Panorama
Auf Menners Fotos sind die Sniper schon kaum zu erkennen, dabei geben sie noch nicht einmal alles, um sich zu verbergen.
Auf Menners Fotos sind die Sniper schon kaum zu erkennen, dabei geben sie noch nicht einmal alles, um sich zu verbergen.(Foto: simonmenner.com)

Altmodisch und furchtbar modern : Scharfschützen sind perverse Jäger

Von Solveig Bach

Die Absicht eines Scharfschützen ist es, unsichtbar zu sein. Wenn er überall sein könnte, kann sich niemand mehr sicher fühlen. Für den Fotografen Simon Menner gibt es kein präziseres Bild, das die aktuellen Bedrohungsszenarien beschreibt.

Es sind nette Kerle, ehrgeizig schon, aber auch wirklich sympathisch. Bis sie auf einen zielen. Dann werden Scharfschützen zu tödlichen Maschinen. Unter den besten herrscht ein knallharter Wettbewerb um die meisten bestätigten Kills. Die Voraussetzung dafür: extreme Treffsicherheit und maximale Unsichtbarkeit.

Bilderserie

Als der Fotograf Simon Menner mit seinem Projekt "Camouflage" begann, war er zunächst von der überragenden Fähigkeit der Soldaten beeindruckt, vor dem Feind de facto zu verschwinden. "Die Scharfschützen wären niemals zu sehen, wenn sie sich so verstecken würden, wie sie das eigentlich tun. Die liegen drei bis vier Meter vor der Kamera, vielleicht auch mal zehn Meter. Und schon sind sie fast unsichtbar. Die trainieren aber für Distanzen von 500 oder 1000 Metern. Die würden sich also niemals 5 Meter von mir entfernt hinlegen, wenn sie mich auch auf 1000 Meter treffen könnten."

Inzwischen fasziniert Menner, dass das meiste bei diesen Bildern im Kopf des Betrachters stattfindet. Das passt zu seinen Erkundungen, mit welchen Mechanismen in Menschen Angst und Unsicherheit ausgelöst werden können. " Ein Scharfschütze kann einen ja nicht überall treffen, aber wenn man das Gefühl hat, dass überall einer liegt, dann ist es so, als würde einen überall einer treffen." Man könne gar nicht mehr widerlegen, dass Gefahr besteht. "Indem man glaubt, die Gefahr ist unsichtbar, ist sie überall."

Der Jäger auf der Lauer

Auf der Suche nach weiteren Motiven schrieb Menner erstmal Anfragen. Nach der guten Zusammenarbeit mit der Bundeswehr hagelte es jedoch Absagen. Die Französische Armee antwortete erst gar nicht, mit der US-Armee schrieb er zahlreiche E-Mails hin und her, vergebens. Bei den Israelis dauerte es ewig, bis er überhaupt eine E-Mail-Adresse herausgefunden hatte. Schließlich hieß es: kein Interesse. Gerade hat Menner aber in Lettland und Litauen weitere Bilder für die Serie fotografiert.

Je länger Menner seine Sniper-Fotos macht, umso mehr beschäftigt ihn das Thema. Zunächst habe er die Scharfschützen als sehr altmodische Mittel des Krieges empfunden. "Ein Jäger liegt auf der Lauer und wartet auf seine Beute. Wer hätte gedacht, dass das heute wieder so ein zentrales Bedrohungsszenario wird." Inzwischen empfindet er die Sniper als sehr altmodisch und trotzdem furchtbar modern. "Häufig wird ja die Trophäe dann auch noch präsentiert, beim Training der Scharfschützen ist das die Zielscheibe, die erfolgreichen Sniper zählen ihre bestätigten Abschüsse. Das ist ein perverses, sonderbares Umfeld. Das sind nette Typen, aber die zielen auch auf einen, die sind sehr professionell und meinen das auch ernst."

In Lettland und Litauen hatte Menner das Gefühl, dass die Sniper sogar eine noch größere Rolle spielen, weil die Länder viel kleinere Armeen und viel weniger schweres Kriegsgerät haben. "Die haben ja diesen nicht ganz so zuverlässigen Nachbarn Russland, und da wird in den Gesprächen immer wieder über die Erfahrung gesprochen, die Finnland in dem sogenannten Winterkrieg gemacht hat, wo eben Scharfschützen eine entscheidende Rolle gespielt haben." Solche militärischen Details sind für Menners Fotos aber nicht bedeutsam.

Effektive Bedrohung

Ihm ging es darum, zu zeigen, dass die Soldaten ihr Handwerk in jeder Umgebung ausüben können. Er hätte gern im Schnee fotografiert, leider setzte kurz vor dem Shooting Tauwetter ein. Trotzdem sind auch diesmal wieder Bilder entstanden, die den Betrachter an seinem Sehvermögen zweifeln lassen. Menner würde auch gern in der Wüste oder im Dschungel fotografieren oder tatsächlich in den urbanen Raum wechseln, wo ja auch viele der heutigen Konflikte stattfinden.

Seine eigene Wahrnehmung hat sich durch das Projekt bereits verändert. Neulich habe er sich Drohnenvideos angesehen und sich gewundert, dass er das Brummen der Motoren deutlich hören konnte. "Aber plötzlich wird mir klar, das Geräusch macht total viel Sinn, dann ist die Bedrohung viel effektiver. So wird sie omnipräsent. Diese Mechanismen habe ich inzwischen besser verstanden."

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen