Donnerstag, 30. Juli 2009
"Es gab auf jeden Fall Fehler": Selbstkritik in der Uckermark
Nach dem Fall der 13-jährigen Jennifer aus der Uckermark in Brandenburg, die jahrelang von den Eltern zu Hause versteckt wurde, ist die Debatte über den Schutz von Kindern neu entbrannt. Der Kreis räumt inzwischen Mängel ein.
Die 13-jährige, geistig behinderte Jennifer wurde neun Jahre lang versteckt, ohne dass das Jugendamt einschritt.
(Foto: dpa)
"Es gab auf jeden Fall Fehler", sagte Kreissprecherin Ramona Fischer. Bevor aber personelle Konsequenzen gezogen werden, müsse genau geprüft werden, wer in der Verwaltung was wann über das behinderte Mädchen wusste. Das Potsdamer Bildungsministerium schloss derweil nicht aus, dass bestehende "Empfehlungen zur Verbesserung des Kinderschutzes" überprüft werden.
Das Mädchen ist nie zur Schule gegangen. Seit 2006 zumindest soll das Jugendamt davon gewusst haben.
(Foto: dpa)
Nach Auskunft von Kreissprecherin Fischer wusste das Jugendamt bereits seit 2006 von der Existenz des Kindes. Bei einem Besuch der Eltern habe man sich aber mit der Erklärung abgefunden, das Mädchen sei vom Schulbesuch befreit. Laut Bildungsministerium ist eine Schulpflicht-Befreiung in Brandenburg nicht möglich. Fischer betonte, ein Mitarbeiter des Jugendamtes stehe im Kontakt mit der Familie. Die 13-jährige Jennifer befindet sich im Krankenhaus Eberswalde.
Die Leiterin des Sozial-Therapeutischen Instituts Berlin- Brandenburg, Annelie Dunand sagte, Jennifers Eltern hätten jahrelang gezielt ihr Umfeld manipuliert. "Sie haben absichtsvoll Strategien entwickelt, damit ihr eigenes Fehlverhalten nicht an die Öffentlichkeit dringt", betonte Dunand in einem Gespräch mit der dpa. Sie forderte eine bessere Schulung der Jugendamts-Mitarbeiter. Als unverantwortlich bezeichnete Dunand, dass die beiden Geschwister von Jennifer bislang bei den Eltern bleiben dürften. "Kinder, die solches Leid miterleben müssen, sind nach heutigen Erkenntnissen genauso betroffen wie die Opfer der Gewalt selbst."
Kinderhilfe beklagt Vernachlässigungen
Wenn sich die Hinweise verdichten, will die Staatsanwaltschaft auch gegen das Jugendamt ermitteln.
(Foto: dpa)
Die Deutsche Kinderhilfe beklagte in einer Mitteilung das Scheitern eines bundesweiten Kinderschutzgesetzes. Das werde dazu führen, dass weiterhin zu viele Kinder Opfer von Gewalt und Vernachlässigung werden. Ende Juni war der von der Bundesregierung geplante bessere Schutz für Kinder aus Problemfamilien gescheitert. Laut Kinderhilfe werden schätzungsweise 100.000 Kinder in Deutschland misshandelt. "Zum Handeln hat dies die Politik immer noch nicht bewegt."
Die Eltern sollen die 13-jährige geistig behinderte Jennifer seit neun Jahren zu Hause versteckt haben. Erst nach einem anonymen Hinweis Mitte Juli wurde das Kind, das den Angaben zufolge Windeln trug und autistische Verhaltensweisen zeigte, aus dem Haus geholt. Gegen die Eltern wird ermittelt.
ghö/dpa
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