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Panorama

Dienstag, 13. Mai 2008

Kröten spürten die Gefahr: Retten gegen die Zeit

Es ist ein Rennen gegen die Zeit. Am Tag nach dem verheerenden Erdbeben liegen am Dienstag noch Tausende unter den Trümmern ihrer eingestürzten Häuser, Schulen und Fabriken. Auf den Straßen in die Berge der Präfektur Aba, wo das Epizentrum lag, ist für die Bergungsmannschaften kein Durchkommen. Dicke Felsbrocken, Schlammlawinen und Erdrutsche versperren den Zugang. Ärzte, Helfer und Soldaten machen sich zu Fuß auf den Weg. Über Satellitentelefon ruft der Parteichef aus dem eingeschlossenen Landkreis Wenchuan, Wang Bin, die Außenwelt um Hilfe: "Wir brauchen dringend Zelte, Nahrung, Medikamente und Satellitenkommunikation, die aus der Luft abgeworfen werden müssen." Viele Menschen seien verletzt. "Wir brauchen ärztliches Personal, um die Verletzten hier zu retten."

Am Helfen gehindert

In der Nacht noch hatte Regierungschef Wen Jiabao die Stadt Dujiangyan besucht. Er drängt zur Eile: "Die Menschen sind in den Trümmern eingeschlossen, wir müssen jede Sekunde nutzen." Vor der eingestürzten Juyuan-Mittelschule der Stadt liegen die Leichen von Kindern in Plastik eingewickelt, wie chinesische Medien berichten. Eine Augenzeugin schildert ihre grausigen Erlebnisse der Nacht. "Es war schon 2.00 Uhr früh. Unter grellem Scheinwerferlicht suchten die Bergungstrupps nach Opfern ... die Luft roch nach Blut, und der Boden war rot getränkt", schreibt sie im Internet. "Jedes Mal, wenn ein Körper herausgetragen wurde, eilten die Eltern herbei, um das Kind zu identifizieren ... Da die Gesichter der Opfer zum Teil nicht mehr zu erkennen waren, konnten sie die Kinder nur an der Farbe der Socken oder der Länge der Fingernägel erkennen."

Immer wieder schrecken starke Nachbeben mit Stärken bis zu 6,1 die Menschen auf und wecken die Erinnerung an das zerstörerische Beben mit der Stärke 7,8. Ein Überlebender berichtet aus dem abgeschnittenen Wenchuan: "Ich sah, wie ein Dorf an einem Berghang von dem Erdrutsch begraben wurde, der durch das Beben ausgelöst worden war", zitiert die Staatsagentur Xinhua den Mann, der in einem Bus unterwegs war. "Viele Autos auf der Straße wurden weggefegt oder von riesigen Feldbrocken getroffen."

Medien berichten und profitieren

Die staatlichen Medien berichten ausführlich über die Katastrophe. Selbst ausländische Journalisten, die seit den Unruhen der Tibeter unter Beschränkungen zu leiden hatten, dürfen unbehelligt ins Erdbebengebiet. Sicherheitskräfte lassen sie an Straßensperren mit ihrem Journalistenausweis passieren, beantworten bereitwillig Fragen. "Ein völlig neues Arbeitsgefühl", schildert ein Korrespondent. Das Staatsfernsehen berichtet live aus dem Erdbebengebiet. Die Einschaltquoten sind enorm. Eine Werbeagentur verrät, dass die Kosten für 30 Sekunden Werbung in dem Sonderprogramm seit Montag auf 1,19 Millionen Yuan (110.000 Euro) in die Höhe geschnellt seien. Ob der Staatssender die Einnahmen den Opfern spende? "Sie haben sich geweigert, mir eine Antwort zu geben", sagt der Werbemann.

Eine ungewöhnliche Geschichte macht die Runde: Kröten hätten das nahende Erdbeben gespürt. Hunderttausende machten sich zwei Tage zuvor in der Stadt Mianzhu auf Wanderung. Der Ort liegt nur 60 Kilometer vom Epizentrum. Auf der Straße überrollten Autos die flüchtenden Kröten. Chinesische Medien zitierten einen Bewohner, der eine solche Krötenwanderung "noch nie gesehen" habe. Einen Tag zuvor hatten fast 1000 Kilometer entfernt in der Küstenprovinz Jiangsu zehntausende von Kröten die Stadt Taizhou bevölkert. Die städtischen Funktionäre schoben das ungewöhnliche Verhalten der Tiere auf das Wetter.

Warnungen in den Wind

Doch wissen Experten seit langem, dass Tiere Erdstöße schon vorher spüren können. "Unglücklicherweise beachtete niemand die "Warnung" der Kröten", kommentiert die Tageszeitung "China Daily". Als die Erde bebte, kamen allein in Mianzhu in Sichuan mindestens 2000 Menschen ums Leben. Weitere 4800 Menschen wurden am Dienstag vermisst, vermutlich verschüttet in den Trümmern der Häuser. Das Beben war bis an die Küste nach Jiangsu zu spüren.

Erdbebenvorhersage gilt schon immer als denkbar schwierig. Doch auch diesmal tauchten wieder chinesische Erdbebenexperten auf, die es vorher gewusst haben wollen. In der später betroffenen Präfektur Aba machten schon Tage vor der Krötenwanderung erste Gerüchte die Runde, dass ein schweres Erdbeben bevorstehen könnte. Woher die Warnungen kamen, war unklar. Dorffunktionäre rieten den Menschen, vorsichtshalber im Freien zu schlafen. Die Behörden gingen sofort energisch gegen die Gerüchte vor. Als Ursache wollen die Beamten ermittelt haben, dass sich Dorfbewohner irgendwie verhört haben sollen. Das geht aus einer Mitteilung der Provinzregierung hervor, die merkwürdigerweise am Montag kurz nach dem Erdbeben von der Webseite gelöscht wurde.

Von Andreas Landwehr, dpa

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