Panorama

Ohrfeigen-GeständnisPfarrer kritisiert Mixas späte Reue

17.04.2010, 15:04 Uhr

Der Augsburger Bischof Walter Mixa hat "die eine oder andere Watsch'n" verteilt und diese Züchtigung nun auch eingeräumt. Zu spät, kritisiert sein Nachfolger, Stadtpfarrer Josef Beyrer von Schrobenhausen. Derweil verkündet Filmemacher Volker Schlöndorff, die Missbrauchs-Debatte nicht nachvollziehen zu können. Das Treiben der katholischen Kirche sei nichts gegen missbrauchte Straßenkinder in Kiew.

2qga2507-jpg1225936203260657662
Mixa schließt nicht mehr aus, dass er Kinder geohrfeigt hat. (Foto: dpa)

Nach dem Ohrfeigen-Geständnis des Augsburger Bischofs Walter Mixa hat dessen Nachfolger, Stadtpfarrer Josef Beyrer von Schrobenhausen, den Bischof kritisiert. "Es wäre hilfreich gewesen, wenn Mixa seine Handgreiflichkeiten 14 Tage früher eingeräumt hätte", sagte Beyrer. Nach Misshandlungsvorwürfen von ehemaligen Heimkindern in Schrobenhausen hatte Mixa erklärt, er habe niemals Gewalt gegen Kinder und Jugendliche angewendet. Am Freitag hatte er dann eingeräumt, als Stadtpfarrer Ohrfeigen ausgeteilt zu haben.

Inzwischen liegen sieben eidesstattliche Erklärungen früherer Heimkinder vor, die Mixa in seiner Zeit als Stadtpfarrer von Schrobenhausen (1975-1996) brutale Prügelattacken vorwerfen. Der Schrobenhausener Sonderermittler Sebastian Knott hatte von einem weiteren Fall berichtet, bei dem Mixa 1976 einen damals 16-Jährigen "mit voller Wucht brutal ins Gesicht" geschlagen haben soll. Dies habe der Betroffene ebenfalls in einer eidesstattlichen Erklärung bekräftigt.

Mixa hat über einen Münchner Rechtsanwalt dem Sonderermittler mitgeteilt, er stehe nach wie vor zu einem Gespräch mit den mutmaßlichen Opfern zur Verfügung. Das lehnen diese aber ab. Ein 47- jährige Frau sagte der Nachrichtenagentur dpa, sie sei auf keinen Fall zu so einem Gespräch bereit und wisse von anderen Betroffenen, dass sie das Gesprächsangebot gerade nach Mixas Ohrfeigen-Geständnis ablehnen.

Schlöndorff versteht Debatte nicht

Der Filmemacher Volker Schlöndorff bezeichnete die Diskussion um Misshandlungen und Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche derweil als "Hysterie". In der Sendung "3 nach 9" von Radio Bremen sagte der 71-Jährige: "Ich kann das alles überhaupt nicht nachvollziehen, diese ganze Hysterie, die im Augenblick stattfindet, weil es irgendwo ein paar Watschen gegeben hat."

"Alles was mit Sexualität zu tun habe, wird auf einmal wieder verteufelt", kritisierte Schlöndorff. Auf die Frage, ob der Zölibat den Missbrauch in der katholischen Kirche fördere, sagte er: "Ich habe mich um Straßenkinder in Kiew gekümmert, und ich kann Ihnen sagen, wie die in den russischen Anstalten malträtiert und vor allen Dingen missbraucht worden sind, da ist die katholische Kirche nichts dagegen."

"Jeder einzelne von uns hat Triebe"

Der politisch engagierte Regisseur ("Die verlorene Ehre der Katharina Blum", "Die Blechtrommel") war selbst Schüler in einem französischen Jesuiteninternat. Er drehte 1966 als ersten Film "Der junge Törless" nach Robert Musil über das Leiden eines Internatsschülers.

"Sicher, überall auf der Welt gibt es furchtbare Dinge, die passieren", sagte Schlöndorff. "Aber das Wichtigste ist doch, dass wir alle durch 'ne Pubertät gehen, dass vor allen Dingen Jungs eben eine Neugier haben und einen Hormonschub haben und wie auch immer und das Ganze mit Machtspielen verbunden ist", meinte er. "Ich finde das irgendwie schamlos und überflüssig, wie das jetzt in so 'ne Hysterie umkippt. Wir müssen doch zugeben: Jeder einzelne von uns hat doch Triebe und die beherrscht er oder die beherrscht er nicht."

"Viele Opfer in akuter Krise"

Die seit drei Wochen geschaltete Hotline der katholischen Kirche für Missbrauchsopfer wurde schon für rund 1300 Gespräche genutzt. Für den Leiter der Hotline, Andreas Zimmer, ist klar: "Viele Opfer sind in einer akuten Krise." Die geschilderten Vorfälle liegen meist 25 bis 40 Jahre zurück, sagte Zimmer. "In den Gesprächen wird aber deutlich, dass sie heute noch darunter leiden." Oft werde professionelle Hilfe nachgefragt. Die kostenlose Hotline (0800- 1201000) ist immer dienstags, mittwochs und donnerstags von 13.00 bis 20.30 Uhr besetzt.

Die Anrufe kommen aus ganz Deutschland. Wobei aus Städten mehr eingehen als aus dem ländlichen Raum, sagte Zimmer. Anrufversuche wurden auch aus aller Welt registriert: aus den USA, Marokko, Schottland, Laos und Schweden. Nach einem großen Run auf die Hotline in der ersten Woche habe sich die Situation jetzt entspannt. "Wir rechnen jetzt mit 450 bis 470 Gespräche in der Woche." Die Hotline ist bis September 2011 geschaltet.

Gespräche bleiben geheim

Den meisten Anrufern sei es wichtig, "dass ihre Erfahrung verzeichnet wird, dass sie nicht verloren geht", sagte Zimmer. Mehrfach sei es auch vorgekommen, dass gewünscht wurde, den Täter noch einmal zu treffen. "Das kann zum Abschließen führen." Je nach Fall sei das Anliegen an die betreffenden Diözesen weitergegeben worden. Die Mehrheit der Anrufer sei 45 Jahre und älter. Eine strafrechtliche Verfolgung sei meist nicht mehr möglich.

Zeitweise kam die Hälfte der Anrufe von früheren Heimkindern, berichtete Zimmer. Die Vorwürfe richteten sich gegen Nonnen, die die damaligen Kinder körperlich schwer misshandelt haben sollen. Alle Gespräche, die meist zwischen 20 und 60 Minuten dauern, werden zwar protokolliert, bleiben aber geheim. "Der Anrufer behält immer die Kontrolle über das, was geschieht", betonte Zimmer. Viele Opfer sagten, dass sie froh waren, anrufen zu können.

Quelle: dpa