Panorama

Leben zwischen den Ruinen Port-au-Prince berappelt sich

11.02.2010, 12:46 Uhr
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Port-au-Prince: Ein öffentlicher Bus bemalt mit dem Gesicht des US-Präsidenten. (Foto: AP)

Es scheint, als gebe es in Haiti nur ein Vor oder ein Danach: Der Tag des schweren Bebens ist zu einer Zeitenwende geworden. Nur langsam kommen die Menschen im Heute an.

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Die Menschen versuchen, zurück in die Normalität zu finden. (Foto: AP)

Vor dem Nachtclub Flamingo in Port-au- Prince langweilen sich Prostituierte in schulterfreien Tops und engen Shorts. Süßliche Karibik-Musik dringt aus dem Inneren und mischt sich mit dem Generator-Brummen. "Bald wird hier wieder getanzt werden", meint der Türsteher. "Nicht dieses Wochenende, aber vielleicht schon nächstes. Tanzen hilft, die Katastrophe zu vergessen." Mit jedem Tag, den das verheerende Erdbeben weiter zurückliegt, mehren sich in Haiti die Anzeichen für Normalität. Die Leichenberge sind abtransportiert und in Baggergruben vor der Stadt unter die Erde gebracht. Die Überlebenden improvisieren ihr neues Leben zwischen den Ruinen.

Es ist nicht ganz so viel kaputt, wie manche Medien es glauben machen. Port-au-Prince wurde nicht dem Erdboden gleichgemacht. Ganze Häuserreihen stehen scheinbar unbeschadet da. Umso brutaler wirkt es, wenn mittendrin ein mehrstöckiges Haus in sich zusammengesackt ist. Nicht wie ein Kartenhaus, sondern so, dass das Dach nun auf dem Boden des Erdgeschosses liegt, und die Wände zu Mauerbrocken zerfallen sind. Auch mehr als drei Wochen nach dem Beben der Stärke sieben sind in vielen Fällen noch keine Bulldozer vorbeigekommen.

Verwesungsgeruch kriecht aus den Trümmern

Wie viele Menschen in den Trümmern umgekommen sind und ungeborgen bleiben, wird sich nie herausfinden lassen. Noch immer dringt aus manchen meterhohen Schutthaufen penetranter Verwesungsgeruch. Viele tragen ein Bandana-Tuch um den Hals, das sie bei Bedarf über die Nase ziehen; es hilft gegen den Gestank und gegen den Staub, wenn irgendwo Bagger im Einsatz sind. Einige haben einen Mundschutz, den sie auf die Stirn schieben, wenn sie ihn nicht brauchen. Selbst Schlafbrillen aus dem Flugzeug dienen als Filter gegen die von atemberaubender Zerstörung getrübte Luft.

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Manche Gebäude sind so in sich zusammengefallen, dass das Dach nun auf dem Grundriss zu liegen scheint. (Foto: dpa)

Das ist neu in Haiti: Die Katastrophe hat ausnahmsweise nicht nur die Ärmsten der Armen getroffen. Die Wirbelstürme der vergangenen Jahre haben zuerst die Hütten in den Slums überschwemmt. Beim Erdbeben hatten die leichten Wellblechbauten noch die besten Chancen, stehenzubleiben. Vom Luxus-Hotel Montana mit seinen fünf Etagen dagegen ist nur eine Art Blätterteig aus Betonplatten übriggeblieben. Der dem Weißen Haus nachempfundene Präsidentenpalast wirkt mit seinen verrutschten Dachhauben wie eine auseinanderfallende Sahnetorte.

Kein Unterschied zwischen Arm und Reich

"Keine Besucher! Helm tragen!" hat jemand in grellem Orange auf eine der wenigen stehengebliebenen Mauern des Hotels Montana gesprüht. Beinahe hätte es hier auch den deutschen Botschafter Jens-Peter Voss erwischt. Weil die Residenz gerade renoviert wird, lebte Voss seit Monaten im Hotel. Als die Erde bebte, wurde in der Botschaft noch gearbeitet, alle Mitarbeiter blieben unverletzt. "Wir hatten großes Glück hier zu sein", sagt der gebürtige Hamburger. Er spricht leise und raucht viel. Hotelbesitzerin Nadine Cardoso-Riedel, die mit einem Deutschen verheiratet ist, wurde nach fünf Tagen schwer verletzt geborgen und nach Santo Domingo ausgeflogen.

