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Eine fette Party sieht anders aus? Vielleicht, aber hier geht es auch eher darum, dass die Geheimdienste sie nicht auf dem eigenen Computer feiern.
Eine fette Party sieht anders aus? Vielleicht, aber hier geht es auch eher darum, dass die Geheimdienste sie nicht auf dem eigenen Computer feiern.(Foto: picture alliance / dpa)
Donnerstag, 13. November 2014

Verschlüsselung für Anfänger: Party like it's 1983

Von Julian Vetten

Es gibt Begriffe, die sind so unsexy, dass unser Gehirn fast wie von selbst abschaltet. Verschlüsselung ist für die meisten Menschen einer von ihnen. Für Datenschützer ein gefährlicher Zustand, der leicht zu ändern wäre: durch den Besuch einer Cryptoparty.

Wer das "Büro für postmoderne Kommunikation" sucht, erwartet vielleicht nüchterne Amtsträume. Oder ein hippes Start-up, irgendwo in Berlin-Mitte, der Ironie wegen. Er findet: ein nach Pisse stinkendes Treppenhaus in einem Betonberg im Herzen Kreuzbergs, ausgeleckte Drogentütchen auf den Stufen und im zweiten Stock das "WestGermany": weiße Kacheln an den Wänden einer ehemaligen Zahnarztpraxis, Bierkisten auf dem Boden, Anarchie in der Luft. Und mittendrin knapp 30 Leute mit Laptops auf dem Schoß, die nicht wissen, wie man sich richtig anzieht.

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit

Mit ihrer äußeren Erscheinung hat das nichts zu tun. Das bunt gemischte Publikum im "WestGermany" entspricht keinem gängigen Nerd-Klischee, es sitzen mehr Frauen als Männer in der Runde und nirgendwo lungert Mate rum. Aber digital, da sind die Anwesenden ganz schöne Schlampen: "Die meisten Leute laufen im Internet nackt herum", sagt Michael Schmidt. Schmidt liebt Analogien und er braucht sie auch: "Ich persönlich ziehe mir ja lieber eine Hose an, bevor ich das Haus verlasse" konstatiert er und beugt sich über seinen Rechner, um den ohne Ausnahme bekleideten Anwesenden zu zeigen, wie das digital funktioniert.

Die nächsten Cryptopartys in Berlin

Fr, 14.11., 19-24 Uhr: b-Lage

Fr, 21.11., 20-24 Uhr: c-base

Mo, 24.11., 17:30-21 Uhr: SRZ

Mi, 03.12., 19-23 Uhr, Pierogarnia

Fr, 05.12., Thoughtworks Werkstatt

Den Menschen Zugang zu Datenverschlüsselung zu ermöglichen und damit das im Grundgesetz verankerte Recht auf Privatsphäre auch online adäquat umsetzen zu können, das ist das Ziel von ehrenamtlichen Aktivisten wie Schmidt. CryptoParty nennt sich die kostenlose Veranstaltungsreihe, die weltweit stattfindet und diese merkwürdige Unwucht in der Wahrnehmung von Privatsphäre im Internet und der Welt draußen aufheben soll.

"Es ist doch merkwürdig: Wenn jemand im echten Leben deinen Kleiderschrank durchwühlt, sagst du doch auch nicht 'Ich habe nichts zu verbergen', sondern du bist aus gutem Grund stinksauer", sagt Schmidt. "Online dagegen ist es das Argument Nummer eins, dicht gefolgt von 'Wir können doch eh nichts dagegen machen'." Klar, gegen einen geschickten Fahrraddieb oder Einbrecher sei man im Fall der Fälle ohnehin machtlos - trotzdem würde es kaum jemandem einfallen, das Rad über Nacht ungesichert draußen zu parken oder die Wohnungstür auf dem Weg in den Jahresurlaub offen stehen zu lassen.

"Keine Sicherungsmaßnahme, über die wir sprechen, ist perfekt", stellt Schmidt klar. Aber darum geht es auch gar nicht: "Je mehr Nutzer zumindest ein Grundmaß an Sicherheit einführen, desto mehr Arbeit bedeutet das für Geheimdienste und andere Organisationen, an Daten zu kommen - was gleichzeitig die Menge an Daten verringert, die überwacht werden kann."

Gegen den großen Bruder anfeiern

Und dieser Grundstock an Sicherheit ist erstaunlich schnell erreicht. Wer beispielsweise verschlüsselte E-Mails schreiben und empfangen möchte, muss lediglich zwei kostenlose Programme herunterladen und installieren: Gpg4win (Apple-Produkte: GPG Suite) erstellt und verwaltet die benötigten Schlüssel, der Mail-Client Thunderbird mit dem Addon Enigmail verwendet diese dann zur Kommunikation. Ausführliche Anleitungen helfen bei der Konfiguration der Programme - oder eben ein Besuch bei einer CryptoParty.

Im "WestGermany" leidet die am Anfang noch unter dem Vorführeffekt: Zu viele Besucher sind gekommen, die Verbindung bricht immer wieder zusammen. Die Gäste gehen das Problem pragmatisch an: Ein Stick mit den Programmen wird herumgereicht, Fremde helfen sich gegenseitig bei Fragen und vorne am Beamer steht Schmidt und lächelt: Hier lernen gerade 30 Menschen, wie sie ihr Recht auf Privatsphäre auch im Internet verteidigen.

"Party like it's December 31st, 1983" lautet der Leitspruch der CryptoPartys in Anlehnung an George Orwells düstere Dystopie. Gegen den Großen Bruder aus "1984" wollen Männer wie Schmidt anfeiern - wenn es sein muss, auch in einem Betonberg in Berlin-Kreuzberg, über einem nach Pisse stinkenden Treppenhaus mit ausgeleckten Drogentütchen auf den Stufen.

Quelle: n-tv.de

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