Panorama
Wer sich online kennenlernt, der verschweigt das später gerne.
Wer sich online kennenlernt, der verschweigt das später gerne.(Foto: picture alliance / dpa)
Sonntag, 19. Oktober 2014

Vorurteile gegen Partnerbörsen: Per Klick zum Partner ist immer noch peinlich

Von Franziska Klaren

Millionen Paare haben sich hierzulande im Internet kennengelernt. Vielen ist es peinlich, sie schweigen darüber. Irgendwie ist die Geschichte von dem zufälligen Treffen im Supermarkt sozial verträglicher. Aber nicht mehr lange.

"Das Besondere an mir ist, dass ich ein heißer Ritt durch die Wüste bin" - vielleicht etwas verwegen, aber wenigstens kein 08/15-Spruch, mit dem der Single in einer prominenten Online-Partnerbörse punkten will. Ein anderer verrät, dass er "schon von einer Fürstin geküsst wurde" und ein dritter verträumt nicht sein Leben, sondern er lebt seinen Traum, na klar.

Mit Sprüchen wie diesen suchen Millionen Internet-Nutzer in Deutschland online nach einem Flirt, einem Date und vielleicht sogar nach der großen Liebe: Laut einer aktuellen Umfrage des Hightech-Verbands Bitkom hat schon jeder sechste Internet-Nutzer ab 14 Jahren in Singlebörsen oder Dating-Apps nach Partnern gesucht. Das entspricht immerhin neun Millionen Bundesbürgern. Und ein Drittel von ihnen hatte sogar Erfolg, nämlich ganze 36 Prozent.

Video

Die frischen Zahlen belegen: Das Internet als Dating-Plattform gehört längst genauso zu unserer Flirt-Lebenswirklichkeit, wie das Fitnesstudio oder das Dinner bei Freunden. Trotzdem verschweigen viele Paare, dass sie sich online kennengelernt haben.

Komische Blicke

"Mir ist es unheimlich peinlich zu erzählen, dass ich meinen Mann übers Internet kennengelernt habe", schreibt eine Userin bei gofeminin.de. Sie fragt nach Tipps, damit umzugehen. Eine andere pflichtet ihr bei. Sie berichtet, nach der "Beichte Online-Dating" habe sie von Bekannten bereits mehrfach komische Blicke geerntet. Aber warum diese Geheimnistuerei, wenn wir doch heute alles im Internet machen und suchen - egal, ob Sprachkurs, Rechtsbeihilfe oder eben den Traumpartner?

Viele Menschen verbinden mit dem Online-Dating immer noch ein Offline-Scheitern, nach dem Motto: Die Online-Dater kriegen keine "im richtigen Leben". "Totaler Quatsch", sagt Klemens Skibicki von der Cologne Business School. Er plädiert für mehr Pragmatismus: "Online-Dating erleichtert und erweitert das Suchen und Finden enorm. Wenn ich früher jemanden zum Knutschen gesucht habe, dann hab ich da einen halben Abend für gebraucht. Mit Apps wie "Tinder" oder "Happn" geht das heute auf einen Blick. Ist doch schonmal grundsätzlich toll." Das dürften die einsamen Herzen ähnlich sehen.

Gegen Vorurteile müssen "Online-Paare" genauso ankämpfen wie die Branche, der sie die neue Beziehung verdanken. Beide wehren sich gleichermaßen dagegen, dass Parship, Elitepartner und Co nur ein Treffpunkt der Verzweifelten ist.

Natürlich werden sich auch dort Menschen einloggen, die verzweifelt die Liebe suchen. Das muss aber nicht so sein. Und wer Wildfremde auf der Straße, an der Wursttheke oder im Waschsalon anspricht, kann genauso verzweifelt sein. Offenbar zählt die Verzweiflung online doppelt.

Liebe zwischen 1 und 0

Bleibt bei Computer-Algorithmen und Matching-Punkten die Romantik auf der Strecke? Es ist alles andere als sexy, sich erstmal durch den obligatorischen Persönlichkeitstest in Partnerbörsen zu klicken, um anschließend auf die Mail von der Person mit der "größtmöglichen Übereinstimmung" zu warten. Aber es ist "unheimlich clever", sagt Skibicki: "Primitive Geschlechtsmerkmale werden hier ja erst einmal ausgeblendet. Erst wenn man in den wesentlichen Werten übereinstimmt, kriegt man den Gegenüber in der Partnerbörse zu sehen."

Und mal ehrlich, die Wursttheke, die ist auch nicht zwangsläufig romantisch, oder? Und wenn es gefunkt hat, dann darf jeder das Rote-Rosen-Programm auf ganzer Breite auffahren.

Die Liste der Vorurteile ließe sich unendlich fortführen - noch. In Zukunft werden sie sich zunehmend verflüchtigen, glaubt Skibicki. "Das Internet und auch das Phänomen Online-Dating verändert gesellschaftliche Normen." Es dauere eben eine gewisse Zeit, bis dieser Prozess abgeschlossen ist.

Schon in wenigen Jahren wird die Liebe aus dem Netz wohl nicht mehr verpönt sein. Vielleicht ist es dann schon wieder peinlich, sich ganz altmodisch und offline im Büro kennengelernt zu haben.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen