Panorama

Flugzeugunglück in MadridPassagiere wollten raus

22.08.2008, 18:09 Uhr

Die Besatzung des in Madrid abgestürzten Flugzeugs hat offenbar mehreren nach technischen Problemen besorgten Passagieren den Ausstieg aus der Maschine verweigert.

Kurz vor dem Absturz wollte ein Passagier die Spanair-Maschine in Madrid verlassen, wurde jedoch von der Besatzung daran gehindert. Der 45-jährige Rubn Santana schickte aus der Maschine seiner Frau eine SMS: "Man lässt mich hier nicht mehr raus. Es ist alles zu." Wie die Zeitung "El Pas" berichtete, war dies die letzte Nachricht, die die Familie von Santana erhielt.

Der Lkw-Fahrer war einer der 153 Menschen, die bei dem Unglück am Mittwoch auf dem Madrider Flughafen starben. Er hatte offenbar Angst bekommen, nachdem er von technischen Problemen an dem Flugzeug erfahren hatte. Der Pilot der Maschine hatte einen ersten Startversuch abgebrochen und war zum Terminal zurückgekehrt. Die Besatzung soll auch mehreren anderen Fluggästen den Wunsch zum Aussteigen verwehrt haben, berichtete die Zeitung "ABC".

Santana berichtete nach Angaben seines Sohnes vor dem Unglück auch, der Pilot habe wegen eines Schadens im linken Triebwerk zunächst nicht abheben wollen. Die Maschine war nach Angaben von Spanair vor dem Start wegen eines überhitzten Luftschachts unter dem Cockpit zum Gate zurückgekehrt. Diese Panne wurde nach Angaben der Fluggesellschaft behoben.

Offenbar fünf deutsche Opfer

Bei dem schlimmsten Katastrophe in der spanischen Luftfahrt seit 25 Jahren gibt es vermutlich ein weiteres deutsches Todesopfer. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes korrigierten die spanischen Behörden die Zahl der deutschen Opfer von vier auf fünf. "Wir gehen den Hinweisen mit Hochdruck nach", sagte der stellvertretende Sprecher des Ministeriums, Andreas Peschke, in Berlin. Die Angaben stünden unter dem Vorbehalt der endgültigen Identifizierung der Opfer, die noch einige Tage in Anspruch nehmen könne.

Gleiches gilt für eine Familie aus Pullach bei München. Ein Sprecher der Lufthansa bestätigte, dass das Ehepaar und seine beiden Söhne auf der Passagierliste der Maschine standen. Jedoch sei noch nicht mit letzter Sicherheit geklärt, ob die Deutschen auch an Bord waren.

Bei der Suche nach den Ursachen tauchten derweil neue Fragen auf. Entgegen bisherigen Annahmen war beim Start der Unglücksmaschine wohl kein Triebwerk in Brand geraten. Dies geht aus dem Videofilm hervor, den eine Kamera der staatlichen Flughafengesellschaft AENA aufgenommen hatte. Auf dem Film sei weder ein Feuer noch eine Explosion in einem Triebwerk zu erkennen, berichteten spanische Medien.

Vermutungen über Unfall-Ursache

Die Maschine sei erst in Flammen aufgegangen, als sie auf die Erde aufschlug und zerschellte. Bisher hatte es als ziemlich sicher gegolten, dass beim Start der Maschine am Mittwoch ein Triebwerk Feuer fing. Dieser Brand, so war vermutet worden, könnte eine Kettenreaktion ausgelöst haben, die zum Absturz der zweistrahligen Maschine führte.

Allerdings sind die Bilder auf dem Videofilm von schlechter Qualität. Die zivile Luftfahrtbehörde äußerte die Vermutung, von einem Triebwerk könnten beim Start Teile abgeflogen sein, die das Leitwerk beschädigt haben könnten. Der Direktor der Behörde, Manuel Bautista, sagte laut "El Pas": "Der Ausfall eines Triebwerks kann nicht die Ursache des Unglücks gewesen sein. Da müssen mehrere Faktoren zusammengekommen sein. Außerdem ist es nicht einmal sicher, ob ein Triebwerk ausgefallen ist."

Der Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt sagte im Bayerischen Rundfunk, beim Unfall eines Verkehrsflugzeugs kämen "im Schnitt sechs bis sieben Ursachen" zusammen.

"Organisatorisches Chaos"

Die zweistrahlige Maschine vom Typ MD-82 hatte beim Start zum Flug nach Gran Canaria nur etwa 50 Meter abgehoben. Sie neigte sich dann zur Seite, schlug neben der Startbahn mehrmals auf den Boden auf und stürzte in ein ausgetrocknetes Flusstal. Dort ging das Flugzeug in Flammen auf.

"El Mundo" berichtete, die Pilotengewerkschaft SEPLA habe sich bei der Konzernführung von Spanair in den vergangenen Monaten mehrfach über das "organisatorische Chaos" in dem Unternehmen beschwert. Das Durcheinander habe ein solches Ausmaß angenommen, dass die Sicherheit der Flüge in Gefahr sei, heiße es in einem Schreiben der Gewerkschaft. SEPLA-Chef Jos Mara Vzquez, selbst ein Spanair-Pilot, distanzierte sich von dem Schreiben. "Es ist eine Ungeheuerlichkeit, das Unglück auf die finanziellen Schwierigkeiten des Unternehmens zurückzuführen."

Ein mit den Ermittlungen beauftragter Staatsanwalt äußerte die Erwartung, die Unglücksursache könne innerhalb eines Monats festgestellt werden. Mit Rücksicht auf die Familien der Opfer dürfe es nicht länger dauern, bis man Klarheit geschaffen habe, sagte Staatsanwalt Emilio Valerio dem Radiosender Cadena SER. Die spanische Regierung sagte eine umfassende Aufklärung der Umstände zu. Am 1. September soll eine Trauerfeier für die Opfer stattfinden.