Panorama
Die Behindertenwerkstatt verfügte über keine Sprinkleranlage.
Die Behindertenwerkstatt verfügte über keine Sprinkleranlage.(Foto: dapd)

Brand in Titisee-Neustadt: Polizei identifiziert Todesopfer

Noch immer ist unklar, wie es zu der Tragödie in einer Behindertenwerkstatt im Schwarzwald kommen konnte. Derweil schließen die Retter die Bergungsarbeiten in dem Gebäude ab und verkünden die traurige Nachricht: Im Rauch haben 13 Behinderte und eine Betreuerin ihr Leben gelassen.

Video

Unter den 14 Todesopfern der Behindertenwerkstatt sind zehn Frauen mit Handicaps im Alter von 28 bis 68 Jahren sowie drei Männer mit Behinderungen zwischen 45 und 68 Jahren. Bei dem Brand kam am Montag in Titisee-Neustadt auch eine 50-jährige Betreuerin ums Leben, wie die Polizei in Freiburg mitteilte.

"Angaben zur Unglücksursache können noch nicht genannt werden, da die akribisch geführten Untersuchungen noch nicht abgeschlossen sind", hieß es in einer Mitteilung der Polizei. Die Polizei sowie die betroffenen Behörden und Institutionen planen für den Nachmittag eine Pressekonferenz, um die Öffentlichkeit zu informieren.

In Titisee-Neustadt planen nun die Kirchen und die Gemeinde eine Trauerfeier. "Es gibt ein großes Bedürfnis der Hinterbliebenen und der Bürger, gemeinsam Abschied zu nehmen", sagte Bürgermeister Armin Hinterseh. Auch die Rettungskräfte hätten diesen Wunsch geäußert. Voraussichtlich diesen Samstag werde es in Titisee-Neustadt einen ökumenischen Gottesdienst geben. Unverändert groß ist das Bedürfnis nach Hilfe. Die nach dem Brand eingerichtete Telefon-Hotline im Rathaus der 12.000 Einwohner zählenden Gemeinde werde häufig gewählt.

Jeder Flughafen hat eine Sprinkleranlage

Indessen hat eine Debatte über bessere Brandschutzbestimmungen in Behinderten- und Pflegeheimen begonnen. Die Deutsche Hospiz Stiftung forderte in der "Neuen Osnabrücker Zeitung", soziale Einrichtungen müssten innerhalb der nächsten vier Jahre mit Sprinkleranlagen ausgerüstet werden. "Was für die deutschen Flughäfen gilt, muss gerade für Einrichtungen der Pflege- und Behindertenfürsorge gelten", sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch. Menschen mit Behinderungen hätten keine Chance, sich selbst zu retten. In der Caritas-Werkstatt in Titisee-Neustadt gab es keine Löschanlage.

Bundesbauminister Peter Ramsauer müsse sich dringend für schärfere Vorschriften einsetzen, verlangte Brysch. Die Betreiber von Pflege- und Behindertenheimen rief er dazu auf, nicht zu warten, bis die Politik ihnen Richtlinien vorgebe. "Sie sollten die Sicherheit selbst in die Hand nehmen." Die derzeitigen Zustände seien "unerträglich", es gebe jeden Monat neue Brandtote. Betreiber und Bauminister wollten der Bevölkerung offenbar "vorgaukeln", dass Brandtote in solchen Einrichtungen ein unausweichliches Lebensrisiko seien.

Der Pflegeexperte der Union im Bundestag, Willi Zylajew, wies Forderungen nach schärferen Vorgaben zurück. "Die Brandschutzvorschriften für Pflege- und Behinderteneinrichtungen sind ausgesprochen hoch, somit absolut ausreichend und werden meist auch korrekt eingehalten", sagte Zylajew der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Gleichwohl mahnte der CDU-Politiker im Fall des Brandes in der Werkstatt eine "sofortige und rückhaltlose" Aufklärung an.

Beileidsbekundungen aus Europa

Winfried Kretschmann informierte sich vor Ort über die Lage.
Winfried Kretschmann informierte sich vor Ort über die Lage.(Foto: REUTERS)

Das Unglück löste bundesweit Entsetzen und Trauer aus. Bundeskanzlerin Angela Merkel erkundigte sich laut Regierungssprecher Steffen Seibert bei dem  Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, über die Katastrophe. "Sie ist tief erschüttert, sprachlos und fassungslos angesichts dieser schrecklichen Ereignisse", sagte Kretschmann.

Er und Landesinnenminister Reinhold Gall waren mit einem Hubschrauber zum Unglücksort geflogen, der rund 40 Kilometer östlich von Freiburg im Breisgau liegt. "Der Brand ist eine Katastrophe für die Betroffenen, für den Ort und ganz Baden-Württemberg, sagte Kretschmann. "Solche Schicksalsschläge sind schwer zu verkraften." Er dankte den Einsatzkräften, die so rasch zur Stelle gewesen seien.

Bundespräsident Joachim Gauck sagte zum Abschluss seines Antrittsbesuchs in Nordrhein-Westfalen: "Ich denke an die armen Menschen, die Opfer zu beklagen haben." Auch EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso drückte sein Beileid aus. "Die Neuigkeiten von dem Feuer in der Behindertenwerkstatt in Titisee-Neustadt erfüllen mich mit Kummer und Trauer", ließ Barroso in Brüssel mitteilen.

Panik in den Flammen

Alarmiert wurde die Feuerwehr über eine Brandmeldeanlage in dem Gebäude. Kurz danach riefen zahlreiche Nachbarn über den Notruf an und berichteten von dichtem Rauch. Als Feuerwehrleute eintrafen, seien ihnen schon viele Menschen in Panik entgegengelaufen. "Wir haben es mit Menschen zu tun, die naturgemäß nicht rational reagieren", sagte Kreisbrandmeister Widmaier. Etwa 300 Feuerwehrleute, Sanitäter und Polizisten waren am Brandort im Einsatz. Rettungshubschrauber flogen zur Unterstützung ein.

In der Caritas-Werkstatt arbeiten bis zu 120 Menschen mit Behinderungen. Für Gerettete, Angehörige und Einsatzkräfte richtete die Einsatzleitung einen Betreuungsstützpunkt ein. Dort kümmerten sich Psychologen um etwa 100 Menschen, wie ein Polizeisprecher sagte.

Beim Deutschen Caritas-Verband herrschte große Trauer und Verwirrung. "Man versteht nicht, was passiert ist. Man kann sich das nicht erklären", sagte Sprecherin Claudia Beck. Die Werkstatt ist eine Einrichtung des Freiburger Caritas-Verbandes. Sie wurde 1979 gegründet und vor sechs Jahren grundlegend saniert und um einen Neubau erweitert. In dem Neubau war das Feuer ausgebrochen.

Die überlebenden Behinderten mussten zunächst in andere Einrichtungen. Auch sie wurden noch in der Nähe des Unglücksorts, in einem evangelischen Gemeindehaus, psychologisch betreut.

Quelle: n-tv.de

Video-Empfehlungen
Empfehlungen