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Arzberger sitzt in New York fest, schläft bei Bekannten und wartet auf den Prozess.
Arzberger sitzt in New York fest, schläft bei Bekannten und wartet auf den Prozess.(Foto: picture alliance / dpa)

Verbrechen ohne Erinnerung: Star-Geiger wartet weiter auf Mord-Prozess

Von Solveig Bach

Was genau geschah im März 2015 im New Yorker Hudson Hotel? Und vor allem, warum geschah es? Für Stefan Arzberger ist die Suche nach den Antworten auf die Frage ein seit Monaten nicht endender Albtraum.

Stefan Arzberger wird jahrelang als als erster Geiger des Leipziger Streichquartett gefeiert. Bei unzähligen umjubelten Auftritte in Konzertsälen auf der ganzen Welt applaudieren ihm die Menschen. Nun werden ihm versuchter Mord, Einbruch und Körperverletzung vorgeworfen. Bis zu 25 Jahre Haft könnte die Strafe lauten. Der Geiger ist arbeitslos, sitzt in New York fest und musste sein Instrument aus dem 18. Jahrhundert verkaufen. Seit fast einem Jahr wartet der 43-Jährige auf die Hauptverhandlung, darf die USA nicht verlassen.

Doch Arzberger weiß nichts von der Tat, die ihm vorgeworfen wird. Am 26. März 2015 war Arzberger zusammen mit seinen drei Musikerkollegen in New York eingetroffen. Es war die vorletzte Station einer Kurztournee. Den Tag verbrachte jeder für sich. Der Geiger schlief und übte zunächst. Abends verließ er das Hudson Hotel, um etwas zu essen und einen Drink zu nehmen. Später trank er mit zwei Engländerinnen noch ein Bier an der Hotelbar und spazierte zum Times Square. Um halb zwei ging er wieder zurück. Danach tut sich ein schwarzes Erinnerungsloch auf.

Auf den Überwachungsbildern des Hotels ist zu sehen, dass Arzberger um 3.52 Uhr in Begleitung einer großen schwarzen Frau die Lobby betritt. Der 43-Jährige wirkt ein wenig angeschlagen, aber nicht betrunken. Als die Frau sich im Aufzug zu ihm beugt, wendet er sich ab. Um 4.37 Uhr kommt die Frau wieder aus dem Fahrstuhl und verlässt das Hotel. Unter dem Arm hat sie Arzbergers iPad und, wie sich später herausstellt, auch seine Kreditkarte und sein Bargeld. Ein Privatdetektiv findet heraus, dass es sich bei der Person um Natalie N. oder Melissa handelt, einen Transvestiten, der bereits mehrfach wegen Prostitution vorbestraft ist. Melissa wird überführt, mit Arzbergers Kreditkarte zwei Mobiltelefone und Schmuck bestellt zu haben. Das gesteht sie auch und wird im Sommer zu fünf Monaten Haft verurteilt.

Nackt und ohne Erinnerung

Der elektronischen Türüberwachung zufolge stand Arzbergers Zimmertür von 4.00 Uhr bis 7.35 Uhr offen. Um kurz nach halb acht werden Hotelmitarbeiter aufmerksam, weil ein nackter Mann auf dem Hotelflur umherirrt und an verschiedene Türen klopft. Als ein Wachmann im neunten Stock eintrifft, findet er Arzberger vor, wie der eine Frau in ihrem Zimmer festhält.

Das erste, woran sich Arzberger wieder erinnern kann, ist, dass er nackt und mit auf dem Rücken gefesselten Händen auf seinem Hotelbett sitzt. Bei ihm sind zwei Polizisten "in schwarzen Uniformen". Sie sagen ihm, er habe eine Frau gewürgt und solle gestehen, die Tat sei auf Video dokumentiert.

Seitdem ist in Arzbergers Leben nichts mehr wie es einmal war. Er darf die USA nicht verlassen, er darf aber auch nicht arbeiten, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Aus dem Leipziger Streichquartett ist er inzwischen ausgetreten, um seinen Kollegen Planungssicherheit zu geben. Arzbergers Version der Geschichte ist die, dass er während des Abends mit K.o.-Tropfen vergiftet wurde. Als wahrscheinlichste Täterin käme dafür Melissa in Frage, die aber genau das bestreitet.

Viele Fragezeichen

Obwohl Arzbergers Anwalt gleich nach der Festnahme beantragt hatte, den Geiger auf Drogen zu testen, ist dies unterblieben. Das abgenommene Blut reichte nur für ein paar Routinetests, eine Urinprobe wurde inzwischen vernichtet. Ein später durchgeführter Bluttest war negativ. So dürfte es schwer fallen, eine Vergiftung nachzuweisen, auch wenn der Gedächtnisverlust und das aggressive Verhalten zu den Wirkungen gehören, die bei K.o.-Tropfen auftreten.

Auch sonst läuft es nicht gerade gut für den 43-Jährigen. Zwar hat die Polizei eingeräumt, dass versäumt wurde, ihm seine Rechte zu verlesen und dass es von den Vorfällen auf dem Hotelflur keineswegs Videomaterial gibt. Aber das Opfer, die 64-jährige Pam Robinson, will 20 Millionen Dollar Schmerzensgeld. Die Frau war unmittelbar nach der Tat zu ihrer Schwester nach Connecticut gereist, ohne dass ein Arzt sie untersucht hatte. Auch das Fotomaterial der Polizei ist nicht aussagekräftig.

Die Beweisfotos, die Arzbergers Übergriff und dessen Folgen belegen sollen, erstellte Robinson später mit ihrem Handy selbst. Zunächst war nur von "Einbruch" und "tätlichem Angriff" die Rede, inzwischen geht es um "versuchten Mord". Nur mühsam mahlen die Mühlen der US-Justiz. Das psychologische Gutachten, das im Auftrag der Verteidigung erstellt wurde, kommt zu dem Schluss, dass Arzberger weder zu Gewalt neigt, noch psychische Störungen oder ein Drogenproblem hat. Auf das entsprechende Gutachten der Anklage wartet Arzberger seit Juni. Bei einer kurzen Anhörung in New York am Dienstag, lag es immer noch nicht vor - nächster Termin ist nun der 5. März.

Freunde und Fans unterstützen Arzberger, auch finanziell. Sie halten es für ausgeschlossen, dass er einfach so eine Frau würgen könnte. Aber entscheidend ist, wie eine Jury darüber denkt.

Quelle: n-tv.de

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