) beide." Priklopil beging kurz nach der Flucht seiner Gefangenen Selbstmord.

Zu ihrer Zukunft sagte die 18-Jährige, sie wolle wieder zur Schule gehen und später studieren. Der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" sagte sie, sie wolle sich für Menschen einsetzen, denen ein ähnliches Schicksal widerfahren ist. Sie plane verschiedene Projekte. "Eines für Frauen in Mexiko, die vom Arbeitsplatz weg verschleppt, entführt, brutalst gefoltert und vergewaltigt werden. Dafür möchte ich mich einsetzen, dass das nie wieder passiert. Und ich möchte den Hungernden in Afrika helfen, weil ich nun aus eigener Erfahrung weiß, was Hunger ist. Und wie sehr er die Menschen entwürdigt. Wir lutschen fettfreie Zuckerln, aber die Leute dort verhungern. Das Wichtigste aber: Ich möchte allen denen helfen, denen das passiert, was mir passiert ist".

Mit ihrem psychologischen Betreuer sei sie in den letzten Tagen Eis essen gewesen, berichtete Natascha aus ihrem Leben nach der Flucht. Sie träume vom Reisen - einer Kreuzfahrt oder einer Fahrt nach Berlin. "Ich habe eher so Gedanken was mir alles entgangen ist: der erste Freund, alles Mögliche."