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Sandberg setzt auf ihre wachsende Resilienz.
Sandberg setzt auf ihre wachsende Resilienz.(Foto: AP)
Dienstag, 01. August 2017

Trauern und überleben: Sheryl Sandberg und ihre "Option B"

Von Solveig Bach

Sheryl Sandberg ist Facebook-Chefin und eine der erfolgreichsten US-Geschäftsfrauen. Doch sie ist auch Witwe und alleinerziehende Mutter, die zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes noch immer damit kämpft, dass es Option A nie wieder geben wird.

Es ist der 1. Mai 2015, als das Leben von Facebook-Chefin Sheryl Sandberg aus den Fugen gerät. Auf einem Kurzurlaub mit Freunden stürzt ihr Mann Dave Goldberg im Fitnessstudio und stirbt kurz darauf im Krankenhaus.

Die Frau, die nicht erst seit ihrem Harvard-Abschluss als unfassbar stringent und perfekt gilt, kommt ins Straucheln. In ihrem geradlinigen Leben mit einer beeindruckenden Karriere im Silicon Valley, einem genauso erfolgreichen Mann und zwei zauberhaften Kindern sind Schicksalsschläge einfach nicht vorgesehen. Doch nun steht sie plötzlich als Witwe da, mit zwei kleinen Kindern, die ihren Vater verloren haben.

Sandbergs Buch ist bei Ullstein erschienen und kostet 20 Euro.
Sandbergs Buch ist bei Ullstein erschienen und kostet 20 Euro.

Schon einen Monat nach Goldbergs Tod, am Ende der jüdischen Trauerphase Scheloschim, wird die Idee von "Option B" geboren. Bei einer Vater-Kind-Veranstaltung springt ein Freund der Familie für Goldberg ein. Sandberg weint und sagt: 'Ich will Dave. Ich will Option A.'" Doch Ihr Freund entgegnet: "Option A gibt es nicht. Lass uns das Beste aus Option B machen." Damals verspricht sie, alles dafür zu tun, "um das Beste aus Option B herauszuholen". Aus diesem Versprechen gehen zwei Jahre später das Buch "Option B – Wie wir durch Resilienz Schicksalsschläge überwinden und Freude am Leben finden" und eine gleichnamige Stiftung hervor.

Unerträglicher Schmerz

Sie sei ins "Nichts gefallen, in eine große Leere, die das Herz und die Lunge füllt und einem die Möglichkeit zum Atmen und zum Denken raubt", schreibt Sandberg über die Trauer der ersten Tage, Wochen, Monate und den Beginn ihres neuen Lebens. Manchmal habe sie geglaubt, den Schmerz keine Minute länger aushalten zu können. In dieser Situation, als sie fürchtet, dass sie und ihre Kinder nie wieder glücklich sein könnten, kommt ihr Adam Grant zu Hilfe. Der Psychologe und Universitätsprofessor ist überzeugt, dass Menschen durch ihre innere Einstellung und durch ihr Handeln mitbestimmen können, wie sie Schicksalsschläge bewältigen.

Sandberg macht sich mit Grants Hilfe die Auffassung des Resilienzforschers Martin Seligman zu eigen. Demnach machen es drei Einschätzungen den Menschen besonders schwer, nach einem Unglück wieder zuversichtlich ins Leben zurückzukehren. Die erste ist die Personalisierung, also die Überzeugung, man sei selbst schuld. Die zweite ist die Globalität, also die Annahme, alles sei jetzt schrecklich. Und die dritte ist Permanenz, also die Vorstellung, dass man sich nie wieder besser fühlen werde. Im Englischen nennt Sandberg das "Personalization, Pervasiveness and Permanence" oder auch die drei Ps.

Sie habe sich nach dem Tod ihres Mannes schwere Vorwürfe gemacht, schreibt Sandberg: Dass sie ihn nicht schneller gefunden, nicht wiederbelebt habe. Aber sie habe sich auch gefragt, ob sie ihn hätte zwingen sollen, gesünder zu leben. Als sie das erste P verstanden hatte, akzeptierte sie, dass sie Daves Tod nicht verschuldet hatte oder hätte verhindern können: "Seine Ärzte haben seine Herzkrankheit nicht entdeckt, wie hätte ich, eine Wirtschaftswissenschaftlerin, das tun sollen?"

Arbeit als Trost

Zehn Tage nach Goldbergs Tod kehrte sie an ihren Schreibtisch zurück. Sie sei zur Arbeit gegangen und habe dort manchmal für eine Sekunde lang ihre Trauer vergessen können. "Ich machte Fehler, ich war unkonzentriert, schlief in Konferenzen ein." Doch zur Arbeit zu gehen, sei besser gewesen als zu Hause zu sein. Der Alltag habe ihr geholfen, zu sehen, dass es noch Dinge in ihrem Leben gab, die nicht schrecklich waren. "Meine Kinder und ich waren gesund, meine Freunde und meine Familie waren liebevoll."

Wenige Jahre zuvor hatte sie in ihrem Buch "LeanIn" Frauen ermutigt, anspruchsvolle Jobs und Spitzenpositionen anzustreben. Nun muss sich Sandberg allerdings eingestehen, dass es schwieriger ist, alleinerziehend zu sein oder sich auf die Arbeit zu konzentrieren, wenn man zu Hause Probleme hat. Um sich ihre Dankbarkeit zu bewahren, notiert sie jeden Abend drei gute Dinge, die ihr im Laufe des Tages widerfahren sind.

Posttraumatisches Wachstum

Zwei Jahre sind seit Goldbergs Tod vergangen. Noch immer packe sie die Trauer manchmal "wie eine Welle", schreibt Sandberg, "und überflutet mein Bewusstsein, bis ich nichts mehr sonst empfinde". Doch sie habe nicht nur standgehalten, sie sei auch stärker geworden. Es sei ein Form des posttraumatischen Wachstums. "Niemand möchte auf diese Weise stärker werden. Aber es passiert – wir entwickeln uns." Und auch Option B halte noch immer Optionen bereit.

Nach ihrem Buch "LeanIn" musste sich Sandberg den Vorwurf gefallen lassen, dass sie die Lebenswirklichkeit vieler Frauen darin einfach ausblende. In "Option B" beschreibt sie ihre eigene Verlusterfahrung und wendet sich gleichzeitig an andere Trauernde. Manchmal klingt sie dabei immer noch wie die Facebook-Chefin von früher: eine Frau ohne Geldprobleme, aufgefangen in einer großen Familie und von vielen Freunden.

Doch seit sie ihren Mann verloren hat, scheint Sandberg auch demütiger, ihre Lebensperspektive hat sich offenbar verändert. Sie setzte unter anderem bei Facebook durch, dass Mitarbeiter bezahlten Trauerurlaub nehmen können und ermutigt Firmenangehörige seitdem, auch persönliche Probleme wie Krankheit oder Scheidungen mit ihren Vorgesetzten zu besprechen.

Ein "unerschöpflicher Vorrat an Trauer" gehöre nun zu ihrem Alltag, schreibt die inzwischen 47-Jährige. "Aber neben dieser Trauer empfinde ich eine viel tiefere Wertschätzung für alles, was ich früher für selbstverständlich hielt: Angehörige, Freunde, einfach am Leben sein."

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Quelle: n-tv.de

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