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Mr. Alright, wie sich der Hausmeister des Montana nennen ließ, bewacht heute gemeinsam mit US-Soldaten den Eingang zu dem komplett zerstörten Hotel. (Foto: dpa)

"Ich weiß selbst nicht, wie ich aus dem Hotel hinausgekommen bin", sagt der ehemalige Hausmeister, der nun gemeinsam mit US-Soldaten am Hoteleingang Wache schiebt. "Mr. Alright" habe man ihn genannt, sagt er und lächelt traurig. "Meine Freundin ist tot. Fast alle meine Freunde sind tot. Sie waren mir genauso wichtig wie meine Familie", betont er. Jetzt öffnet sich das Tor nicht mehr für Gäste, sondern nur noch für Laster, die Schutt abtransportieren. Gegenüber der Auffahrt hat ein Souvenirhändler seine bunten Metall-Gekkos und Gemälde aufgebaut, als sei nichts gewesen. Wenn er Glück hat, hält einer der Geländewagen, mit denen viele ausländischen Helfer in der Stadt unterwegs sind.

Zeltlager und lange Schlangen

Der 12. Januar ist längst zu einer Zeitenwende in Haiti geworden, es gibt nur noch vor oder nach dem Erdbeben, dem "tranblema tè" auf Kreolisch. Nach dem Beben prägen neben den Trümmern zwei Dinge die Stadt: Auf jedem freiem Flecken haben sich Zeltlager gebildet, und überall stehen Menschen in absurd langen Schlangen, um Pässe, Visa, Überweisungen aus dem Ausland oder Reissäcke zu bekommen.

Die meisten Zelte bestehen aus Bettlaken und Latten. In Streifen gerissener und zusammengeknoteter Stoff dient als Spannleine. In der ersten Zeit nach dem Beben herrschte Lethargie in den Lagern. Schock, Trauer, Hunger, Erschöpfung legten alles lahm. Viele lagen auf ihren Decken oder zusammengefalteten Pappkartons und starrten ins Leere. Die Kinder waren die ersten, die wieder lebendig wurden. Sie ließen selbst gebastelte Drachen aus Plastiktüten steigen, spielten Fußball mit einem alten Tennisball, kreischten unter dem Wasserschlauch. Nach und nach begannen auch die Erwachsenen, sich zu organisieren.

Langsam kommt das Leben zurück

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Am Rande eines Zeltlagers: Eine Ladestation für Mobiltelefone, die aus einer Autobatterie gespeist wird. (Foto: dpa)

Rund um die Lager ist nun ein lebhafter Kleinhandel entstanden: Portionsweise abgepacktes Seifenpulver, Tablettenstreifen mit bunten Pillen, zu kunstvollen Türmen aufgebaut, frittierte Bananenscheiben. Es gibt Mehrfachsteckdosen, die von Generatoren oder Autobatterien gespeist werden, um für ein paar Cent Mobiltelefone aufzuladen. Friseure und Lottobuden - kleine Holzbuden, die "Bank" genannt werden - öffnen wieder. Unter einem Sonnenschirm sitzt eine Frau und bietet mit einem handgemalten Schild den Verleih von Hochzeitskleidern an.

Die Versorgungslage ist dramatisch, bessert sich aber. Die Preise für Lebensmittel sind zwischenzeitlich ins Groteske gestiegen. Mittlerweile bringen Hilfsorganisationen tonnenweise Hilfsgüter ins Land - und werfen die alte Frage auf, wie sinnvoll es ist, den heimischen Markt mit importiertem Reis zu überschütten. Frauen, die 25-Kilo-Reissäcke mit aufgedruckter US-Flagge auf dem Kopf tragen, gehören mittlerweile zum Stadtbild.

