Panorama

S-Bahn-Mord unter ZeugenPolizei ermittelt vorerst nicht

16.09.2009, 11:50 Uhr

Etwa 15 Menschen haben sich nach Angaben der Polizei auf dem Bahnsteig befunden, als der 50-jährige Mann von zwei Jugendlichen zu Tode geprügelt wurde. Polizei und Staatsanwaltschaft wollen aber vorerst nicht ermitteln.

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Schock und Trauer: Menschen an dem Ort, an dem der Mann zu Tode geprügelt wurde. (Foto: dpa)

Zwei junge Männer prügelten ihr Opfer am helllichten Tag auf einem Bahnsteig zu Tode - doch trotz verschiedener Hilferufe soll keiner der anwesenden Zeugen eingegriffen haben. Die Polizei will sich aber vier Tage nach der tödlichen Attacke auf einen Geschäftsmann in München nicht auf die Spekulationen über angeblich feige Beobachter einlassen.

Derzeit werde nicht wegen unterlassener Hilfeleistung ermittelt, sagte eine Polizeisprecherin. "Wir wollen jetzt erst einmal die Zeugen hören, die uns die Geschichte so erzählen, wie sie sie erlebt haben. Das kann man nicht einfach so sagen, dass jemand nicht geholfen hätte."

Medienberichten zufolge wurden während der Attacke am vergangenen Samstag mehrere Zeugen vergeblich aufgefordert, einzugreifen und zu helfen. Bereits am vergangenen Montag hatte die Polizei von 15 Zeugen am Tatort gesprochen.

Staatsanwalt Laurent Lafleur sagte der "Süddeutschen Zeitung" zum Verhalten der Passanten, die Staatsanwaltschaft sei wie auch in anderen Fällen angehalten, nur eine "rechtliche Bewertung" vorzunehmen. Eine "moralische Bewertung" sei eine ganz andere Sache.

Notrufsäule nicht funktionstüchtig

Unterdessen wurde bekannt, dass die Notruf-Säule S-Bahnhof Solln seit ihrem Aufbau vor fünf Jahren nicht funktionstüchtig ist. Das räumte nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung die Deutsche Bahn (DB) ein. Demnach schob eine Bahn-Sprecherin die Schuld auf den privaten Mitnutzer der Bahnanlagen, die Bayerische Oberlandbahn (BOB). Die BOB habe sie ohne Absprache mit der DB illegal aufgebaut, so der Vorwurf.

BOB-Chef Heino Seeger entgegnete, sein Unternehmen sei vertraglich dazu verpflichtet gewesen, die Säulen aufzubauen. Doch wegen technischer Probleme und weil sich die DB in Vertragsverhandlungen so "unfreundlich" gezeigt habe, sei die Säule vor etwa fünf Jahren zwar angeschlossen, aber nicht eingeschaltet worden. "Wenn es nach uns ginge", so Seeger, "wäre sie schon seit Jahren im Einsatz." Wie Bahn und BOB einräumten, funktionieren die Notrufanlagen an rund 20 weiteren Bahnhöfen nicht, die die BOB anfährt.

Bericht über Festnahme

Zwei 17 und 18 Jahre alte Jugendliche hatten am Samstag auf dem S-Bahnhof einen 50 Jahre alten Geschäftsmann zu Tode geprügelt. Der Mann hatte eine Gruppe von Kindern vor den Schlägern beschützen wollen. Die beiden mutmaßlichen Täter und ein weiterer 17-Jähriger, der kurz vor der Attacke mit einer anderen S-Bahn davongefahren war, die Kinder aber ebenfalls angegriffen hatte, waren der Polizei bekannt. Alle drei waren bereits mehrfach wegen Straftaten wie Diebstahl oder Drogenbesitz aktenkundig geworden.

Berichten der "Bild"-Zeitung zufolge sollen die beiden 17-Jährigen nur sechs Tage vor dem tödlichen Angriff brutal auf einen Rentner losgegangen sein und versucht haben, ihn auszurauben. Erst am 7. September seien die beiden festgenommen, später aber wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Die Staatsanwaltschaft war für einen Kommentar zu den Berichten zunächst nicht zu erreichen.

Gedenkgottesdienst

Auch die politische Diskussion um Konsequenzen aus dem Vorfall dauert an. Der CSU-Bundestagsabgeordnete Peter Gauweiler forderte in der "Bild"-Zeitung Schutzpersonal für jeden S-Bahn-Wagen. Zur Finanzierung schlug er vor, einen Sicherheitsaufschlag von zehn Cent pro Fahrschein einzuführen. Die bayerische Rechtspolitikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) nannte im Deutschlandradio Kultur eine stärkere Polizeipräsenz als das wirkungsvollste Mittel gegen Jugendgewalt. Sie widersprach zugleich den Forderungen des bayerischen Koalitionspartners CSU nach einer Verschärfung des Jugendstrafrechts.

Am Abend wurde der mutige Einsatz des Ermordeten mit einem ökumenischen Gedenkgottesdienst in der Nähe des Tatorts am S-Bahnhof gewürdigt. Die Andacht sollte dazu ermutigen, auch künftig mit Zivilcourage für den Schutz anderer Menschen einzustehen, betonten evangelische und katholische Kirche.

Quelle: dpa