Kuriose Verbraucher-UmfragenSex zwischen Büchern

Selten wurde dem Volk so intensiv aufs Maul geschaut: Verbraucher-Umfragen boomen, denn Telefon und Internet haben die Kosten dafür enorm gesenkt. Doch viele Ergebnisse sind eher erheiternd als erhellend.
Wussten Sie schon? Knapp 70 Prozent der deutschen Frauen sind davon überzeugt, dass jüngere Männer besser im Bett sind. Fast alle Omas und Opas (87 Prozent) verstehen sich gut mit ihren Enkeln. Das Trennungsrisiko steigt vor allem mit der Unzufriedenheit der Frau. Und: Gut jeder zweite Teenager fürchtet sich vor dem Tod, weil er nicht weiß, was danach kommt.
Diese vier Ergebnisse stammen aus klassischen Umfragen oder Online-Befragungen im vergangenen halben Jahr. Das Urteil des Münchner Kommunikationswissenschaftlers Prof. Hans-Bernd Brosius ist vernichtend: "Das ist für viele Zeitschriften lediglich eine billige Recherche-Möglichkeit", sagt Brosius. "Und die Qualität der meisten dieser Umfragen ist bescheiden."
Telefon drückt Kosten und Qualität
Telefon und Internet hätten die Kosten und leider auch die Qualität vom Umfragen nach unten gedrückt, meint der Wissenschaftler: "In den 60er Jahren kosteten seriöse Umfragen mit 2000 Interviews die Unternehmen rund 50.000 Euro, entsprechend wurde das nur bei wichtigen Themen angepackt." Inzwischen könne man bei einer sogenannten Bus-Umfrage eine Frage für schon für rund 1700 Euro einkaufen: "Da ruft ein Meinungsforschungs-Institut sowieso jeden Tag 500 Leute an, und Sie können denen für ein paar Euro eine Frage stellen lassen", erläutert Brosius.
Entsprechend banal klingen manche Ergebnisse: Gut 84 Prozent der Jugendlichen sind neugierig auf fremde Länder (eine repräsentative Umfrage eines Marktforschungs-Instituts bei 1950 Befragten, darunter ganze 154 Personen im Alter von 14 bis 19 Jahren). Oder: Den meisten deutschen Männern ist es peinlicher beim Seitensprung erwischt zu werden (55 Prozent) als vom Finanzamt beim Steuerbetrug (29 Prozent). Ungeklärt bleibt, was bei diesem Vergleich das eine mit dem anderen zu tun haben könnte. Weiter: Mehr als jeder zweite Single hofft auf eine neue Liebe im Urlaub - zu den Hoffnungen im Alltag befragt diese Online-Partnervermittlung ihre Kunden möglicherweise nach den Sommerferien.
Kleine Blätter profitieren
Umfragen, die schmunzeln lassen oder die eigenen Urteile bestätigen, kommen bei den Lesern besonders gut an davon ist der Geschäftsführer des Wort & Bild Verlags, Hartmut Becker, überzeugt. "Menschen interessieren sich für andere Menschen: Was denken und machen die anderen und wie stehe ich dazu da im Vergleich das ist einfach spannend."
Der Verlag gibt Publikumszeitschriften heraus wie etwa die "Apotheken-Umschau", den "Senioren-Ratgeber" oder "Baby und Familie". "Zu vielen unserer Themen liegen in der speziellen Form, wie unsere Redaktionen sie für ihre Artikel und Reportagen brauchen, noch keine aktuellen Daten vor, wie zum Beispiel bei ‚Kinder und Psyche‘, ‚Wechseljahre‘ oder ‚Schlaf und Träume‘", erläutert der Herausgeber. Die Ergebnisse der Umfragen von renommierten Marktforschungsinstituten stießen daher auch auf großes fachwissenschaftliches Interesse von Hochschulen und Verbänden.
Gute Aufhänger für Geschichten
"Die Themen sind vielfältiger geworden", beobachtet Division-Manager Klaus Hilbinger von der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), die seit Jahrzehnten Umfragen für Industrie und Medien anbietet. Stark im Kommen seien Themen wie Online-Dating, Freizeit- und Urlaubsverhalten oder persönliche Beiträge zum Klimaschutz. Für die Redaktionen seien die Ergebnisse von Umfragen gute Aufhänger für ihre Geschichten, meint Hilbinger.
Insgesamt seien die Fragestellungen auch lockerer geworden, insbesondere was das ewig große Thema Partnerschaft/Sexualität angeht, hat der Fachmann beobachtet. Ein Trend, dem auch das Hochschulmagazin Unicum folgte, als es rechtzeitig vor dem Wintersemesterstart den Studenten seine frohe Botschaft verkündete: Fast jeder fünfte von 1500 online befragten Kommilitonen hatte schon mal Sex auf dem Campus und insgesamt 70 Prozent träumen davon. "Und wo? In der Bibliothek! Jeder vierte Befragte träumt von einem sexuellen Erlebnis zwischen Lehrbüchern."