Zukunft ist ungewiss

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Die 16-jährige Chantal, die ihre gesamte Familie verloren hat, liegt in einem Zeltkrankenhaus der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. (Foto: dpa)

Mindestens 210.000 Tote, 300.000 Verletzte, 6000 Amputierte - die Zahlen lassen sich herunterspulen, aber sie machen das Leid nicht greifbar. Manche Begegnungen umso mehr. In einem Zeltkrankenhaus der Ärzte ohne Grenzen liegt Chantal auf einer Isomatte. Sie trägt ein Kleid mit blauen Blumen und die Haare in Zöpfchen nach hinten frisiert. Ihr rechtes Bein steckt bis zur Hüfte in Gips, auf dem mit roten Filzstift das Abnahmedatum markiert ist: 30/02. Ihr Knochen mag dann wieder zusammengewachsen sein - aber was aus ihr wird, weiß sie nicht. "Ich habe meine Eltern und alle Geschwister verloren, unser Haus ist kaputt", sagt sie.

Welche Chance hat Haiti, die einst reichste Kolonie Frankreichs, die zur ersten schwarzen Republik, später zur Diktatur und dann zu einem gescheiterten Staat wurde? Das Land hat eine Regierung, der fast alle Ministerialgebäude eingestürzt sind. Polizeikommissariate und Steuerbehörde sind zu Schutt zerfallen, unzählige Beamte des Staatsapparates tot, verletzt oder obdachlos. Auch die UN-Mission, die das Land stabilisieren sollte, hat ihre zivile Führung verloren.

Politische Folgen nicht abzuschätzen

Welche politischen Folgen es hat, dass die USA mittlerweile 17.000 Soldaten entsandt haben, ist noch nicht abschätzbar. Die jungen Männer und Frauen in ihren sandfarbenen Uniformen, die vor Ausrüstung nur so strotzen, sind überall in der Stadt zu sehen. Schon in der Vergangenheit bestimmten die USA oft Haitis Geschicke - dabei hinterließen sie nicht die besten Erinnerungen: 1915 besetzten sie Haiti für zwei Jahrzehnte und führten die Zwangsarbeit wieder ein. In den 90ern brachten sie unter dem Jubel der Bevölkerung den zuvor vom Militär gestürzten Präsidenten Jean-Bertrand Aristide wieder an die Macht. Dessen zweite Amtszeit war dann jedoch von Gewalt und Unruhen geprägt. Am Ende drängten ihn die Amerikaner erneut ins Exil.

Während die Haitianer die US-Armee teils als Retter bejubeln und teils als Besatzer beschimpfen, genießt zumindest ein Amerikaner einen starken Vertrauenszuschuss. Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton koordiniert derzeit die Hilfsmaßnahmen für das Land, für das er zuvor bereits Sonderbeauftragter war. Dass er in den 70ern mit seiner Ehefrau Hillary hier seine Flitterwochen verbracht hat, trägt ihm bei vielen Haitianern zusätzliche Sympathien ein.

Port-au-Prince wird unterdessen jeden Tag wieder ein bisschen bunter. Schuhputzer wischen Passanten den allgegenwärtigen Staub von den Schuhen. Die knallbunten Busse, mit biblischen Szenen, Musikern und Fußballstars bemalt, fahren wieder auf Strecken, die von Trümmern befreit sind. Putzkolonnen mit Besen, Mundschutz und gelben Kitteln machen sich ans Aufräumen. Schrotthändler kaufen Metallstücke auf, die sich in den Trümmern finden.

"Du wirst dich aus der Asche erheben"

Und hier und da ist wieder Musik zu hören. Morgens um fünf singen Frauen in einem der Lager Gospel-Songs und beten laut. William, der Taxifahrer, dreht irgendwann das Radio bis zum Anschlag auf. Seit Tagen redet er kaum. Er hat seinen 13 Jahre alten Sohn verloren. "Haiti chérie", singt er mit: "geliebtes Haiti".

Der in Paris produzierte Erdbeben-Hit, an dem sich mehr als 70 französische und haitianische Musiker beteiligt haben, dudelt auf allen Sendern. "Du wirst dich aus der Asche erheben", singt William. Vor dem Autofenster gleitet die zerstörte Kathedrale von Port-au-Prince vorbei. Das Kruzifix ist stehengeblieben. Am halb herunterhängenden Gitterzaun flattert bunte Wäsche im Wind.

Am letzten Tag werden Adressen getauscht. Williams Haus ist eingestürzt, er haust mit seiner Frau und Tochter unter freiem Himmel. Er schreibt trotzdem die Adresse seines Trümmerhaufens auf. Sie lautet: "12, Vallée heureuse". Im Tal der Glücklichen.

Quelle: Ulrike Koltermann, dpa