Panorama
Die "neuen Väter" sind anders, als ihre Väter es waren.
Die "neuen Väter" sind anders, als ihre Väter es waren.(Foto: imago/Westend61)
Donnerstag, 25. Mai 2017

Neue Väter: Schatz, ich kümmere mich um die Kinder

Von Diana Sierpinski

Mütter, die nach der Geburt ihres Kindes ein, zwei oder drei Jahre zu Hause bleiben - normal. Aber Väter, die das länger als zwei Monate tun? Eher die Ausnahme. Warum ist das so?

Sie wickeln ihren Nachwuchs, schieben Kinderwagen, sitzen im Pekip-Kurs und gehen zu Elternabenden. Sie unterbrechen ihre beruflichen Karrieren – für ein Wochenende auf dem Fußballplatz oder für ein ganzes Jahr. Die Welt der Väter ist längst nicht mehr wie in Zeiten, als Haushalt und Kinder ausschließlich Frauensache waren.

Anders als frühere Generationen begleiten die sogenannten "neuen Väter" ihre Partnerinnen zu Geburtsvorbereitungskursen und in den Kreißsaal. Heute sind neun von zehn Vätern im Kreißsaal anwesend, sieben von zehn halten Füttern und Wickeln für selbstverständlich, viele Rituale wie das Zubettbringen am Wochenende werden von Vätern übernommen. Und zwei Drittel verstehen sich in erster Linie als Erzieher ihrer Sprösslinge und nicht mehr primär als Brotverdiener. Die "neuen Väter" sind anders, als ihre Väter es waren. Dabei sehen sich manche auf dem richtigen Weg, während sich die anderen in einer dauerhaften Zwickmühle gefangen fühlen.

Wie steht es also um die "neuen" Väter? Ein Blick in die Statistik zeigt: Zwischen Wunsch und Wirklichkeit klafft eine gewaltige Lücke. Laut Statistischem Bundesamt vom Juni 2016 nimmt zwar ein Drittel der deutschen Väter mittlerweile Elternzeit in Anspruch. Allerdings nehmen die meisten Väter mit zwei Monaten Elternzeit gerade mal das notwendige Minimum, damit der Staat 14 statt zwölf Monate Elterngeld bezahlt.

Einer Erhebung des Allensbacher Instituts für Demoskopie zufolge wünscht sich knapp ein Drittel der erwerbstätigen Eltern, nach der Elternzeit die Arbeit zu reduzieren. Tatsächlich realisiert haben dies jedoch lediglich vier Prozent der Väter. Wohingegen 25 Prozent der Mütter schließlich wirklich weniger arbeiten als vor der Geburt ihres Kindes.

Eine Frage des Geldes

Eine große Mitschuld an diesem Ungleichgewicht trägt der Staat, behauptet Familienforscherin Karin Jurczyk. Durch zusätzliche Anreize wie die beitragsfreie Mitversicherung von Familienangehörigen in der Krankenkasse oder das Ehegatten-Splitting würden sich Paare spätestens nach der Familiengründung wieder in traditionelle Rollenmuster flüchten.

Denn das Ideal der Partnerschaftlichkeit setzt voraus, dass Mütter und Väter ähnlich viel verdienen. Doch genau das ist in Deutschland nur die Ausnahme. Im Schnitt verdienen Männer 22 Prozent mehr als Frauen. Eine partnerschaftliche Aufteilung der Kindererziehung ist in Deutschland also eine Frage des Geldbeutels. Während Mütter aller Gehaltsklassen fürs Kind pausieren, ist Väterzeit ein Mittelschichtsphänomen. Angestellte, meist Büroarbeiter, machen Väterzeit. Gern verbunden mit einem längeren Familienurlaub in Asien oder Südamerika.

Ernüchterndes Fazit: Der gesellschaftlich geäußerte Anspruch, was modernes Vater-Sein bedeutet, hat nur wenig mit der gelebten Realität zu tun. Viele Väter wollen heute zwar beides zugleich sein, erfolgreich im Job und fürsorglich zu Hause. Doch wie bei den berufstätigen Müttern lässt sich beides kaum unter einen Hut bekommen. Der Gewissenskonflikt ist programmiert: Den Missmut der Kollegen auf sich ziehen, weil das Kind krank ist? Den Lesekreis in der Kita schwänzen und dafür pünktlich in der Frühkonferenz erscheinen? Wer Beruf und Familie vereinbaren will, zahlt dafür einen hohen Preis und scheitert irgendwie trotzdem, stellten bereits Susanne Garsoffky und Britta Sembach in ihrem Buch "Die Alles ist möglich-Lüge" fest.

Elternzeit gleich Karriereknick?

Tatsächlich ist aber die Angst vor dem Karriereknick einer der Hauptgründe, warum sich viele Männer immer noch nicht wagen, länger bei ihrem Nachwuchs zu bleiben. Eine Angst, die nicht ganz unbegründet zu sein scheint. In einer Online-Befragung des Instituts für sozialwissenschaftlichen Transfer unter Vätern, die nach der Elternzeit in den Job zurückgekehrt sind, sprachen 19 Prozent von verschlechterten Aufstiegsmöglichkeiten. Entscheidend sei dabei die Dauer der Elternzeit. Bei einer längeren Elterngeldnutzung durch Väter drohen demnach Ansehens- und Einkommensverluste am Arbeitsplatz. Dazu kommt, dass sich viele Mütter das erste Jahr mit dem Kind zu Hause nicht nehmen lassen wollen. Also alles in Ordnung?

Mitnichten, sagen Sozialwissenschaftler, die sich mit den Auswirkungen der Vätermonate auf die Familie beschäftigt haben. Väter erleben in gewisser Weise eine Entwicklung, welcher derjenigen der Mütter genau entgegenläuft: Mütter waren traditionell auf Haushalt und Kinder festgelegt und haben sich mühsam die zweite Rolle der erwerbstätigen Frau erkämpft. Männer wurden bis vor Kurzem ausschließlich über ihren Beruf definiert. Sie müssen sich nun ebenfalls mühsam die Vaterrolle erkämpfen.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen